
Trotz Rückschlägen und Wolfsangriffen bleibt das junge Paar voller Einsatz bei der Arbeit mit ihren Ziegen auf dem Hof.
Sophie Blonk
Ein sonniger Wintertag in Rossura im oberen Leventinatal, hoch oben in den Bergen des Kantons Tessin. Hier leben Danilo Falconi und Sabrina Genini mit ihrer vierjährigen Tochter, die in Faido den Kindergarten besucht. Gemeinsam bewirtschaften sie den Landwirtschaftsbetrieb «Azienda agricola Falconi Danilo e Genini Sabrina». Die Menschen, die im Winter im Dorf Rossura leben, sind an vier Händen abzuzählen.
Schwierige Entscheidungen
Draussen beim Betrieb des Bergbauernpaares ist das einzige Geräusch das Meckern der Ziegen. Ihre Geschichte hat jedoch wenig mit der idyllischen Vorstellung vom Alpleben zu tun, sondern ist geprägt von schwierigen Entscheidungen und Verlusten, die ihre Arbeit grundlegend verändert haben.
Die Landwirtschaft ist im Leben dieser beiden jungen Menschen, die zusammen noch keine siebzig Jahre zählen, zentral. Beide haben ihre Ausbildung am kantonalen landwirtschaftlichen Institut in Mezzana absolviert. Danilo Falconi hat zuerst die Ausbildungen zum Forstwart und zum Metzger gemacht.
Aufbruch und Abschied
2016 kaufte Danilo Falconi den Betrieb seines Onkels mitsamt der Alp Nara oberhalb von Rossura. Ab 2019 bewirtschaftete er die Alp gemeinsam mit Sabrina Genini, die seit 2024 auch offiziell Miteigentümerin des Betriebs ist. Unterstützt vom Onkel und von einem Helfer aus dem Dorf, stemmten sie die Heuernte und führten den anspruchsvollen Alpbetrieb. In den besten Jahren weideten dort rund 150 Ziegen, vorwiegend der Rasse Nera Verzasca, sowie zehn Kühe. Genini arbeitete als Käserin, Falconi als Hirt.
Die junge Bäuerin erinnert sich daran, wie sie abends vor der Hütte sassen und den Ziegen bei der Rückkehr in den Stall zusahen ‒ Momente von grosser Freiheit für Mensch und Tier. Die Sommer auf der Alp gehörten zu den schönsten ihres Lebens. Alles wurde zusammen bewältigt. Der Alltag war anspruchsvoll: Es gab keine richtige Strasse, sondern nur einen Fussweg, auf dem die Alp in einer Stunde erreicht werden kann. Zu Beginn jeder Alpsaison musste der Vorplatz der Hütte während zweier Tage mühsam von Steinen freigeräumt werden. Und die alte Hütte war so zugig, dass sie selbst mit dem Tag und Nacht brennenden Kamin kaum zu heizen war, doch genau das schätzten sie.
Die Zweifel überwunden
Allerdings machten die zunehmende Präsenz der Wölfe, die Schwierigkeit, verlässliches Personal zu finden, sowie die fehlende Unterstützung des Patriziats von Rossura das Leben auf der Alp immer beschwerlicher. Danilo Falconi und Sabrina Genini fühlten sich von den Behörden zunehmend übergangen und alleingelassen. Jahrelang hatten sie das Patriziat von Rossura um Hilfe gebeten ‒ sowohl für die Renovierung der Hütte, in der Onkel und Helfer auf der Alp Nara übernachteten, als auch für die Instandsetzung des Käsekellers und des Stalls.
Doch die Antwort blieb stets dieselbe: «Da gibt es nichts zu machen.» Als schliesslich der Wolf auch auf der Alp Nara auftauchte, erreichte das Gefühl der Vernachlässigung und mangelnder Wertschätzung für ihre Arbeit seinen Höhepunkt. Und sie stellten sich die Frage, ob es sich überhaupt noch lohne, den Alpbetrieb weiterzuführen.
Die Nacht des Schreckens
Der Wendepunkt kam am 12. September 2024. «Es war etwa Mitternacht», erzählt Sabrina Genini. «Ich hörte zuerst die Kühe rennen und dann plötzlich die Ziegen, die im doppelten Zaun rund um die Hütte schliefen. Dann war da dieser starke Geruch nach nassem Hund. Ich weckte Danilo, und wir machten Lärm, um alles zu vertreiben, was draussen war.» Am nächsten Tag liessen sie die Ziegen wie gewohnt auf die Weide, doch einige Gitzi fehlten. Trotz der Hilfe von zwei weiteren Personen wurden die verlorenen Tiere nie gefunden.
