
Quinoa: Die Kultur hat sich in der Schweiz in einer Nische etabliert.
Jonas Ingold
Noch 2019 produzierten Schweizer Landwirtinnen und Landwirte rund 162 Tonnen Quinoa. 2025 waren es gerade noch rund 22 Tonnen. Angebaut wurde das Pseudogetreide auf 13 Hektaren, knapp die Hälfte davon biologisch. Gleichzeitig gelangten rund 1’500 Tonnen Quinoa aus dem Ausland in die Schweiz – zwei Drittel davon aus Bolivien.
Superfood
Dabei hatte alles vielversprechend begonnen. Als Quinoa in Europa als nährstoffreiches «Superfood» immer bekannter wurde, starteten auch in der Schweiz erste Anbauprojekte. IP-Suisse suchte bereits 2014 Produzentinnen und Produzenten, Biofarm beschäftigt sich seit 2015 mit Schweizer Bio-Quinoa. Der Anbau erwies sich als grundsätzlich möglich – aber keineswegs einfach.

In Lateinamerika, wo Quinoa teils ein Grundnahrungsmittel ist, sorgte der Quinoa-Boom in Europa und Nordamerika dazu, dass Kleinbäuerinnen und -bauern von Grossbetrieben verdrängt wurden.
Jonas Ingold
Wie anspruchsvoll die Kultur tatsächlich ist, untersucht in diesem Jahr auch der Strickhof. Auf rund 70 Aren wachsen dort dieses Jahr erstmals die drei Sorten Vikinga, Freya und Dagr. Entstanden ist das Projekt gemeinsam mit Gastrosuisse, Lernende sollen dabei die gesamte Wertschöpfungskette vom Acker bis auf den Teller kennenlernen.
Nicht jeder Acker eignet sich
Wer Quinoa anbauen will, sollte allerdings nicht zuerst den möglichen Erlös im Kopf haben, findet Raphael Bernet, Spartenleiter Pflanzenbau auf dem landwirtschaftlichen Ausbildungs- und Versuchsbetrieb des Strickhofs. Wenn ihn eine Landwirtin oder ein Landwirt frage, ob Quinoa auf dem eigenen Betrieb eine Option sei, stelle sich für ihn deshalb zuerst die Frage, ob wirklich das Interesse an der Kultur im Vordergrund stehe – oder vor allem die Hoffnung auf einen finanziell attraktiven Erlös.
Auch der Standort muss stimmen. «Quinoa liebt leichte, schnell erwärmende und frostsichere Böden und Lagen», sagt Raphael Bernet. Besonders geeignet seien leichte, nährstoffarme Böden sowie leicht geneigte Parzellen mit Südexposition. Verdichtungen, Staunässe, Mulden und Schattenlagen seien dagegen ungünstig: Sie bremsen die Jugendentwicklung und die Abreife und erhöhen vor der Ernte das Risiko von Pilzbefall.
Unkraut darf keinen Vorsprung bekommen
Biofarm nennt ebenfalls mittelschwere bis leichte, gut strukturierte Böden und eher trockene, milde Standorte als ideal. Auf Staunässe, Verdichtungen und Verkrustungen reagiert Quinoa empfindlich. Bereits bei der Aussaat entscheidet sich viel. Die winzigen Körner brauchen ein feinkrümeliges, gut rückverfestigtes Saatbett mit genügend Bodenschluss. Raphael Bernet zählt die Saatbettbereitung denn auch zu den heikelsten Phasen des Anbaus.
Eine besondere Herausforderung folgt kurz darauf: das Unkraut. Quinoa entwickelt sich in der Jugend relativ langsam. Gerät die Kultur ins Hintertreffen, können Sommerunkräuter den Bestand rasch überwachsen. Besonders problematisch sind verwandte Gänsefussgewächse, die sich teilweise nur schwer von Quinoa unterscheiden lassen.
Falsches Saatbeet
Am Strickhof werden deshalb unter anderem ein falsches Saatbeet und mechanische Verfahren eingesetzt. Bei einem falschen Saatbeet wird das Beet zwei bis vier Wochen vor der eigentlichen Aussaat vorbereitet, um keimendes Unkraut gezielt vorab zu vernichten. Im Keimblattstadium kann gestriegelt werden – allerdings nur, wenn der Boden trocken und tragfähig ist.
