
Zur Ernte 2025 hatten sich die Branchenakteure auf einen Richtpreis für Top-Weizen von 60 Franken pro Dezitonne geeinigt.
Kathrin Heren
Rechtsanwalt Lorenz Hirt, Geschäftsführer des Dachverbands Schweizer Müller, äusserte sich gegenüber dem Nachrichtenportal nau.ch: «Schweizer Brotgetreide kostet rund dreimal so viel wie in der EU.» Hirt fordere dort deshalb «eine Marktkorrektur in der Höhe von 8 bis 10 Franken» . Fordert Hirt also eine Richtpreissenkung?
Senkung nicht akzeptabel
Auf Anfrage des «Schweizer Bauer» sagt er: «Ich habe mich nicht direkt zu den Richtpreisen geäussert. Der Beitrag auf nau.ch bezog sich auf die Frage, weshalb aktuell so viel importiert wird. Ich habe erklärt, dass dies momentan eine Preisfrage ist, und die viel zu hohe Preisdifferenz aufgezeigt. Ich habe aber keine Aussage zum Richtpreis gemacht. Dieser wird von Swiss Granum festgelegt.» Zur Ernte 2025 hatten sich die Branchenakteure auf einen Richtpreis für Top-Weizen von 60 Franken pro Dezitonne geeinigt.
«Wir fordern mindestens die Beibehaltung der Richtpreise.»
David von Wattenwyl, neuer Präsident des Schweizerischen Getreideproduzentenverbandes, stösst daher eine Grundsatzdiskussion an: «Wir müssen uns als Gesellschaft fragen, was für einen Wert wir einem Schweizer Produkt geben wollen.»
Produktion im Tal geschwächt
Ähnlich tönt es beim Schweizer Bauernverband (SBV). Michel Darbellay, stellvertretender Direktor des SBV, betont: «Wir fordern mindestens die Beibehaltung der Richtpreise. Die Produzenten sind mit einem hohen Kostenumfeld konfrontiert. Bereits vor dem Iran-Krieg waren die Kosten um 14 % über dem Niveau von Dezember 2020. Seit Februar hat sich die Situation nochmals verschärft.» Zuerst seien die Folgen bei den Treibstoffen spürbar gewesen, jetzt an Teuerungen bei sämtlichen Produktionsmitteln. «Darum ist es gar nicht akzeptabel, von einer Preissenkung zu sprechen», betont Darbellay.

Michel Darbellay, stellvertretender Direktor SBV, verlässt den SBV per Ende August 2026.
zvg
Auch die Strategie Landwirtschaft und Ernährung 2050 des Bundesrats würde so nicht befolgt. Ein zentrales Ziel der Strategie ist: «Die Landwirtschaft produziert klima- und standortangepasst und erreicht so einen Selbstversorgungsgrad von mindestens 50 %.» Mit einer allfälligen Preissenkung würde die standortangepasste, nachhaltige Produktion der direkt konsumierbaren Lebensmittel im Tal geschwächt. Die Detailhändler haben laut Darbellay in ihrer Tiefpreisstrategie zuletzt die Brotpreise gesenkt. Es dürfe nicht sein, dass die Getreideproduktionsbetriebe dafür bezahlten.
Krisenfestigkeit gleich null
Ein Kommentar von Daniel Salzmann, Chefredaktor
Der Geschäftsführer des Mühlenverbands sagt öffentlich, es brauche beim Brotgetreide eine Marktkorrektur von acht bis zehn Franken. Das macht auch Druck auf die anstehenden Richtpreisverhandlungen für das Brotgetreide. Wegen höherer Produktionskosten in der Landwirtschaft und angesichts politischer Forderungen nach mehr essbaren Ackerfrüchten muss der Richtpreis steigen. Doch mit Verweis auf tiefe Importpreise und volle Lager könnte er sinken.
Dies auch wegen der Marktmacht der Mühlen und Detailhändler. Diese zeigte sich, als der Getreideproduzentenverband im Jahr 2023 der Motion von Müller Hansjörg Knecht zustimmte. Diese forderte, dass eine zu tiefe Ausbeute in einer Verordnung wiederhergestellt wird, sodass unter dem Mantel der Stärkeherstellung fast zollfrei Mehl aus Importweizen in die schweizerische Lebensmittelkette kommen kann. Man hört, die Mühlen hätten vorher mit Preissenkungen wegen Überkapazitäten gedroht, sodass die höchsten Getreideproduzentenvertreter diesem falschen Spiel zustimmten und statt die Mühlen die Gegner dieser Vorlage kritisierten, die sich im Nationalrat durchsetzten. Überkapazitäten können jetzt kein Argument für Getreidepreissenkungen sein, das müssen die Mühleninhaber tragen.
Die Stärke der Abnehmer (Mühlen und Detailhändler) zeigt sich auch darin, dass in der Vergangenheit diverse Exponenten der Getreideproduzenten sagten, eine Situation ohne Richtpreis für das Brotgetreide könnten sie sich nicht leisten. Wer einen Verhandlungstisch nicht verlassen kann, weil er mit dem Verhandlungspartner unbedingt einen Abschluss zu brauchen meint, hat eine schlechte Ausgangslage.
Gewisse Exponenten in der Müllereiwirtschaft vertrauen darauf, dass Brotweizen in der Schweiz ohnehin immer angebaut wird. Da könnten sie sich täuschen. Es gibt Grenzertragsregionen, in denen es naheliegt, die Viehwirtschaft auszubauen. Und auch in der Talzone locken Tierhaltung, Gemüsebau oder die totale Ökologisierung die bäuerlichen Unternehmen. Wenn Bundesrat Guy Parmelin eine funktionierende Getreidewirtschaft und Versorgungssicherheit für die Schweizer Bevölkerung will, muss er der Branche einen langfristigen Produktions- und Versorgungsauftrag erteilen und darf nicht weiter zuschauen, wie die «Marktkräfte» in einem total verzerrten und asymmetrischen und bei den Teiglingen weitgehend offenen Markt zu einem Resultat führen, das der geopolitischen Lage mit all ihren Risiken nicht angemessen ist. In einem solchen neuen, krisenfesteren System würde jetzt nicht über Preise für bereits gesätes Getreide verhandelt, sondern es würden Abnahmeverträge mit Mengen und Preisen für die Ernte 2027 bestimmt.