
Familie Biser (v. l.): Chläus jun., Nora (Hund), Silvia, Chläus, Toni, Samuel, Jeannine.
Seraina Sommer
Der Duft von frisch gebackenem Kuchen liegt in der Luft, draussen kommen neue Spaziergänger an. Der Blick auf den Zuger- und den Zürichsee mit den Alpen ist glasklar. Drinnen koordiniert die Familie Biser ihr Servicepersonal, kocht Rösti mit Speck und Spiegelei und hilft am Buffet mit.
Dass es einmal ein Bergrestaurant führen würde, war nicht der Plan des Appenzeller Ehepaares, als es vor 31 Jahren nach Zürich zog.«Ich wollte schon immer Bauer werden», sagt Niklaus Biser, der «Chläus» genannt wird. Als er eine Anzeige entdeckt, dass auf dem Kappelerhof ein Landwirt gesucht wird, bewirbt er sich und bekommt die Stelle. «Ich kannte die Region, und sie hat mir gefallen.»
Ausbildung zur Betriebsleiterin
Gemeinsam mit seiner Frau Silvia wagt er den Schritt. Beide sind auf Bauernhöfen aufgewachsen und finden sich schnell in der neuen Umgebung zurecht. «Wir sind sehr gut aufgenommen worden», erinnert sich Silvia Biser.
«Einer musste es halt machen – und Chläus hatte keine Lehre.»
Der Wunsch nach einem eigenen Betrieb bleibt jedoch. Wirklichkeit wird er, als das Paar im «Schweizer Bauer» auf ein Pachtinserat für einen Hof auf dem Albispass stösst. 2008 zieht die Familie mit ihren vier Kindern dorthin. Damit die Familie die Voraussetzungen für Direktzahlungen erfüllt, absolviert Silvia Biser bei der Hofübernahme zusätzlich die Ausbildung zur Betriebsleiterin –nicht ganz freiwillig, wie sie lachend erzählt: «Einer musste es halt machen – und Chläus hatte keine Lehre.» Mit ihrer Ausbildung zur Haushälterin und zur Verkäuferin bringt sie noch ganz andere Stärken in den Betrieb ein.
Nächste Generation eingebunden
Heute umfasst der Betrieb rund 55 Milchkühe, ebenso viele Aufzuchtrinder, 200 Hühner, Esel, Hund und Katze. Bewirtschaftet werden über 50 Hektaren Wiesenland. Im Jahr 2021 kauft das Ehepaar einen kleineren Milchviehbetrieb am Hinteralbis, wo es 16 Milchkühe und sechs Schafe hält.
Die drei älteren Kinder, Silvia junior (29), Niklaus junior (28) und Toni (27), haben das Elternhaus bereits verlassen. Nur Ueli (24) lebt noch zu Hause. Tochter Silvia lebt mittlerweile zusammen mit ihrem Mann und den Kindern in Ennenda GL und betreibt ebenfalls einen Bauernhof.
Inzwischen ist auf dem Hof auch schon die nächste Generation eingebunden: Sohn Toni Biser arbeitet auf dem Hof am Hinteralbis und unterstützt seinen Vater weiterhin auf dem Albispass. Ende des Jahres wird er den Betrieb am Hinteralbis seinen Eltern abkaufen.
Pacht läuft aus
«Unser 14-jähriger Pachtvertrag wurde bereits einmal um fünf Jahre verlängert – nächstes Jahr läuft er nun endgültig aus», sagt Chläus Biser. Die Frage nach der Zukunft beschäftigt ihn schon länger.
Der entscheidende Impuls kam jedoch von seinem Sohn, Chläus junior: Im Frühjahr 2024 entdeckt dieser eine Anzeige – das Bergrestaurant Albishorn auf 909 Meter über Mee r wird zur Pacht ausgeschrieben –, und er schickt sie seinem Vater.
Danach geht alles überraschend schnell. Bereits im Mai 2024 wird der Vertrag unterzeichnet, im August übernimmt die Familie den Betrieb. «Ohne die Zusicherung unseres Sohnes Chläus junior zur Mitarbeit hätten wir diesen Schritt nicht gewagt», so das Ehepaar. Zugute kommt ihnen, dass sie die bestehende Struktur übernehmen können — sie kaufen die GmbH, und auch das bisherige Team bleibt.
Bis zu 240 Gäste
Gastronomische Erfahrung bringt die Familie keine mit. Das Wirten bringen sie sich kurzerhand selbst bei. «Eigentlich hätte ich mir gewünscht, diesen Schritt erst nach 2027 machen zu können, wenn der Pachtvertrag des Hofs ausläuft», sagt Chläus Biser.
«Wir sind ein eingespieltes Team»
«Doch wir mussten die Chance ergreifen.» Heute führt die Familie Biser neben zwei Bauernhöfen also auch ein Bergrestaurant: ein Spagat, der viel Organisation verlangt. Bis zu 240 Gäste finden auf dem Albishorn Platz. Entsprechend gross ist der Betrieb, den die Familie zusätzlich zum Hofalltag stemmt.
Ganz fremd war ihnen das Albishorn allerdings nicht: Die direkt ans Restaurant angrenzende Wiese mähten sie bereits für den Verpächter, und dabei kam Chläus Biser immer wieder mit ihm ins Gespräch.
Der Sohn als «Tätschmeister»
Silvia steht die meiste Zeit in der Küche, entgegen ihrer ursprünglichen Vorgabe: «Ich mache alles, aber gehe sicher nicht in die Küche», erklärt sie und lacht. Heute bereitet sie genau dort die Gerichte zu und kümmert sich auch noch um die ganze Administration.
Der Sohn Niklaus Biser junior übernimmt die Rolle des Koordinators, organisiert das Personal und wirkt als «Tätschmeister». Chläus Biser senior selbst beginnt und beendet seinen Tag weiterhin im Stall, kümmert sich um die Hofarbeiten und hilft zu Spitzenzeiten auch im Restaurant mit. Wenn es irgendwo brennt, springen alle ein: Silvia hilft beim Mähen, Chläus jun. im Stall, Ueli, Toni und Jeannine, Tonis Frau, im Restaurant. «Wir sind ein eingespieltes Team», sagt die Familie.
Ein Stück Appenzell
Besonders ist das Gastrokonzept der Familie vor allem wegen der eigenen Produkte: Fleisch von den eigenen Rindern und Schafen, Eier von den Hühnern. Auch Kuchen und andere Speisen werden hausgemacht. Ein Stück Appenzell findet sich ebenfalls auf der Karte: Schlorzifladen, Siedwürste und natürlich das beliebte Quöllfrisch. Bei allem legen die Bisers grossen Wert auf Regionalität und Saisonalität und probieren immer wieder Neues aus, zuletzt selbst gemachte Frühlingsrollen.
Auch rund um den Restaurantbetrieb lassen sich die Bisers immer wieder etwas einfallen: Vollmondabende, Sonntagsbrunch oder spontane Auftritte von Örgelern sorgen dafür, dass es auf dem Albishorn selten ganz ruhig bleibt.
Da sie über einen Vertrag verfügen, der jeweils nur für ein Jahr gilt, bringt das Flexibilität und gleichzeitig Unsicherheit mit sich. «Wir leben von Jahr zu Jahr. Aktuell macht es uns Spass, so, wie es ist, und alles Weitere lassen wir offen.» Klar ist aber: Mit dem Ende des Pachtvertrags für den Hof und dem Verkauf des eigenen Bauernbetriebs an Sohn Toni wird sich der Alltag erneut verändern, und wer weiss, vielleicht sogar ein wenig entschleunigen.