Andernfalls drohen genau jene Verdichtungen, die Quinoa schlecht verträgt. Ganz ohne Handarbeit dürfte es dennoch kaum gehen. Raphael Bernet rechnet damit, dass zusätzliche Stunden zum manuellen Nachputzen der Bestände kaum ganz zu vermeiden sein werden. Gerade dieser Aufwand unterscheidet Quinoa von etablierten Ackerkulturen. Raphael Bernet nennt als wesentliche Nachteile denn auch «den Aufwand bei der Unkrautregulierung» sowie «die Unsicherheit beim Absatz und einen zu findenden Preis je nach Absatzsektor».
Eine weitere Besonderheit der Sorten sind die Saponine. Diese Bitterstoffe sitzen natürlicherweise in der Samenschale und müssen vor dem Verzehr entfernt werden. Stark saponinhaltige Sorten müssen nach der Ernte aufwendiger bearbeitet werden, saponinarme Sorten lassen sich einfacher für den Verzehr aufbereiten.
Trockenheitskünstler mit einer Achillesferse
Auf den ersten Blick könnte Quinoa hervorragend in eine Landwirtschaft passen, die sich auf trockenere Sommer einstellen muss. Ist ein gutes Wurzelsystem ausgebildet, kommt die Pflanze mit vergleichsweise wenig Niederschlag zurecht. Das trockene Jahr 2026 bot am Strickhof entsprechend gute Voraussetzungen.

Quinoa dürfte in der Schweiz nicht über den Nischenstatus hinauskommen.
Monika Neidhart
Ganz so einfach ist die Gleichung «Klimawandel gleich mehr Quinoa» allerdings nicht. «Wenn sich der Klimawandel auf lange warme und trockene Tage beschränkt, kann Quinoa davon profitieren», sagt Raphael Bernet. Doch die andere Seite gehöre ebenso zur Realität: «Bei Starkniederschlägen, Bodenverdichtung aufgrund Verschlämmung oder nassen Saatbedingungen bringt die Pflanze erhebliche Nachteile mit sich», ergänzt er. Auch Hitze kann zum Problem werden. Besonders kurz vor und während der Blüte reagieren die Pflanzen empfindlich. Längere Perioden mit Temperaturen über 30 Grad können die Kornfüllung beeinträchtigen – bis hin zu leeren Samenständen.
Empfindlich auf Hitzestress
Rahel Emmenegger, stellvertretende Geschäftsführerin des Schweizerischen Getreideproduzentenverbands SGPV, warnt deshalb ebenfalls davor, Quinoa pauschal als Gewinnerin des Klimawandels zu betrachten. «Quinoa kann zwar mit eher trockenen Bedingungen gut umgehen, reagiert aber empfindlich auf Hitzestress», sagt sie. Eine Prognose für den künftigen Anbau sei deshalb schwierig.
Hinzu kommen erhebliche Ertragsschwankungen. Der Strickhof befindet sich zwar erst im ersten eigenen Anbaujahr. Aus bisherigen Erfahrungen mit der Kultur geht Raphael Bernet aber davon aus, dass ungefähr zwei von drei Jahren brauchbare Ergebnisse liefern. «In nassen Jahren kann es durchaus auch zu einem Totalausfall kommen», sagt er.
Geduld ist gefragt
Selbst wenn der Bestand gut durch den Sommer kommt, ist die Ernte noch nicht im Trockenen. Der richtige Zeitpunkt ist schwierig einzuschätzen. Die Rispen können bereits reif aussehen, während Stängel und Blätter noch lange grün und feucht bleiben. Wer zu früh fährt, riskiert hohe Verluste beim Dreschen. Wer zu lange wartet, setzt die reife Ernte Regen, Gewittern oder Vogelfrass aus. Raphael Bernet spricht deshalb davon, beim Erntezeitpunkt «Nerven zu bewahren».
Damit endet die Herausforderung noch nicht. Quinoa muss nach der Ernte rasch auf rund elf Prozent Feuchtigkeit getrocknet werden. Wegen der kleinen Körner und geringen Mengen können herkömmliche Getreidesammelstellen die Trocknung nicht immer übernehmen. Auch die Reinigung ist anspruchsvoll und benötigt Spezialtechnik. Genau hier zeigt sich ein grundsätzliches Problem von Nischenkulturen: Für einige Hektaren eine eigene Infrastruktur aufzubauen, lohnt sich kaum. Ohne Infrastruktur wiederum lässt sich die Anbaufläche nur schwer vergrössern.
