GPS für Tiere: Die Ortung hat ihre Tücken

Wo befinden sich die Tiere auf der Alp? Diese Frage soll sich mit GPS-Ohrmarken künftig auf einen Blick beantworten lassen. Benjamin Herzog aus dem Entlebuch gehört zu rund 25 Landwirten, die diesem Sommer erstmals Erfahrungen mit dem System «Tag4Farm» sammeln.

Jasmin Baumann, lid |

Benjamin Herzogs Jungvieh verbringt den Sommer auf der Alp Heuboden. Sie liegt oberhalb von Finsterwald an der Strecke von Entlebuch über den Glaubenberg. Neben seinen eigenen Tieren sömmert er dort auch Rinder anderer Betriebe. Das Gebiet umfasst rund 17 Hektaren Sömmerungsweide.

US-System

Damit er seine Tiere auf den weitläufigen Weiden schneller findet, setzt Herzog auf eine neue Technologie: GPS-Ohrmarken. Das System «Tag4Farm», das von Identitas in der Schweiz eingeführt wird, steht diesen Sommer erstmals im Praxiseinsatz. Die Ohrmarken, sogenannte Tags, wurden vom australischen Unternehmen Ceres Tag entwickelt. Bereits heute kommen sie auf grossen Rinderfarmen in Ländern wie Australien und den USA zum Einsatz.

Schweizweit nutzen derzeit rund 25 Betriebe das System. Insgesamt hat Identitas nach eigenen Angaben rund 500 Geräte für die laufende Alpsaison vermietet.

Standortdaten direkt aufs Smartphone

Die Funktionsweise ist einfach: Die Ohrmarken erfassen den Standort der Tiere und senden die Daten via Satellit. Über die Tag4Farm-App können Landwirtinnen und Landwirte anschliessend sehen, wo sich die Tiere befinden. Da die Datenübertragung Energie benötigt, sind die Ohrmarken mite einem kleinen Solarpanel ausgestattet. Darüber hinaus sollen die Nutzerinnen und Nutzer benachrichtigt werden, wenn sich ein Tier ungewöhnlich lange nicht bewegt oder eine erhöhte Aktivität zeigt.

Empfohlen wird, rund zehn Prozent der Tiere einer Herde mit Tags auszustatten. Jede Ohrmarke sendet ihren Standort drei- bis viermal täglich. Durch mehrere Tiere mit unterschiedlichen Sendezeitpunkten entsteht so ein recht aktuelles Bild der Herdenbewegungen.

90 Franken pro Ohrmarke

Benjamin Herzog setzt «Tag4Farm» im Rahmen eines Digitalisierungsprojektes des Landwirtschaftsforums der Unesco Biosphäre Entlebuch ein. Ziel des Projektes ist es, Erfahrungen mit neuen digitalen Technologien in der Landwirtschaft zu sammeln und die regionale Praxistauglichkeit zu prüfen. «Meine Motivation war primär die versprochene Arbeitserleichterung», sagt er. Ziel ist es, die Tiere schneller aufzufinden und Kontrollgänge effizienter zu gestalten.

Für die Saison hat er acht Ohrmarken von Identitas gemietet. Die Kosten von 90 Franken pro Ohrmarke bewertet er kritisch. «Das ist ein stolzer Preis und entspricht fast der Hälfte des Sömmerungsbeitrags», sagt er. Ob sich die Investition langfristig lohnt, werde davon abhängen, ob die versprochene Leistung zuverlässig erbracht werde.

Sendeleistung

Noch funktioniert die Technik allerdings nicht wie erhofft. Während theoretisch deutlich mehr Standortmeldungen eintreffen sollten, erhält Benjamin Herzog derzeit lediglich rund drei bis vier brauchbare Meldungen pro Tag. «Das muss klar verbessert werden», sagt er. Auch David Feurer von Identitas sieht noch Optimierungsbedarf: «Das System hat noch einige Kinderkrankheiten, die wir nun beheben müssen.»

Laut Identitas hängt die Sendeleistung unter anderem von den jeweiligen Haltungsbedingungen ab. Halten sich die Tiere tagsüber oft unter Unterständen auf, können die solarbetriebenen Geräte schlechter laden. Gleichzeitig kann die Satellitenverbindung eingeschränkt sein. Bei den meisten Alpen falle die Sendeleistung höher aus als auf dem Betrieb von Benjamin Herzog. Die genauen Umstände würden noch untersucht.

