Landwirtschaft unter Preisdruck: Strukturelle Marktprobleme im Fokus

Steigende Produktionskosten, stagnierende Einkommen und die Marktmacht weniger Akteure setzen die Landwirtschaft unter Druck. Trotz höherer Produzentenpreise bleibt für Bauernfamilien weniger übrig. Gefordert werden Verbesserungen auf politischer und wirtschaftlicher Ebene.

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Samuel Guggisberg steht vor einem Laufband, auf dem Saatkartoffeln an ihm vorbeiziehen. Bevor er sie in wenigen Wochen auf seinen Feldern ausbringt, behandelt er sie gegen Pilzbefall. Mit geschultem Auge pickt er gelegentlich eine dieser Kartoffeln heraus und prüft sie gründlich. Guggisberg betreibt im bernischen Zimmerwald einen 25 Hektar grossen Betrieb. Neben dem Kartoffelanbau betreibt er auch eine Pouletmast.

Auch Guggisberg spürt den zunehmenden Preisdruck, der von beiden Seiten her gross ist. Einerseits will der Detailhandel die landwirtschaftlichen Produkte so billig wie möglich beziehen. Andererseits sind die Produktionskosten gestiegen. Dies wirkt sich unweigerlich auf das bäuerliche Einkommen aus. «Wir müssen darauf achten mit Effizienzsteigerungen das Einkommen zu halten», sagt Guggisberg gegenüber der Nachrichtensendung «10 vor 10».

Erlöse werden durch höhere Kosten absorbiert

Das Phänomen der stagnierenden landwirtschaftlichen Einkommen wird auch durch eine Analyse des Vereins «Faire Märkte Schweiz» (FMS) gestützt. In der Untersuchung werden die Entwicklung der Produzentenpreise und die Einkommen in der Schweizer Landwirtschaft im Kontext bestehender Marktstrukturen betrachtet. Im Zentrum steht die Frage, welche Auswirkungen steigende Vorleistungskosten, beispielsweise für Futtermittel, Saatgut, Pflanzenschutz, Maschinenunterhalt, sowie oligopolistische, «marktdominierende» Strukturen auf die Wertschöpfung der Landwirtschaft haben.

Zwischen 2020 und 2025 stieg der Produktionswert der Schweizer Landwirtschaft um rund eine Milliarde Franken auf 12,5 Milliarden Franken. Die Vorleistungen erhöhten sich im selben Zeitraum jedoch um 745 Mio. Franken auf 9,7 Mrd. Franken. Dadurch nahm die Netto-Wertschöpfung lediglich um 255 Mio. Franken zu. Das Arbeitsentgelt für Bauernfamilien stagnierte faktisch (+29 Mio. Franken). Rund drei Viertel der zusätzlichen Erlöse wurden somit durch höhere Kosten absorbiert.

FMS erkennt strukturelle Marktprobleme

Der Anteil der Landwirtschaft am Konsumentenfranken ist langfristig auf unter ein Drittel gesunken. Ein wachsender Teil des Ladenpreises entfällt damit auf Verarbeitung und Handel. Während die Konsumentenpreise über Jahre stiegen, stagnierten oder sanken die Produzentenpreise lange Zeit. Gleichzeitig verteuerten sich die landwirtschaftlichen Produktionsmittel deutlich. Besonders kritisch sei, dass die starken Preiserhöhungen von 2022 infolge globaler Krisen nicht mehr auf das frühere Niveau zurückgegangen sind, so die Analyse.

Faire Märkte Schweiz führt die Entwicklung auf strukturelle Marktprobleme zurück. Man vermute systemische Ursachen, sagte Stefan Flückiger gegenüber «10 vor 10». Die Sendung konfrontierte Fenaco mit den Vorwürfen. Fenaco betont, sie unterstütze die Landwirtschaft mit attraktiven Vorleistungspreisen. Der Kostenanstieg komme laut Fenaco aus den Bereichen Energie und Dienstleistungen. «Dort, wo wir als Genossenschaft einen massgeblichen Hebel haben, stimmt die Entwicklung», schreibt Fenaco.

Landwirte als Preisnehmer

Im Fazit hält Faire Märkte Schweiz (FMS) fest, dass die Landwirtschaft in den letzten Jahren gleichzeitig mit stark steigenden Vorleistungskosten und begrenzten Möglichkeiten zur Durchsetzung höherer Produzentenpreise konfrontiert war. Die zusätzlichen Erlöse auf der Absatzseite reichten jedoch nicht aus, um die Mehrkosten auszugleichen. Als Ursache werden vor allem strukturelle und systemische Marktprobleme im vor- und nachgelagerten Bereich genannt. FMS identifiziert mehrere zentrale Problembereiche:

Den vielen Bauern stehen wenige marktmächtige Lieferanten und Abnehmer gegenüber. Geringe Ausweichmöglichkeiten und oligopolistische Strukturen zwingen sie in die Rolle des Preisnehmers. Produktionsmittel verteuern sich schneller als Produzentenpreise (Kosten-Preis-Schere). Die Wettbewerbsaufsicht greift zu wenig ein und politische Rahmenbedingungen (z. B. Marktabschottung, Grenzschutz) verstärken die Abhängigkeiten.

