Krieg: Landwirtschaft leidet unter Umweltfolgen

Krieg hinterlässt tiefe Spuren in der Landwirtschaft: Neben menschlichem Leid werden auch Böden geschädigt, verunreinigt und damit langfristig in ihrer Nutzung eingeschränkt.

sda |

In Kriegszeiten hat die Umwelt nicht erste Priorität. Dennoch zerstören die Kriegshandlungen die Tier- und Pflanzenwelt und hinterlassen Narben, die Jahrzehnte lang sichtbar bleiben. Im Iran oder in der Ukraine verfolgen und erfassen mehrere Experten die Schäden.

Zu Beginn des Krieges in der Ukraine sei ihr oft zu verstehen gegeben worden, dass die Natur angesichts der Opfer zu diesem Zeitpunkt keine Priorität habe, erklärt die ukrainische Wissenschaftlerin Olena Melnyk, Bodenspezialistin an der Berner Fachhochschule, der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.

Die vielen Toten hätten die Nation erschüttert und würden noch jahrzehntelang schmerzhaft in Erinnerung bleiben. «Aber die Umweltschäden werden noch Jahrzehnte andauern und mehrere kommende Generationen betreffen», sagt Melnyk.

Kettenreaktionen

Im Iran seien die israelischen Bombardierungen auf die Ölanlagen in Teheran heute die Umweltvorfälle mit den grössten Auswirkungen auf die Bevölkerung, stellt Doug Weir fest, Direktor des im englischen Sheffield ansässigen Observatoriums für Konflikte und Umwelt. Der Experte betont, wie wichtig es ist, die Auswirkungen von Kriegen ganzheitlich zu betrachten, einschliesslich ihrer indirekten oder Kettenreaktionen.

Doug Weir stellt die Frage, wie sich der Krieg auf die Umweltpolitik im Iran auswirken wird und wie gross die Chancen sind, dass die Schäden berücksichtigt werden, oder ob der Anstieg der Energiepreise den globalen Klimaschutz beeinflussen wird. Das 2018 gegründete Observatorium überwacht die mit den Kriegen im Iran, im Sudan oder in der Ukraine verbundenen Umweltauswirkungen, indem es Satellitenbilder mit Informationen aus offenen Quellen (Open-Source Intelligence – OSINT) abgleicht.

Der Krieg im Nahen und Mittleren Osten hat nach ersten Schätzungen einer Expertengruppe des Queen Mary Institute, die am 25. März veröffentlicht wurden, bereits 5 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent verursacht. Das ist mehr als die jährlichen Emissionen Islands. Er hat zudem Auswirkungen auf das Trinkwasser, die Meeresökosysteme und die Böden.

«Jeder Krieg hat sein eigenes Umweltprofil», stellt Doug Weir fest. Dies hänge vom Ort, der Dauer und den eingesetzten militärischen Mitteln ab, aber auch von der Möglichkeit, die Schäden zu überwachen sowie von der Bereitschaft der nationalen Behörden, Abhilfe zu schaffen.

Erfassung für künftige Gerichtsverfahren

In der Ukraine erfasst das Ministerium für Wirtschaft, Umwelt und Landwirtschaft seit Beginn der russischen Invasion die Umweltschäden, um Russland vor Gericht bringen zu können. Auch die Zivilgesellschaft hat dank NGOs und internationalen Kooperationen eigene Untersuchungen entwickelt, die laut Olena Melnyk manchmal schneller sind als die langsame Regierungsbürokratie.

Die renommierte Wissenschaftlerin ist Spezialistin für die Böden ihres Landes, von denen es mehr als 600 verschiedene Arten und Unterarten gibt. Die Ukraine ist insbesondere für die «Tschernosem»-Böden bekannt, auch schwarzes Gold der Landwirtschaft genannt, die zu den fruchtbarsten Böden der Welt zählen.

Doch die ukrainischen Böden – und damit auch die Landwirte – leiden bereits seit mehr als vier Jahren unter Kriegshandlungen und versuchen Lösungen zu finden, um weiterhin der Getreidespeicher Europas zu bleiben. Von den 600'000 Quadratkilometern des ukrainischen Staatsgebiets sind laut der Wissenschaftlerin 139'000 Quadratkilometer verminte Gebiete.

Unterstützung für die Landwirte in der Gegenwart

Um den Landwirten zu helfen herauszufinden, ob ihre Felder noch nutzbar sind, arbeitet Melnyk mit der Royal Agricultural University im Vereinigten Königreich und der Sumy National Agrarian University in der Ukraine zusammen. Zusätzlich zu den Satellitenbildern, mit denen sich die Schäden in den besetzten Gebieten abschätzen lassen, haben die ukrainischen Forscher 8000 Bodenproben rund um Raketeneinschlagstellen in fünf Regionen nahe der Front in der Ukraine entnommen.

Darin haben sie Spuren von Cadmium, Kobalt, Kupfer, Zink und Nickel nachgewiesen. Sie haben aber auch ermittelt, bis zu welcher Entfernung vom Einschlagkrater sich die Schwermetalle ausbreiten, damit die Landwirte ihre Felder in der Umgebung weiterhin bewirtschaften können.

Auswirkungen von Schwermetallen

Schwermetalle, die durch Raketentrümmer, aber auch durch Kampfhandlungen in den Boden gelangen, können verschiedene Folgen haben. Einige Metalle bilden stabile Komplexe im Boden, andere werden laut Melnyk nur von den Wurzeln aufgenommen. Die Metalle einer weiteren Gruppe reichern sich in den Blättern und Stängeln an, töten die Pflanzen jedoch vor der Reife ab.

Eine vierte Gruppe ist für den Menschen am gefährlichsten, da die Elemente dieser Gruppe, wie beispielsweise Cadmium, die Pflanzen nicht beeinträchtigen. Diese können daher hohe Konzentrationen davon anreichern, die vom Menschen aufgenommen werden können. Nicht zu vergessen ist dabei das Risiko einer Grundwasserverschmutzung.

Schwermetalle werden in der Umwelt nicht abgebaut, und auch die Einschläge von Raketen sind nicht die grössten Umweltverschmutzer: Verbrannte Militärfahrzeuge oder Sprengkörper, die nicht richtig explodiert sind, sind besorgniserregender. Melnyk arbeitet auch daran, Lösungen zur Bodensanierung zu finden, insbesondere mithilfe von Pflanzen, die diese Schwermetalle aufnehmen oder stabilisieren können.

Das Wetter heute in

Lesershop

Hier gehts zum Lesershop

Umfrage

Heuwetter: Wie viel habt Ihr gemäht?

2.9 % Bis zu 1 Hektare
20.6 % Zwischen 1 und 5 Hektaren
27.2 % Zwischen 5 und 10 Hektaren
18.4 % Zwischen 10 und 20 Hektaren
17.6 % über 20 Hektaren
13.2 % Mähe noch nicht

Teilnehmer insgesamt 136

Zur aktuellen Umfrage

Bekanntschaften

Suchen Sie Kollegen und Kolleginnen für Freizeit und Hobbies? Oder eine Lebenspartnerin oder einen Lebenspartner?