Hilfe für Landwirte und Wandernde

Mit seinen vier kleinen Kindern und den Arbeitsspitzen im Sommer ist für Benjamin Herzog jede Arbeitserleichterung willkommen. Seit 2020 führen Benjamin und Jasmin Herzog-Bieri den Betrieb als Pächterfamilie. «Arbeitskräfte zu finden, wird auch in der Landwirtschaftsbranche zunehmend zur Herausforderung», sagt der Landwirt.

Für ihn geht es beim Projekt aber nicht nur um die eigene Arbeitsorganisation. «Das Landwirtschaftsforum will mit dem Projekt zeigen, dass wir Landwirte mit der Zeit gehen – mit Tiertracking können wir nicht nur unsere Arbeit effizienter machen, sondern auch das Tierwohl verbessern», erklärt er. Ein weiterer Nutzen könnte künftig auch Wanderern zugutekommen. Gerade im Entlebuch mit seinen zahlreichen Wanderwegen treffen Erholungssuchende regelmässig auf Weidetiere. Insbesondere Mutterkuhherden sorgen dabei immer wieder für Unsicherheit.

Wie geht es weiter?

Deshalb arbeitet das Projekt auch mit Outdooractive zusammen, einer beliebten Plattform für Wanderernde. Die Idee: Wer eine Wanderung plant, soll erkennen können, auf welchen Weiden sich beispielsweise Mutterkuhherden befinden. So könnten sensible Bereiche umgangen, Konflikte zwischen Mensch und Tier reduziert und ein Beitrag zur Unfallvermeidung geleistet werden. Die Zusammenarbeit mit Tourismusorganisationen läuft laut Identitas bereits gut. Die dortigen Anforderungen können mit dem System abgedeckt werden.

Trotz der aktuellen Herausforderungen kann sich Benjamin Herzog vorstellen, das System weiterhin einzusetzen. «Wahrscheinlich wären wir bereit, auch im nächsten Sommer die Ohrmarken nochmals zu testen, wenn uns Identitas mit dem Preis entgegenkommt – momentan ist der Nutzen zu tief, respektive das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt nicht überein», meint er.

Für Identitas sind solche Rückmeldungen wichtig. «Die echten, ungeschönten Meinungen und Einschätzungen der Landwirtinnen und Landwirte sind das, was uns weiterbringt», sagt David Feurer. Dies sei auch der Grund, warum die Firma das Produkt jetzt auf dem Markt gebracht hat.

Fokus liegt derzeit auf dem Geotracking

Der Fokus liegt derzeit auf dem Geotracking, also der Ortung der Tiere per GPS. Dabei gilt es, die Technologie an die sehr vielfältigen Bedingungen der Schweizer Landwirtschaft anzupassen. Denn eine Prärie ist nicht dasselbe wie eine Alp. «Die Schweizer Alpwirtschaft stellt besondere Herausforderungen an die Technologie», erklärt David Feurer.

Im Unterschied zu grossen Weidebetrieben in Australien oder den USA sind die Herden kleiner, die Tiere wechseln saisonal zwischen Alp und Stall und das Gelände ist oft deutlich anspruchsvoller. Dadurch kann freie Sicht auf die Satelliten zur Datenübermittlung eingeschränkt werden.

Zukunft der intelligenten Ohrmarke

Langfristig sollen die Ohrmarken noch deutlich mehr leisten können. Es sind zahlreihe Anwendungen denkbar, dazu müssen aber die Rahmenbedingungen für die Schweiz stimmen. «Heutige Ohrmarken würden sogar merken, wenn ein Schaf hinkt», sagt David Feurer.

Auf der internationalen Website von Ceres Tag ist zu lesen, dass Gesundheitsdaten sowie Fruchtbarkeitsüberwachung bereits heute zu den angebotenen Funktionen gehören. Bis solche Anwendungen in der Schweiz verfügbar sind, müssen jedoch zunächst die technischen Herausforderungen gelöst werden.

Kommentare (1)

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  • Heinz Abplanalp | 12.08.2026
    Habe das auch in Betrieb, funktioniert sehr schlecht und ungenau. Ein Tracker ist schon abgefallen, weil er zu schwach war. Viel Preis und wenig nutzen!!
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