Als die Schweiz den «Atom-Salat» fürchtete

Am 26. April 1986 explodierte der Reaktor im Block vier des Kernkraftwerks Tschernobyl. Wenige Tage später erreichte die nukleare Wolke die Schweiz. Mit ihr kamen die Angst vor «Atom-Salat», die Sorge um belastete Milch und neue Zweifel an der Atomkraft.

sda |

Am 30. April um 2 Uhr morgens wurde sie erstmals an der Messstation Weissfluhjoch bei Davos nachgewiesen, im Verlauf des Tages dann im gesamten Land.

Radioaktive Partikel

Besonders stark betroffen waren jene Regionen, in denen während des Durchzugs Niederschläge fielen. Der Regen wusch radioaktive Partikel aus der Atmosphäre und lagerte sie auf Böden, Pflanzen und Gewässern ab. Erste erhöhte Werte wurden in der Ostschweiz und im Waadtländer Jura gemessen, wenig später auch im Tessin und in den südlichen Tälern Graubündens.

Nach dem Durchzug der Wolke stieg die radioaktive Strahlung in der Schweiz deutlich an. Vor allem das radioaktive Isotop Jod-131 spielte zunächst eine wichtige Rolle, verschwand wegen seiner kurzen Halbwertszeit aber innert weniger Wochen weitgehend wieder. Längerfristig relevant blieb dagegen Cäsium-137, das mit einer Halbwertszeit von rund 30 Jahren bis heute nachweisbar ist.

Keine strikten Massnahmen

Strenge Sofortmassnahmen für die gesamte Bevölkerung blieben in der Schweiz aus. Die Behörden gaben jedoch Verhaltensempfehlungen ab, um die Strahlenbelastung zu begrenzen. So sollte etwa kein Wasser aus Zisternen getrunken werden, Gemüse gründlich gewaschen und bestimmte Milchprodukte gemieden werden. Für Kleinkinder, schwangere und stillende Frauen galten teils zusätzliche Empfehlungen. Das einzige Verbot betraf das Fischen im Luganersee, das im Herbst 1986 erlassen wurde.

Selbst diese Massnahmen führte zu Kritik: Der Verband Schweizerischer Gemüseproduzenten (VSGP) bezeichnete die Verhaltensempfehlungen der Behörden nach der Reaktorkatastrophe «irreführend». «Kein ‹Atom-Salat› in der Schweiz», titelte die Nachrichtenagentur SDA damals. Der Verband verwies darauf, dass Kopfsalate in der Schweiz mit dem radioaktiven Niederschlag nicht in Berührung gekommen seien, da sie «samt und sonders» aus überdecktem Anbau stammten und mit Grundwasser bewässert würden. Der Hinweis, dass Frischgemüse zu waschen sei, sei sowieso in jedem Fall selbstverständlich.

Angst vor «Atom-Salat»

Die Angst vor dem «Atom-Salat» war trotzdem in aller Munde. Während die Gemüseproduzenten die Angst vor dem «Atom-Salat» zu zerstreuen versuchten, waren in Zürcher Lebensmittelgeschäften etwa falsche Strahlenmess- Trupps unterwegs, die an Gestellen mit Frisch- und Milchprodukten Kleber mit der Aufschrift «Vorsicht Strahlengefahr» anbrachten.

Auch mit anderen Aktionen wehrten sich Schweizerinnen und Schweizer im Anschluss der Katastrophe gegen die Atomkraft. In der ganzen Schweiz fanden zahlreiche Demonstrationen statt. «Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv», lautete das Motto der Kundgebung in Luzern. Eröffnet wurde sie mit der Nationalhymne: «Trittst im Morgenrot daher, seh› ich dich im Strahlenmeer». Bei der grössten nationalen Kundgebung beim Kernkraftwerk Gösgen forderten rund 20'000 Menschen die Stilllegung der Schweizer Atomkraftwerke.

Mehr Krebsfälle?

Die durchschnittliche zusätzliche Strahlendosis für die Schweizer Bevölkerung wird auf rund 0,5 Millisievert geschätzt, in Einzelfällen auf bis zu 5 Millisievert. Verursacht wurde sie nach Angaben des Bundesamts für Gesundheit (BAG) vor allem durch den Konsum kontaminierter Lebensmittel.

Direkte gesundheitliche Folgen konnten in der Schweiz nicht nachgewiesen werden. Theoretische Modelle gingen zwar davon aus, dass es langfristig zusätzliche Krebstodesfälle geben könnte. Solche Effekte lassen sich wegen der insgesamt grossen Zahl von Krebsfällen statistisch jedoch kaum belegen, wie das BAG auf seiner Webseite festhält.

×

Schreibe einen Kommentar

Kommentar ist erforderlich!

Google Captcha ist erforderlich!

You have reached the limit for comments!

Das Wetter heute in

Lesershop

Hier gehts zum Lesershop

Umfrage

Geht Ihr an eine Frühlingsmesse?

50 % Ja
25 % Nein
25 % Weiss noch nicht

Teilnehmer insgesamt 8

Zur aktuellen Umfrage

Bekanntschaften

Suchen Sie Kollegen und Kolleginnen für Freizeit und Hobbies? Oder eine Lebenspartnerin oder einen Lebenspartner?