
Mensch und Tier sind glücklich, dass sie gut auf der Alp angekommen sind, auch Käthi Bühler ist erleichtert.
Jasmin Baumann
Noch im Halbdunkel werden die letzten Kühe zum Melkroboter gebracht, bevor es hinauf auf die Alp geht. Anschliessend bekommt jede Kuh eine Weideglocke und das Responderhalsband wird durch ein einfaches Anbindehalsband ersetzt.
Tiere bestimmen das Tempo
Um 6:30 Uhr ist alles bereit – die Spannung liegt spürbar in der kühlen Morgenluft. Kühe, Älplerfamilie, Bauernfamilie sowie Helferinnen und Helfer machen sich gemeinsam auf den Weg. Es geht los – Richtung Simmenfälle und dann langsam «obsi». Der Weg ist steinig und steigt stetig an. Vorbei an der Barbarabrücke bis hin zur Verzweigung Siebenbrünnen oder Nessli und dann links.

Der Weg ist steinig und streng.
Jasmin Baumann
Obwohl es noch kühl ist am morgen früh, kommen Mensch und Tier schnell ins Schnaufen. Deshalb geht es in gemächlichem Tempo vorwärts: Ruhig und Schritt für Schritt – immer wieder gibt es kurze Verschnaufpausen. Ab und zu schert die eine oder andere Kandidatin nach links oder recht aus, um durch den weicheren Waldboden zu gehen oder hie und da ein Maul voll Gras und Alpenkräuter zu erwischen.
Doch endlich, nach zweieinhalb Stunden, ist es geschafft: Wir erreichen die unterste Weide des Bummere. Das Nessli liegt auf rund 1’700 Metern über Meer. Für die Kühe beginnt nun der Alpsommer. Sie weiden, ruhen sich aus und ziehen später selbständig weiter bergauf Richtung Alphütte.
Bis auf 2100 Meter hinauf
Während die Kühe zur Ruhe kommen, können auch die Menschen ein verdientes Frühstück geniessen. Danach beginnt für das Älplerteam bereits die nächste Arbeit. Sie richten die Käserei und Melkerei fertig ein, damit sie am nächsten Morgen das erste Mal Käsen können. Auf der Bummere wird kein Berner Alpkäse AOP produziert, sondern ein eigener Käse, der Gletscherbachkäse. Er wird ähnlich hergestellt wie ein Gruyère, nur darf er diesen Namen nicht tragen, da die Alp ausserhalb des geschützten Gebiets des Gruyère AOP liegt.

Dieses Jahr ist Familie Baumgarnter aus Trub als Sennenteam auf dem Bummere angestellt.
Jasmin Baumann
Die Alphütte liegt auf knapp 1’800 Meter über Meer. Die Kühe und Aufzuchtrinder weiden später bis auf den Bummeregrat, auf rund 2’100 Meter über Meer, hinauf. Da die Alp hoch liegt und gut bestossen ist, dauert die Alpzeit nur rund 90 Tage. Bereits Mitte August kehren die Kühe wieder ins Tal zurück, während die Rinder noch etwas länger oben bleiben. Weil dieses Jahr etwas weniger Milchkühe auf dem Bummere sind, verbringt auch eine Mutterkuhherde den Sommer auf der Alp.
Menschen und Tiere pflegen die Alpweiden
Während dieser intensiven Zeit stellen die Älpler rund 5 Tonnen Gletscherbachkäse her. Gepflegt, verarbeitet und Vermarktet wird er von der Lenk Milch AG und Coop als Fondue-Mischung und Stückkäse.

Die Alphütte mit dem Ammertespitz im Hintergrund. Sie liegt am südwestlichen Hang des Regenboldshorns und Bummeregrats.
Jasmin Baumann
Der Alltag auf der Alp ist geprägt von Arbeit: Neben dem Melken und Käsen gehören auch das Zäunen, die Kontrolle der Tiere und die Pflege der Weiden dazu. Die Tage sind lang, das Gelände anspruchsvoll – und doch ist es genau dieser Rhythmus, der den Alpsommer ausmacht. Die Tiere fressen nicht nur Gras, sondern auch Kräuter und junge Sträucher. So trägt das Sömmern wesentlich zum Erhalt der Biodiversität auf den Alpweiden bei.
Alpsaison ist Kulturerbe
Die Alpsaison ist weit mehr als nur eine Form der Bewirtschaftung – sie ist ein gelebtes Kulturerbe. Seit Generationen treiben Bauern ihr Vieh im Frühsommer auf die Alpen und im Herbst wieder zurück ins Tal. Mit diesen Bewegungen werden nicht nur Tiere geführt, sondern auch Wissen, Traditionen und Handwerk weitergegeben.

Auf der Alp kommen verschiedene «Betriebe» zusammen: Auch Kühe von Martin Bergmann aus Abländschen verbringen die Alpsaison hier.
Jasmin Baumann
Im Jahr 2023 hat die UNESCO die Alpsaison offiziell auf die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
Regionale Wertschöpfung
Gleichzeitig ist die Alpwirtschaft von grosser wirtschaftlicher Bedeutung. Sie ermöglicht die Nutzung von Flächen, die im Tal kaum bewirtschaftet werden könnten und schafft hochwertige Produkte wie Alpkäse. Diese tragen zur Wertschöpfung in der Region bei und sind auch für den Tourismus von grosser Bedeutung.
Gepflegte Alpweiden, intakte Landschaften und gelebte Traditionen prägen das Bild der Bergregionen – und machen sie für Einheimische wie Gäste gleichermassen wertvoll.
Das UNO-Jahr der Weiden und Hirten
2026 steht international unter dem Motto «Weiden und Hirten». Das Jahr rückt die Bedeutung von Hirten und Weidewirtschaft für Ernährungssicherheit, Biodiversität und nachhaltige Landwirtschaft ins Rampenlicht.
Weidewirtschaft in der Schweiz
- 58 Prozent der Landwirtschaftlichen Nutzfläche der Schweiz sind Weideflächen.
- Weiden sind essenziell für die Futterversorgung, die Tiergesundheit und die Düngung der Böden.
- Rund 45 bis 50 Wanderherden sind im Winter unterwegs: Wanderhirten wie Markus Nyffeler sorgen dafür, dass Schafe die Wiesen effizient nutzen, Felder nicht überweidet werden und Grasflächen natürlich gedüngt werden.
- Weidewirtschaft stärkt die Biodiversität, erhält traditionelle Landschaften und unterstützt den regionalen Kreislauf von Futter und Fleisch.
- Ohne die Beweidung würden die Sömmerungsflächen verwalden oder verbuschen
Warum ist das wichtig?
Die Arbeit der Hirten verbindet Natur, Tierwohl und Kulturerbe. Sie zeigt, wie traditionelle Landwirtschaft heute nachhaltig und ökologisch wertvoll sein kann.