Auch ein Blitz bringt sie nicht aus der Bahn

Rückschläge, harte Arbeit und ein unbeirrbarer Wille prägen den Weg von Tina Ambühl aus dem Dischma GR. Trotz schwerer Verletzungen verliert sie ihr Ziel nie aus den Augen. Mit grossem Einsatz, Unterstützung aus ihrem Umfeld und einer klaren Haltung kämpft sie sich immer wieder zurück, dorthin, wo sie hingehört: auf die Alp.

Silvana Eggenberger-Roffler |

Tina Ambühl wuchs gemeinsam mit einer Schwester und einem Bruder im Dischmatal, einem Seitental von Davos GR, auf. Schon früh zog es die beiden Mädchen eher in den Stall und auf den Hof als ins Schulzimmer. Für Tina Ambühl war deshalb schnell klar: Sie will Landwirtin werden.

Trotz drei Meniskus- und Kreuzbandoperationen und der damit verbundenen Wiederholung des ersten Lehrjahres hielt sie konsequent an diesem Berufswunsch fest. Direkt nach der Erstausbildung erfüllte sie sich gemeinsam mit ihrer besten Freundin Selina Senti einen lang gehegten Wunsch: einen Alpsommer. Die Erfahrungen auf der Alp führten dazu, dass die beiden eine Zweitausbildung zur Milchtechnologin in Angriff nahmen.

Glück im Unglück

Nach deren Abschluss gingen Tina Ambühl, ihre Schwester Linda Ambühl und eine Zusennin erneut z Alp. Doch bereits am dritten Tag kam alles anders: Die Zusennin brach den Alpsommer ab, und plötzlich standen die Schwestern allein da. Dank Unterstützung von Freunden und insbesondere von Selina Senti gelang es den beiden, den Sommer zu zweit zu meistern. Doch damit nicht genug: Ende Juli wurde Tina Ambühl bei einem Gewitter vom Blitz getroffen.

«Ich habe das Kessi voller Milch, und meine Schwester ist allein auf der Alp. Ich muss zurück.»

Tina Ambühl, Landwirtin

Trotz des Schocks schaffte sie es noch in den Stall, wo sie ohnmächtig wurde. Auf Rat der Mutter ging Tina Ambühl dann ins Spital nach Ilanz GR, wo die Ärzte zum Glück Entwarnung gaben. Dennoch sollte sie zur Kontrolle bleiben. Für Ambühl war klar: «Ich habe das Kessi voller Milch, und meine Schwester ist allein auf der Alp. Ich muss zurück.» Bereits am nächsten Tag stand sie wieder in der Käserei. Nach dem vierten Alpsommer im Jahr 2024 trat Tina Ambühl eine Stelle in der Molkerei in Davos an, um die Zeit zwischen den Alpsaisons zu überbrücken.

Der erste Arbeitstag

An ihrem ersten Arbeitstag stand die Fondueverarbeitung auf dem Programm: Käse wurde mit dem Fleischwolf zerkleinert und anschliessend weiterverarbeitet. Dann ging alles ganz schnell. Ihre Hand geriet in den Fleischwolf und wurde dabei schwer verletzt. Mit dem Helikopter wurde Ambühl umgehend nach Zürich geflogen. In einer achtstündigen Operation gelang es den Ärzten, ihre Hand grösstenteils zu rekonstruieren. Von vier stark beschädigten Fingern konnte nur der Zeigefinger nicht gerettet werden. Als Ambühl im Spital erwachte, stellte sie die entscheidende Frage: «Kann ich nächsten Sommer z Alp?»

Die Antwort lautete: «Ja.» Nach einem kurzen Moment der Erleichterung fragte sie sich jedoch, ob die Ärztin überhaupt wusste, was eine Alp ist und was das bedeutet. Für die Landwirtin stand dennoch fest: Im Sommer 2025 wird sie wieder gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrer Freundin Selina Senti auf die Alp gehen. Bereits fünf Tage später kehrte sie nach Hause zurück. Es folgte ein intensiver Rehabilitationsprozess: regelmässige Fahrten nach Chur zum Verbandswechsel, Therapien in Zürich sowie tägliche Übungen zu Hause.

Mit beeindruckendem Willen und einem klaren Ziel vor Augen arbeitete Ambühl konsequent an ihrer Genesung. Schritt für Schritt kehrten Beweglichkeit und Kraft zurück. Vieles musste sie neu erlernen, mit der linken Hand. Als sie im Februar erstmals wieder in den Stall durfte, stellten sich neue Fragen: Wie melken? Wie das Aggregat halten? Mit dem nahenden Frühling kamen auch Zweifel auf, ob es bis zum Alpsommer reichen würde. Doch dank der Unterstützung ihres Umfelds, ihrem starken Willen und einem klaren Ziel machte Tina Ambühl täglich Fortschritte.

Neue Ziele

Und tatsächlich: Tina Ambühl kehrte zurück auf die Alp. Einzelne Handgriffe dauerten länger oder mussten angepasst werden, doch sie fand Lösungen. Geht nicht, gibt es für sie nicht. Für ihre Kolleginnen war bald klar: Ein Unterschied war kaum spürbar. «Für uns hat sich nichts verändert, Tina arbeitet wie in den Sommern zuvor», sagen sie. Während des ganzen Sommers hörte man von Tina nie, dass etwas nicht gehe.

Sie probierte, passte an und fand einen Weg. Nach dem Alpsommer sprang die heute 27-Jährige durch Zufall als Betriebshelferin ein und fand sofort Gefallen an der Arbeit. Für Ambühl zählt heute vor allem eines: dass sie wieder arbeiten kann. Rückblickend empfindet sie die Zeit der Genesung als erstaunlich kurz. Doch sie gibt zu, dass sie oft ungeduldig war und kaum Fortschritte sah. Entscheidend waren in diesen Momenten ihr klares Ziel sowie der starke Rückhalt von Familie und Freunden. Heute sagt Ambühl selbst, sie habe «Glück im Unglück» gehabt. Sie sei immer wieder glimpflich davongekommen, und es hätte auch anders ausgehen können. Aus jedem Rückschlag habe sich auch etwas Positives ergeben.

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