Einige Tage später sichtete Danilo Falconi zwei Wölfe und fand die Überreste einer Ziege. «Da sagten wir: Es reicht, wir gehen runter», sagt der Landwirt. Einige Ziegen wurden für ein paar Wochen in einem Gehege in den Bergen untergebracht. Am Ende des Sommers fehlten insgesamt 20 Tiere. Seit diesem Jahr wird die Alp Nara von einem anderen Landwirt mit rund 80 Mutterkühen bestossen. Für Danilo Falconi und Sabrina Genini ist der Abschied schmerzhaft, doch die Entscheidung ist klar: Ihre Tiere sollen lebend ins Tal zurückkehren ‒ «nicht als gerissene Kadaver mit Ohrmarke, die nur noch für eine Todesmeldung taugen», betont die Bergbäuerin.
Hin und weg
Nach dem Abschied von der Alp Nara suchten Danilo Falconi und Sabrina Genini nach einer neuen Lösung für die Sommermonate, nach einem Ort, an dem ihre Tiere sicher weiden können. Fündig wurden sie auf der Alp Pietrarossa im Val Colla, im südlichen Tessin, die von den Brüdern Signer bewirtschaftet wird. Dort verbringen ihre Ziegen den Sommer von Ende Mai bis Ende September und grasen tagsüber im Freien mit der Möglichkeit, sich in den Stall zurückzuziehen. Auch hier sind Wölfe präsent.
Im Gegensatz zur Alp Nara sind die Tiere jedoch jederzeit geschützt: tagsüber unter der Aufsicht des Hirten und seines Hundes, nachts in einem elektrifizierten Gehege. Während der übrigen drei Jahreszeiten bleiben die Ziegen in Rossura, wo sie Zugang zu Weiden mit Elektrozäunen haben, die nach den Wolfsangriffen im September 2024 installiert wurden. Im Frühling werden die Tiere morgens gemolken, verbringen den Tag auf der Weide und kehren abends selbstständig zur zweiten Melkung in den Stall zurück, wo sie aus Sicherheitsgründen auch über Nacht bleiben.
Angstzustände und Stress
Für das Melken auf der Alp Pietrarossa wurden Melkmaschine und Wagen angeschafft, während im Stall in Rossura weiterhin von Hand gemolken wird. Das Wohl der Tiere steht an erster Stelle: Sabrina Genini verbringt mehr Zeit im Stall als zu Hause, kennt jede Ziege beim Namen, streichelt und bürstet sie und überprüft täglich, ob es allen gut geht. Ein unermüdlicher Einsatz für ihre Schützlinge.
Nachdem Danilo Falconi und Sabrina Genini einen neuen Ort für ihre Tiere gefunden hatten, konnten sie endlich etwas aufatmen. Doch die Monate nach dem Übergriff waren extrem belastend: Sabrina Genini kämpfte mit Angstzuständen und Stress, fühlte sich oft so erschöpft, dass sie kaum aus dem Bett kam oder Zeit mit ihrer Tochter verbringen konnte. Genini konsultierte einen Arzt, der ihr Medikamente verschrieb, damit sie die Angstzustände bewältigen konnte. Zudem begab sie sich in physiotherapeutische Behandlung, da die psychische Belastung auch zu starken Verspannungen im Nackenbereich geführt hatte.
Voller Optimismus
Nach und nach stabilisierte sich die Situation, doch die Zeit bleibt beiden in schmerzhafter Erinnerung. Heute betreibt das Paar nur wenige Gehminuten vom Hof entfernt einen kleinen Selbstbedienungsladen, in dem es Formaggelle, Büscion, gelegentlich Ziger, Gitzi, Wurstwaren und Wild verkauft, ergänzt durch weitere lokale Spezialitäten. Im Frühling und im Sommer verkaufen die beiden so rund 300 Kilogramm Käse. Im Sommer greifen besonders Touristen und Wanderer auf der Strada Alta gerne zu.
Trotz aller Herausforderungen und Rückschläge bleiben Danilo Falconi und Sabrina Genini voller Optimismus. Die Arbeit auf dem Hof schenkt ihnen Freude und Zufriedenheit, und Aufgeben kommt für sie nicht infrage. Auch wenn das Leben auf der Alp Nara für sie der Vergangenheit angehört, lebt ihr Betrieb weiter, und ihre Tiere brauchen sie ebenso sehr, wie sie ihre Tiere brauchen.