Von der Kauffrau zur Meisterlandwirtin

Vom Büro aufs Feld, von der Lernenden zur Meisterlandwirtin: Murielle Winkelmann zeigt, wie sie als Quereinsteigerin mit Leidenschaft, Weiterbildung und Durchhaltewillen ihren Platz in der Landwirtschaft findet – auch ohne elterlichen Hof. Langfristig möchte sie dann aber doch einen eigenen Betrieb führen.

Renate Hodel, lid |

Als Murielle Winkelmann vor der Berufswahl stand, entschieden ihre Eltern, dass zuerst Französisch auf dem Programm steht.

Bei Kartoffelernte sprang Funke

Murielle Winkelmann suchte sich dafür kein Klassenzimmer, sondern ein Hauswirtschaftsbildungsjahr in einer Bauernfamilie im Kanton Waadt. Auf dem Biobetrieb mit Milchwirtschaft und Ackerbau fühlte sie sich schnell zuhause. «Das Jahr weckte meine Leidenschaft und mein Interesse für die Landwirtschaft», sagt sie. In der Schule in Moudon VD fand sie neben ihren Freundinnen in der Hauswirtschaftsklasse auch Freunde, welche die Landwirtschaftslehre absolvierten.

Der Funke sprang endgültig über, als sie in der Freizeit «in jeder freien Minute» bei einem guten Freund auf der Kartoffelerntemaschine stand. Und doch führte ihr Weg zunächst ins Büro: Eine Lehre als Kauffrau, danach zwei Jahre als Rezeptionistin und später als Redaktions- und Vertriebsassistenz beim ehemaligen Schweizer Agrarmagazin «Landfreund». Gerade diese Zeit schärfte ihren Wunsch, nicht nur zu organisieren, sondern zu gestalten – und «etwas mit meinen Händen und der Natur zu tun».

Meisterlandwirtin ohne Bauernhof

Der Schritt in die Landwirtschaft war ein Quereinstieg – und ein bewusster. Murielle Winkelmann wagte etwas, das sich viele ohne Bauernfamilie im Rücken kaum zutrauen: Sie begann als Nicht-Bauerntochter die Lehre zur Landwirtin. Einen passenden Lehrbetrieb fand sie bei einer geduldigen Lehrmeisterin – als Zweitausbildung absolvierte sie die Lehre in zwei Lehrjahren. Prägend war für sie die Zweitausbildnerklasse, in der sie andere junge Menschen ohne familieneigenen Betrieb kennenlernte. In dieser Gruppe wurde viel über die Zukunft diskutiert. Ein eigener Betrieb schwebte ihr schon damals vor – gleichzeitig wusste sie, wie schwierig Suche und Finanzierung werden können.

«In der Schweiz haben wir eine Riesenchance, dass sich sowohl Bund als auch Kanton an den Weiterbildungskosten für die höhere Berufsbildung beteiligen.»

Murielle Winkelmann

Beim erfolgreich abgeschlossenen Eidgenössischen Fähigkeitszeugnis beliess sie es aber nicht: «Bereits zu Stiftizeiten hatte ich viele Fragen im Kopf, von denen ich wusste, dass ich sie mit einer Weiterbildung beantworten bekäme», erzählt sie. Als gelernte Kauffrau reizten sie besonders die Module, welche die Wirtschaftlichkeit der Betriebe und die Agrarpolitik beleuchten. Als sie die erste Hürde der Betriebsleiterschule nahm und auf Unterstützung ihres Chefs zählen durfte, war für sie klar, dass sie weiterzieht bis zur Meisterlandwirtin. Rückhalt gab ihr auch eine enge Kollegin aus der Betriebsleiterschule, die sie bis in die Meistermodule begleitete.

-> Hier finden Sie Infos zur Berufsbildung in der Landwirtschaft

Wie Weiterbildung den Blick schärft

Auch die Rahmenbedingungen halfen: Der Bund beteiligt sich mit 50 Prozent an den Weiterbildungskosten der höheren Berufsbildung – der Kanton Bern mit 25 Prozent. «Aus meiner Sicht haben wir in der Schweiz eine Riesenchance, dass sich sowohl Bund als auch Kanton an den Weiterbildungskosten für die höhere Berufsbildung beteiligt – das Geld ist gut investiert», ist sie überzeugt.

Der Betrieb

Meisterlandwirtin Murielle Winkelmann ist auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in Zauggenried im Kanton Bern tätig, der sich über rund 32 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche sowie 10 Hektar Wald erstreckt. Der Betrieb verbindet Ackerbau mit Tierhaltung und zeichnet sich durch eine breit gefächerte Fruchtfolge aus. Auf den Feldern werden unter anderem Futtergerste, Futtermais, Futterweizen, Zuckerrüben, Kartoffeln und Karotten angebaut. Ergänzt wird die Ackerproduktion durch die Haltung von Schweinen in Aufzucht und Mast. Quelle: UFA Revue

Was sie aus der höheren Berufsbildung besonders mitnimmt, ist der praktische Blick hinter die Zahlen. Vollkostenrechnungen, Investitionsentscheide, das saubere Einordnen von Kosten: «Das zeigte spannende Einblicke, wo Kosten optimiert werden können und wo sich ein Betrieb bereits sehr gut aufgestellt hat», erläutert sie. Gleichzeitig lernte sie, Abläufe und Entscheidungen kritischer zu hinterfragen. Dazu kamen inspirierende Begegnungen und ein Netzwerk aus Berufskolleginnen, Berufskollegen und Beratungspersonen, das sie bis heute schätzt.

