"Nur 36 Kilometer bis zum Ziel"

Der Förderverein Sbrinz-Route organisiert jährlich eine spezielle Wanderwoche mit einem historischen Saumzug. Redaktorin Anja Tschannen war mit ihrem Freibergerpferd Teil des Saumzuges und berichtet in ihrem Blogtagebuch über die Erlebnisse auf der 150 Kilometer langen Sbrinz-Route von Stansstad NW bis nach Domodossola (I).

Anja Tschannen |

Der Förderverein Sbrinz-Route organisiert jährlich eine spezielle Wanderwoche mit einem historischen Saumzug. Redaktorin Anja Tschannen war mit ihrem Freibergerpferd Teil des Saumzuges und berichtet in ihrem Blogtagebuch über die Erlebnisse auf der 150 Kilometer langen Sbrinz-Route von Stansstad NW bis nach Domodossola (I).

Bereits vor dem Mittag steht gilt es die schwierigste Stelle des Tages zu bewältigen. Neben dem Hauswasserfall sollen wir auf dem Säumerpfad abwärts laufen. Zu unseren Ehren wurden oberhalb von Riale die Wasserschleusen geöffnet und zigtausend Liter Wasser lassen den "Hauswasserfall" in seiner ganzen Pracht daherkommen. 

Der Säumerpfad entlang des Wasserfalls ist die einzig knifflige Route heute, wurde mir jedenfalls gesagt. Die ersten Saumtiere vor mir befinden sich bereits auf dem Weg nach unten.Es klappt hervorragend. Stolz und munter komme ich unten an. 

Mit einem Sprung in Sicherheit gebracht

Unterhalb des Wasserfalles tränken wir unsere Saumtiere. Die Schuhe möchte ich nicht schon am Morgen komplett durchnässt haben. Haydo setzt alles daran, um meinem Plan einen Strich durch die Rechnung zu machen. Will aus der tiefsten Stelle des Baches trinken, ich kann mich durch einen Sprung auf einen Stein – notabene mitten im Bach – retten, während er mich am Zügel vorwärts zieht.

Ich hänge am Ende des Lederriemens, halte aber mein Gleichgewicht und kann mich mit einem weiteren Sprung mehr oder weniger trockenen Fusses auf die andere Seite hieven.

Pizza zum Apèro

Gegen zehn treffen wir in einem kleinen Dorf ein. Pause für die Tiere und Apero-Time für Säumer und Wanderer ist angesagt. Wir entfernen die Seitenlasten von Vipee. Haydos Seitenlasten bleiben dran. Beide Pferde komplett beladen zu lassen und nebeneinander anzubinden geht nicht, da sich die Seitenlasten verfangen könnten, so ist es aber überhaupt kein Problem. Wir setzten uns neben die Seitenlasten von Vipee auf den Boden. Und werden sofort auf Italienisch angesprochen. Eine nette ältere Frau mit zwei vollbeladenen Tellern beugt sich über uns.

Mit Hand und Füssen – gut das ist jetzt übertrieben, eigentlich ist ja klar, was sie beabsichtig – verständigen wir uns. Sie läuft eilig davon, vor uns stehen nun zwei grosse Teller mit Pizza und Biskuits -die Italiener wissen, was Säumerherzen höherschlagen lässt. Kurz darauf kommt sie mit einer Kollegin im Schlepptau wieder. Wir werden noch mit Getränken versorgt. 

Nur noch 36 Kilometer

Der weitere Verlauf der Morgenroute ist geprägt von leicht abfallenden, fast geraden Wegen, durch kleine Dörfer mit alten Steinhäusern und engen Gassen, vorbei an Selbstversorgergärten, in denen Kartoffeln wachsen, an Reben mit reifen Trauben, Maroni-, Kirsch-, Pfirsich- und Feigenbäumen, rund 80 Prozent auf Asphaltstrasse. Zum ersten Mal sehen wir einen Wegweiser «Domodossola» noch 36 Kilometer.

Die gilt es heute und morgen noch zu bewältigen. Wir verlieren immer mehr an Höhe, das Klima ändert sich, wird heisser und schwüler. Ich schwitze. Haydo auch und sein Schweiss lockt lästige Fliegen und zu allem Übel auch Bremsen an. Der kecke Wallach findet das nicht so toll und tänzelt hinter mir nach, schlägt immer wieder mit den Hinterbeinen Richtung Bauch um die Blutsauger zu verscheuchen.

Ein absolutes Highlight

Die Mittagspause, ist ein absolutes Highlight. Italiener, also die, die wir bisher kennen lernen durften, sind der Inbegriff von Gastfreundschaft. Extra für uns wurde ein kleines Festzelt gestellt, eingefeuert und noch bevor wir unsere Tiere an der Anbindevorrichtung festgebunden haben, werden frisches Heu verteilt und volle Wassereimer angeschleppt. Das ist Service. 

