
Auf den Leserreisen lernt man die Nutztierrassen des jeweiligen Reiselandes kennen: In Costa Rica sind Wasserbüffel häufig anzutreffen
Bettina Kiener
Was hat es mit Leserreisen auf sich?
Rudolf Haudenschild: Leser- oder auch Mitgliederreisen haben bei Zeitungen, aber auch bei Vereinen eine lange Tradition. In den 1970er- und 1980er-Jahren haben besonders die kantonalen Traktorenund Landtechnikverbände, die heutigen Sektionen des Schweizerischen Verbands für Landtechnik (SVLT), interessante Fachreisen mit touristischem Rahmenprogramm organisiert. Sie dienten der Mitgliederwerbung und -bindung und sind bis heute ein wichtiges wirtschaftliches Standbein. Aus meiner Sicht sind sie die «Erfinder» der heutigen landwirtschaftlichen «Fachreisen».
Haben Sie die Leserreisen beim «Schweizer Bauer» eingeführt?
Nein. Als ich 1991 zum «Schweizer Bauer» kam, wurden bereits Reisen durchgeführt. Meistens gab es jährlich eine Flugreise – beispielsweise nach Amerika oder Australien – sowie Zugreisen, etwa nach Hannover (D), abwechselnd an die Eurotier und die Agritechnica. Dazu kamen Besuche am Salon International de l’Agriculture (SIA) in Paris an der Porte de Versailles oder an der Landtechnik-Ausstellung im Norden von Paris (Sima, später Simagena mit Rinderzucht, Fleisch- und Milchrassen). Heute gibt es die Simagena nicht mehr.
Wie ist es dazu gekommen, dass heute bis zu zwölf Leserreisen ausgeschrieben werden?
1996 begann die gemeinsame Zusammenarbeit zwischen dem Reiseanbieter Geriberz in Wettingen AG und dem «Schweizer Bauer». Der Auslöser dafür war das 150-Jahr-Jubiläum des «Schweizer Bauer».
Inwiefern?
Das Jubiläum wurde im Kursaal in Bern gefeiert. Dazu wurden 1’000 Leserinnen und Leser aus der ganzen Schweiz eingeladen. Geriberz stellte die Busse für den Transport sowie Sandwiches und Getränke kostenlos zur Verfügung mit Blick auf eine engere Zusammenarbeit. In der Folge begannen wir, jährlich gemeinsam fünf bis sechs landwirtschaftliche Fachreisen zu organisieren, vor allem Flugreisen. Der grosse Vorteil für die Landwirtinnen und Landwirte war stets, dass sie nur zum Flughafen kommen mussten und nichts selber organisieren mussten. Die Fachreisen sind Komfortreisen – alles ist organisiert und geplant.
«Jede Reise ist unterschiedlich und auf ihre Art spannend.»
Wie gross sind die Reisegruppen?
Das Ziel war und ist immer, überschaubare Gruppen zu haben – im besten Fall nicht mehr als rund 40 Personen.
Weshalb ist das wichtig?
Wir wollen, dass alle gemeinsam in einem Bus unterwegs sein können, alle dasselbe hören und sich untereinander kennen lernen und austauschen können. In dieser Gruppengrösse sind auch die gemeinsame Verpflegung sowie das Einchecken in den Hotels gut machbar.
Weshalb haben Leserreisen eine so starke Anziehungskraft?
Leserreisen machen auf eine gewisse Art süchtig. Wenn Schweizer Bauern und Bäuerinnen zusammenkommen, kennen sie meistens direkt oder zusammen jemanden. Ein wichtiger Aspekt ist die Gemütlichkeit: Man hat Zeit, zusammenzusitzen, ohne dass man in den Stall zum Melken hetzen muss. In den Gesprächen merken die Landwirtinnen und Landwirte, dass es anderen ähnlich geht und sie mit vielen Themen nicht allein dastehen. Das stärkt das Wir-Gefühl.
Wie wichtig ist der Austausch untereinander?
Die Gespräche untereinander sind ebenso wichtig wie das Besichtigen von Betrieben. Das musste ich auch zuerst lernen.
Wie meinen Sie das?
Bei den ersten Reisen dachte ich, dass die Teilnehmenden möglichst viel sehen wollten – am besten vier bis fünf Betriebe pro Tag. Bis mir einmal ein Reiseteilnehmer sagte: «Wir sind nicht nur wegen der Kühe gekommen.» So entwickelten sich die Fachreisen zu einer guten Mischung aus Landwirtschaft, Kultur und Natur in den jeweiligen Ländern.
Neben Geriberz werden auch Reisen mit Twerenbold durchgeführt. Weshalb?
Die Zusammenarbeit mit Twerenbold begann 2017. Damals wurde Pius Schmid pensioniert, der die Futtermittelfirma Provimi Kliba SA (heute Granovit) geleitet hatte. Sein Beziehungsnetz und sein Interesse waren der Grund für die Zusammenarbeit mit Twerenbold, insbesondere für Busreisen. Er brachte selber Reiseteilnehmer mit, war vom Fach und begleitete die Reisen persönlich mit viel Umsicht.
Welche war Ihre Lieblingsreise?
Das ist sehr schwierig zu sagen. Jede Reise ist unterschiedlich und auf ihre Art spannend. Ich habe an vielem Interesse und Freude. Zu meinen Highlights gehörten Reisen nach Kanada, in die USA, nach Südafrika, Australien/Neuseeland, Spanien und Russland.
Beenden Sie die Sätze: Leserreisen sind… gesellig und bildend.
Landwirtschaft ist... das A und O des Lebens. Ohne Landwirtschaft könnten wir nicht existieren. Umso bedauerlicher ist es, dass viel zu wenig geschätzt wird, was Landwirtinnen und Landwirte tagtäglich das ganze Jahr über draussen leisten.