Die Forderungen von Faire Märkte Schweiz  

Forderungen an Politik und Behörden

  • Marktanalysen durch die Wettbewerbskommission (Weko): Die Weko sollen systematische Marktanalysen durchführen, auch ohne konkreten Missbrauchsverdacht.
  • Stärkung der Produzenten: Das Kartellrecht soll so angepasst werden, dass Produzenten sich zusammenschliessen und gegenüber marktmächtigen Lieferanten und Abnehmern wirksam verhandeln können.
  • Ausbau der Preisbeobachtung: Mehr Transparenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette – insbesondere im bislang kaum überwachten Vorleistungsbereich sowie im Label- und Biosegment.
  • Einführung einer unabhängigen Melde-/Ombudsstelle: Akteure sollen unfaire Handelspraktiken anonym melden können. Der Bund soll hierfür ein wirksames Konzept schaffen.

Forderungen an Unternehmen und Marktakteure

  • Transparenz über Produzentenanteile: Detailhändler sollen offenlegen, welcher Anteil des Verkaufspreises an die Landwirtschaft geht.
  • Übernahme von Verantwortung durch marktmächtige Akteure: Insbesondere der Detailhandel soll Nachhaltigkeit und faire Entlohnung aktiv mitgestalten; falls freiwillige Massnahmen nicht genügen, sollen verbindliche Leistungsvereinbarungen eingeführt werden.
  • Verzicht auf wertschöpfungsvernichtende Tiefpreispolitik: Preisunterbietungen zur Marktanteilsgewinnung würden inländische Qualitätsprodukte entwerten. Statt primär Konsumentenpreise zu senken, sollen Produzentenpreise gestärkt werden.

Insgesamt bewertet FMS die Situation als strukturell problematisch und politisch handlungsbedürftig, da die Einkommenslage der Landwirtschaft trotz steigender Endpreise systembedingt unter Druck bleibt. Landwirt Samuel Guggisberg zeigt sich trotz des Preisdrucks weiterhin kämpferisch. «Mein Ziel ist es zukunftsfähige Rahmenbedingungen zu haben. Dafür müssen wir uns wehren», sagt er gegenüber «10 vor 10».

-> Hier können Sie die Analyse von Faire Märkte Schweiz nachlesen

Kommentare (3)

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  • Peter | 21.02.2026
    "Selbstverständlich würden viele Betriebe und einige Produktegruppen diese Oeffnung nicht überleben. Strukturwndel gehört zu einer gesunden Wirtschaft!!...". Möglicherweise ist auch das eine Option, ABER: ich frage mich, ob wir in der Ernährungswirtschaft bewusst dieselben Fehler wie in der übrigen Wirtschaft machen müssen. Es zeigt sich ja nur zu gut, dass all die Arbeitsplätze, welche die Industrie ins Ausland verlagert, unwiderruflich verloren sind. Das Tempo hier wird noch rasant zunehmen. Zusammen mit dem KI- Gedöns werden wir eine Arbeitsplatz- und Wertschöpfungsvernichtung erleben, die sich viele nicht vorstellen können (wollen). Die CH-LW muss sich weiter in Richtung Selbstwirksamkeit und echte Partnerschaft bewegen, das ist klar. Dabei sind alle gefordert, nicht nur die Landwirte. Die Frage ob Teile davon in falschem Grossmut sterben zu lassen eine Option ist, sollte spätestens seit der panikartigen Heimsuchung der Hofläden während Corona beantwortet sein...
    • Seppetoni | 22.02.2026
      @ Das KI-Gedröhn: Seit der Industrialisierung hat es wellenweise immer wieder grosse Arbeitsplatzverluste gegeben (Einführung des mechanischen Webstuhls, Ersatz des Bleisatzes durch Computersatz, Automatisierung der Uhrenproduktion, Roboter in der Autoproduktion usw. usw.) Immer wieder wurde von der Massenarbeitslosigkeit gewarnt. Wir hatten immer nur kurze Perioden mit erhöhter Arbeitslosigkeit. Warum? Unsere Bevölkerung ist gut ausgebildet und flexibel und die Wirtschaft (ohne CH-Landwirtschaft) ist innovativ.
      Die Bedeutung der lokal produzierten Lebensmittel wird zunehmen. Das ist gut so. Das rechtfertigt aber nicht, der Import von Lebensmitteln erschwert und verteuert wird. Jeder soll das einkaufen können, was er will (und sich leisten kann).
      Der Strukturwandel, auch in der Landwirtschaft darf nicht zu schnell erfolgen. Seit Anfang der 90er sollte jeder Bauer wissen, dass die Globalisierung nicht aufzuhalten ist. Welcher andere Wirtschaftszweig erhält so viel Zeit zur Anpassung?
  • Seppetoni | 20.02.2026
    Eine einigermassen konkurrenzfähige CH-Landwirtschaft, die über mehrere Mengen- und Preiszyklen hinweg wettbewerbsfähig ist, lässt sich nur durch die vollständige Oeffnung der Grenzen erreichen.
    Dadruch würde automatisch auch die Marge der Grossverteiler derjenigen im Ausland angeglichen.
    Selbstverständlich würden viele Betriebe und einige Produktegruppen diese Oeffnung nicht überleben. Strukturwndel gehört zu einer gesunden Wirtschaft!!
    Vom heutigen System profitieren hauptsächlich Migros, Coop und fenaco. Dies im Windschatten der Agrarpolitik.
    Kommt bitte nicht mit den Oekoleistungen. die werden mit DZ bereits seeehr fürstilich abgegolten.
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