Eine Kultur braucht mehr als einen Acker
Für Rahel Emmenegger ist Quinoa deshalb ein gutes Beispiel dafür, dass eine agronomisch interessante Kultur nicht automatisch wirtschaftlich interessant ist. Heute spiele sie flächenmässig und wirtschaftlich im Schweizer Ackerbau nur eine sehr kleine Rolle – auch wenn sie für einzelne Betriebe durchaus relevant sein könne.
Damit sich eine Nischenkultur langfristig etabliert, reicht es nicht, dass sie auf dem Feld wächst. «Neben dem Anbau muss auch die Ernte, Lagerung, Reinigung, Verarbeitung, Verpackung und Verkauf – sprich die ganze Wertschöpfungskette – vorhanden sein und gut funktionieren», sagt Rahel Emmenegger. Meist sei das erst ab einer gewissen Menge der Fall. Gleichzeitig brauche es Nachfrage nach Schweizer Produkten und passende Rahmenbedingungen.
Genau darin liegt eine Art Huhn-Ei-Problem: Ohne genügend Menge lohnt sich der Aufbau einer effizienten Verarbeitung kaum. Ohne effiziente Verarbeitung bleiben die Kosten hoch und damit wiederum der Absatz klein.
Der entscheidende Gegner steht nicht auf dem Feld
Der wohl grösste Stolperstein wächst ohnehin nicht zwischen den Quinoapflanzen. Er steht im Verkaufsregal. «Der grösste Nachteil ist der Preis», sagt Rahel Emmenegger. Der höhere Aufwand im Anbau und die starken Ertragsschwankungen müssten über den Preis abgegolten werden. «Wenn der höhere Aufwand im Anbau und die grossen Ertragsschwankungen über den Preis nicht abgegolten werden, kann es sich ein Betrieb langfristig nicht leisten, Quinoa anzubauen», erklärt sie.
Schweizer Quinoa konkurriert gleichzeitig direkt mit deutlich günstigerer Importware. Einen wirkungsvollen Grenzschutz, der die Preisunterschiede ausgleichen könnte, gibt es bei Quinoa nicht. Raphael Bernet verweist darauf, dass importiertes Bio-Quinoa 2022 sogar günstiger gewesen sei als Schweizer IP-Suisse-Quinoa. Hinzu komme, dass für die Kultur weder Einzelkultur- noch Extensobeiträge ausgerichtet würden.
Zu teuer
Rahel Emmenegger sieht darin einen zentralen Grund dafür, weshalb Schweizer Quinoa kaum aus seiner Nische herauskommt: «Solange im Laden der Schweizer Quinoa gar nicht verfügbar ist oder nur doppelt so teuer wie Importe, wird Quinoa nicht aus der Nische hinauskommen.» Konsumentinnen und Konsumenten seien nur begrenzt bereit, für ein Schweizer Produkt deutlich mehr zu bezahlen.
Damit erklärt sich auch, warum der Superfood-Boom nicht automatisch zum Boom auf Schweizer Äckern wurde. Zwar etablierte sich Quinoa bis zu einem gewissen Grad im Speiseplan, der wachsende Markt konnte aber zu einem grossen Teil günstig mit Importware bedient werden. Gleichzeitig zeigte sich bereits in der ersten Schweizer Anbauphase, wie schnell in einem kleinen Markt Überschüsse entstehen können. Nach rasch wachsenden Produktionsmengen mussten die Anbauflächen zeitweise wieder eingeschränkt werden.
Quinoa dürfte auf Schweizer Feldern deshalb vorerst bleiben, was sie heute ist: Eine spannende Nischenkultur für Betriebe, die passende Böden, Knowhow und vor allem einen sicheren Absatz haben. Projekte wie jenes des Strickhofs könnten gerade deshalb interessant sein. Dort wird nicht zuerst produziert und danach nach einem Käufer gesucht – Landwirtschaft und Gastronomie beschäftigen sich gemeinsam mit der gesamten Kette vom Feld bis auf den Teller.