Buchhaltungsdaten

Dass Weiterbildung nicht nur Fleiss und passende Rahmenbedingungen, sondern auch Vertrauen braucht, erlebte sie jedoch deutlich. Für Betriebsstudien braucht es tiefe Einblicke in Buchhaltung, Feldkalender und Abläufe. Und da Murielle Winkelmann noch keinen eigenen Betrieb bewirtschaftet, war sie dafür auf einen vertrauensvollen Chef angewiesen: Für die Weiterbildung brauchte sie vom Betriebsleiter Zugriff auf relevante Daten.

«Die Kosten zu kennen und zu wissen, wo das Geld hinfliesst, erachte ich als höchstes Gut.»

Murielle Winkelmann

Trotzdem landete sie zunächst bei einem Arbeitgeber, der zwar Schulbesuche auf Überzeit und Ferientage ermöglichte, die Buchhaltungszahlen blieben ihr aber verwehrt. So wechselte sie mitten in der Betriebsleiterschule noch die Stelle. «Es war einfach zwingend nötig, die Buchhaltungsdaten zu erhalten», erzählt Murielle Winkelmann.

Zwischen Adhäsionsgewichten und Zukunftsplänen

Auf dem heutigen Betrieb erlebt sie genau diese Offenheit. Ihr Chef war während der intensiven Ausbildungszeit eine grosse Hilfe und der Nutzen wirkt bis heute. Inhalte aus Kursen werden im Betrieb weiterdiskutiert – zum Beispiel, als sie im Modul Agrartechnik mit Adhäsionsgewichten auseinandersetzte und ihr Wissen direkt auf dem Betrieb einbringen konnte. Für Murielle Winkelmann ist das der Kern von Bildung: nicht ein Diplom an der Wand, sondern bessere Gespräche, klarere Entscheidungen und mehr Sicherheit im Alltag.

«Seid offen, euch auf die Mühen einer Weiterbildung einzulassen.»

Murielle Winkelmann

Langfristig möchte sie einen eigenen Betrieb führen. Was ihr dabei am meisten hilft, ist aus ihrer Sicht der finanzielle Überblick: «Die Kosten zu kennen und zu wissen, wo das Geld hinfliesst, erachte ich als höchstes Gut.» Dazu gehöre auch Ehrlichkeit sich selbst gegenüber: Welche Arbeiten macht man selber – und wo ist Delegieren oder Aaslagern sinnvoll, je nach Struktur des Betriebs. Gleichzeitig sieht sie die Meisterausbildung als Türöffner über den Hof hinaus, etwa für Engagement in Branchenorganisationen oder in der Politik.

Ihre Botschaft an Absolventen mit Eidgenössischem Fähigkeitszeugnis ist deshalb unkompliziert: «Seid offen, euch auf die Mühen einer Weiterbildung einzulassen.» Das Bildungsangebot in der Schweiz sei hervorragend und flexibel – man solle auswählen, was einen weiterbringt, denn es lohne sich. Und allen, die bereits voll im Berufsleben stehen: dranbleiben. In der Landwirtschaft könne man «jeden Tag etwas Neues lernen» – nicht zuletzt, weil die Natur jederzeit für eine Überraschung gut ist.

Kommentare (2)

Sortieren nach: Likes | Datum
  • Otto Zimmermann | 26.01.2026

    Liebe Murielle


    Genau solche Personen wie dich braucht die Schweizerlandwirtschaft.


    Bauern und Bäuerinnen, welche mit offenen Gedanken und Zielorientiert unterwegs sind. Ist es doch der schönste Job den wir ausüben dürfen, wenn auch die Rahmenbedingungen manchmal etwas Herausfordernt sind.


    Es gibt aber immer für jedes Problem auch eine Lösung und diese findet man jeweils immer am besten, wenn man seine Zahlen kennt und analysiert.


    Liebe Murielle wünsche dir für deine Zukunft viel Erfolg und Spaß im Traumjob Buur

  • Biopuur | 24.01.2026

    Guete Obig Murielle


    Super, unsere Branche braucht Junge motivierte Personen wie dich.


    Wenn Zuhause kein Betrieb vorhanden ist umso mehr: Chapeau!


    Betriebswirtschaft ist heute entscheidend wichtiger geworden.


    Ich wünsche dir für die Zukunft viel Erfolg

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