Auf der Wiese neben mir brennen vier kleine Feuer, über dreien stehen grosse Kochtöpfe in Eisengestellen. Jeder Topf wird von einem Mann bewacht, welcher den Inhalt unentwegt mit einem grossen Holzlöffel umrührt. Dazwischen wuseln viele Leute herum.

Eins, zwei, drei gemeinsam wird der vorderste Topf aus dem Gestell gehoben und neben dem Feuer auf den Boden gestellt. Zwei Frauen kippen Käse und Butter – sehr viel Butter – in den Topf.  Kräftig umrühren, bis Butter, Käse und Reis zusammen verschmelzen. Es duftet lecker. Über dem offenen Feuer wird für uns ein fabulöses richtiges italienisches Risotto gekocht. Ich liebe Risotto.

Die Italiener essen viel

Wir suchen uns einen Sitzplatz an den langen Holztischen, die bereits eingedeckt sind. Grosse Weinflaschen stehen bereit. Mitten im Zelt, schräg von unserem Tischende spielen zwei ältere Männer auf ihren Handorgeln. Es ist laut, die Stimmung heiter. Wir stossen gemeinsam an. Der Rotwein kribbelt auf meiner Zunge.

Schon steht der erste Teller vor uns. Salat. Kurze Zeit später werden randvolle Suppenteller mit dampfendem Risotto von vorne nach hinten gereicht. Herrlich. Nach der Hälfte bin ich bereits voll. Vorne am Nachbarstisch geht es nahtlos weiter. Eine grosse Platte mit gegrilltem Poulet und frischem Gemüse wird gebracht. 

Schlafend säumen

Im Vergleich zum Vortrag sind die Wege am Nachmittag überhaupt nicht anspruchsvoll. Zum Glück trottet der Säumerzug jetzt hauptsächlich auf naturbelassenen Pfaden, das schont die beanspruchten Füsse. Der Nachmittag zieht sich wie ein klebriger Kaugummi dahin. Wusste gar nicht, dass man auch dösend/schlafend säumen kann.

Ich fasse Haydo am Halfter und Backenstück und lasse mich mit halb geschlossenen Augenlidern mitziehen. Schlurfe vorwärts. Phasen von stillem Trance-Modus, lachendem Herumalbern und nachdenklichem Philosophieren wechseln sich ab. Schon speziell, wie schnell die Zeit vergeht, erst losmarschiert und jetzt nur noch etwas mehr als einen Tagesmarsch von unserem Ziel Domodossola entfernt. Wir haben bisher so viel gesehen und erlebt. Wirklich unglaublich. 

Von Musikkapelle empfangen

Endlich kommt der langersehnte Halt zum Schmücken der Pferde. Am Dorfeingang zu Premia warten Gemeindepräsident, Frauen in Trachten und eine Musikkapelle auf uns. Wir schliessen uns dem Umzug an und laufen feierlich in Premia ein. Nach einem kurzen Zwischenhalt beim Dorfbrunnen und dem Tränken der Tiere – unter den Trommelschlägen der Kapelle –  geht es über eine breitstufige Steintreppe zum Dorfplatz.

Haydo äugt misstrauisch zu den Musikanten, heute hat er keine Freude an der Musik und spielt nervös mit seinen Ohren. Wir stellen uns im Halbkreis auf, lauschen der italienischen Ansprache, bevor sich der ganze Umzug wieder in Bewegung setzt und Richtung Nachtlager läuft. 

Heute wird gezeltet

Dieses befindet sich auf einem kleinen Hügel mitten im Dorf, auf dem Sportareal der Gemeinde, direkt neben der Kirche und dem Kinderspielplatz. Auf dem Hügel wurde nicht nur extra ein grosses Fest-, sondern auch drei kleine, blaue Zelte gestellt. Die zweite Ansprache folgt. Mit feuchtem Säumerhemd und müden Beinen schaue ich zu, wie das Stück Sbrinzkäse überreicht wird. Wir sind zum Apero geladen, doch zuerst versorgen wir unsere Tiere. Die Anbindevorrichtung befindet sich unterhalb des Hügels, schräg hinter den blauen Zelten. 

Das Tolle an der Sbrinz-Route ist ja nicht nur Route an und für sich, sondern auch die ganzen Abenteuer rund herum. Diese Nacht verbringen wir im mittleren der drei blauen Zelte.  Acht Sportmatratzen liegen auf dem Boden. Wer heute noch duschen will, soll sich melden und sich beim Sammelpunkt am Anfang des Festzeltes versammeln.

Zum Duschen werden wir nämlich mit einem italienischen Shuttlebus zu einer alten Sportanlage im Nachbardorf gefahren. Feucht vom Niederschlag, stinkend, dreckig und verschwitzt nach einem Marschtag. Nein, auf eine Dusche möchte ich nicht verzichten. Die anderen auch nicht. Schnell suchen wir unsere Duschsachen und Wechselkleider zusammen. Das Apero wird erst einmal auf später verschoben. 


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