Dieselautos verlieren bei den Neuzulassungen drastisch an Popularität. Ein Blick auf die Bestandesflotte zeigt jedoch: Rund ein Viertel der 4,83 Millionen Personenwagen im Land hat einen Selbstzünder unter der Haube.
Wer die Umwelt schonen möchte, aber nicht gleich auf Elektro umsteigen will, für den bietet der Ökosprit HVO100 derzeit eine einfache Lösung. Die Anbieter werben mit einer CO2-Reduktion von bis zu 90 Prozent gegenüber fossilem Diesel.
Altspeiseöl statt Rohöl
HVO steht für «Hydrotreated Vegetable Oil». Hergestellt wird der Treibstoff aus biogenen Abfall- und Reststoffen – zum Beispiel aus gebrauchtem Speiseöl. Der Treibstoff läuft in jedem herkömmlichen Diesel-Fahrzeug.
Etabliert hat sich der Ökosprit an der Zapfsäule aber noch nicht. Avia führt HVO100 an 8 der eigenen Tankstellen, Agrola an 29 Standorten. Bei Volenergy bietet den Treibstoff an 12 Ruedi-Rüssel-Tankstellen an, Migrol bislang nur an einem einzigen Standort an. Und bei Coop Pronto sucht man HVO an der Zapfsäule derzeit vergeblich – dort gibt es ihn nur im Direktverkauf an Firmenkunden.
10 und 18 Rappen teurer
Je nach Anbieter liegt der Aufpreis gegenüber herkömmlichem Diesel zwischen 10 und 18 Rappen pro Liter. «Dies liegt hauptsächlich an der aufwändigeren Produktion und den strengen Nachhaltigkeitsstandards, die eingehalten werden müssen», erklärt Agrola-Sprecher Sebastian Bähler im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AWP. Zudem sei auch weniger Rohmaterial verfügbar, was den Beschaffungspreis beeinflusse.
Wer ist bereit, diesen Mehrpreis zu zahlen? «HVO ist insbesondere für Geschäftskunden mit bestehenden Dieselflotten interessant, die ihre CO2-Bilanz kurzfristig verbessern möchten und die Nachhaltigkeits-Ziele schneller erfüllen möchten, ohne sofort ihre gesamte Fahrzeugflotte zu ersetzen», sagt Migrol-CEO Andreas Flütsch. Auch von umweltbewussten Privatkunden gebe es Interesse. Bei den anderen Anbietern klingt es ähnlich.
Greenpeace: «Eine Scheinlösung»
Nicht alle sind vom grünen Image des Treibstoffs überzeugt. «HVO100 ist und bleibt eine Scheinlösung, die sogar mehr Schaden als Nutzen verursachen kann», betont Georg Klingler von Greenpeace Schweiz. Sein Argument: Das Altspeiseöl, aus dem HVO gewonnen wird, fehlt dann anderswo – etwa bei der Herstellung von Schmierstoffen. Werde die Lücke mit Palmöl gefüllt, sei der Klimanutzen sogar negativ, so Klingler.
Zudem konkurriere HVO100 mit nachhaltigem Flugtreibstoff (SAF), der auf dieselben Abfallstoffe angewiesen sei. Statt in den Autotank gehörten die knappen Reststoffe dorthin, wo sich fossile Energie nicht so leicht ersetzen lasse, findet Klingler.
Meist aus China
Sowieso werde mit einem Verbrennungsmotor weiterhin die Luft verschmutzt, auch wenn HVO100 etwas sauberer verbrennen soll als Diesel. «Der E-Antrieb ist und bleibt die weitaus bessere Lösung für praktisch alle Anwendungen im Strassenverkehr.»
Severin Plüss, Head of New Energies & Tankstorage bei Volenergy, hält entgegen, dass HVO nicht gleich HVO sei: «Wir erhalten in der Schweiz für Biokraftstoffe nur eine Importbewilligung, wenn als Rohstoff bei der Herstellung ausschliesslich Abfallstoffe verwendet wurde.» Einen passenden Produzenten zu finden, sei darum schwierig gewesen, so Plüss. Das HVO von Volenergy stamme derzeit hauptsächlich aus China.
Anlage im Wallis geplant
Noch ist das Angebot in der Schweiz überschaubar, doch alle von AWP befragten Anbieter wollen HVO ausbauen. Volenergy peilt beispielsweise mittelfristig mindestens 50 Standorte an. Auch bei einer künftigen Schweizer Produktion tut sich etwas: Das Unternehmen Helvoil plant derzeit eine eigene Anlage im Wallis.
Grenzenlos ist das Potenzial sowieso nicht, da der Diesel im Auto an Popularität verliert. Und weil die Menge an geeigneten Abfall- und Reststoffen beschränkt ist, sieht Plüss das grösste Potenzial für HVO100 nicht beim Auto, sondern beim Lastwagen und Baumaschinen. «Auf Langstrecke ist Batterie für Lastwagen nicht wirklich die Lösung. Hier wird HVO eine grosse Rolle spielen.»
