Studie warnt vor Schwefel-Engpässen in Europa

Die Vorkommnisse rund um die Strasse von Hormus setzt die Weltwirtschaft weiter unter Druck: Neben der Versorgung mit Öl und Gas selbst ist auch die Versorgung mit Schwefel – einem Nebenprodukt der Rohölraffination – massiv gefährdet, mit potenziell weltweiten wirtschaftlichen Auswirkungen, unter anderem für die Europa.

aiz |

Schwefel ist für die globale Industrie unerlässlich. Der Rohstoff wird vor allem zu Schwefelsäure verarbeitet – einer Schlüsselchemikalie für Düngemittel, Batterien, Farbstoffe, Pestizide, Metallverarbeitung und zahlreiche industrielle Produktionsprozesse.

Indirekte Abhängigkeiten

Eine neue Studie des Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII) und des Complexity Science Hub (CSH) warnt vor einem potenziellen «systemischen Schwefel-Schock» für Europas Industrie infolge einer länger andauernden Blockade der Strasse von Hormus. Zwar ist Europa nur begrenzt direkt von Schwefel-Importen aus der Golfregion abhängig, doch über globale Liefernetzwerke entsteht ein weit grösseres Risiko.

«Die grösste Gefahr liegt nicht in direkten Schwefelimporten, sondern in den indirekten Abhängigkeiten entlang globaler Lieferketten. Solange die Krise kurzfristig bleibt, können Unternehmen Ausfälle teilweise über Lagerbestände oder alternative Lieferanten abfedern», erklärt Studienautor und ASCII-Direktor Peter Klimek. Dauere die Störung jedoch noch mehrere Monate an, würden systemische Auswirkungen auf Industrieproduktion, Chemie, Landwirtschaft und zahlreiche weitere Sektoren immer wahrscheinlicher. «Unternehmen sollten daher ihre Lieferketten dringend auf potenzielle Abhängigkeiten prüfen und Vorsorgemassnahmen entwickeln», warnt Klimek.

Fast die Hälfte stammt aus der Golfregion

Laut Studie stammen rund 47 Prozent der weltweiten Schwefel-Exporte aus den Staaten rund um den Arabischen Golf, darunter die Vereinigten Arabischen Emirate (17 %), Katar (14 %) und Saudi-Arabien (8 %). Die EU importiert jährlich schwefelsäureabhängige Produkte im Wert von rund 49 Milliarden US-Dollar – vor allem Aluminium, Kupfer, organische Chemikalien sowie Pestizide und Herbizide.

Die Studie zeigt, dass Europas direkte Abhängigkeit von Schwefelimporten aus der Golfregion derzeit vergleichsweise gering ist. Unraffinierten Schwefel bezieht die EU vor allem aus Grossbritannien (23 % der Importe), Kasachstan (18 %) sowie Serbien und der Türkei (jeweils rund 12 %), während rund 26 Prozent des Bedarfs durch eigene Produktion gedeckt werden. Auch bei Schwefelsäure deckt die EU rund 87 Prozent ihres Bedarfs selbst ab. Wichtigste Importpartner sind Taiwan (42 %), Grossbritannien (19 %) und Norwegen (16 %).

Indirekte Abhängigkeiten bergen eigentliche Gefahr

Deutlich kritischer sind laut Studie jedoch die indirekten Abhängigkeiten über internationale Lieferketten: Viele Länder, von denen Europa wichtige Industrieprodukte importiert, sind selbst stark auf Schwefel aus der Golfregion angewiesen. Während die EU 2023 direkt nur Schwefel und Schwefelsäure im Wert von rund 3 Millionen US-Dollar aus den Golfstaaten importierte, ist Europas tatsächliche Abhängigkeit über internationale Lieferketten etwa dreimal so hoch.

Besonders kritisch sind laut ASCII die indirekten Abhängigkeiten über China. Das Land importiert 54 Prozent seines Schwefels aus der Golfregion und exportiert wiederum schwefelsäureabhängige Produkte im Wert von 4,6 Milliarden US-Dollar in die EU. Das entspricht 9,4 Prozent der EU-Importe in diesen Produktgruppen. In mehreren Industriebereichen ist Europas Importabhängigkeit von China besonders hoch. So stammen 43 Prozent der EU-Importe bei Papier und Zellstoff aus China, 26 Prozent bei Farbstoffen und Pigmenten sowie 25 Prozent bei Pestiziden und Herbiziden.

Exportverbot Chinas wird zum Risikofaktor

«China wird in einer länger andauernden Krise zum zentralen Verstärker globaler Lieferkettenrisiken. Viele Unternehmen können kurzfristige Ausfälle noch über Lagerbestände oder alternative Lieferanten abfedern – doch oft reichen die Reserven nur für ein bis zwei Monate», sagt Stefan Thurner, Präsident des Complexity Science Hub.

Zusätzliche Risiken entstehen durch das seit Anfang Mai 2026 geltende chinesische Exportverbot für Schwefelsäure. Im Juni fielen die chinesischen Schwefelsäureexporte um 99 Prozent im Vergleich zum Vormonat. Dadurch geraten weitere globale Lieferketten unter Druck – insbesondere über Drittstaaten wie Indien, Marokko, Chile, Malaysia, Vietnam und Indonesien. Insgesamt identifiziert die Studie zusätzliche indirekte Risiken für die EU im Umfang von rund 1,4 Milliarden US-Dollar. Besonders kritisch sei Indien: Rund 72 Prozent der indischen Schwefelimporte stammen aus der Golfregion. Gleichzeitig importiert die EU schwefelsäureabhängige Produkte im Wert von rund 2,9 Milliarden US-Dollar aus Indien.

Strategische Vorsorge wird entscheidend

Sollte die Hormus-Blockade länger andauern, drohen globale Produktionsengpässe, steigende Preise und systemische Störungen entlang zahlreicher Wertschöpfungsketten. Selbst nach einer möglichen Öffnung der Strasse von Hormus könnten steigende Versicherungs- und Transportkosten die Schwefelpreise laut Studie um 10 bis 40 Prozent erhöhen.

Die Studienautoren empfehlen Unternehmen und politischen Entscheidungsträgern daher, kritische Schwefel-Abhängigkeiten entlang ihrer Lieferketten rasch zu identifizieren und strategische Vorsorgemassnahmen zu prüfen. Dazu zählen die stärkere Diversifizierung von Lieferketten sowie ein systematisches Monitoring von China und Indien als zentrale Frühwarnindikatoren.

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