
Der Klimawandel verändert bereits heute spürbar die Grundlagen der Landwirtschaft.
Thomas Wüthrich
Wer mit der Natur arbeitet, ist unmittelbar den Folgen des Klimawandels ausgesetzt. Wälder, Gewässer und insbesondere landwirtschaftliche Nutzflächen werden als Ressourcen immer unzuverlässiger. Im Rahmen des Forschungsprogramms NCCS-Impacts stellt ein Forschungsteam der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) neue Werkzeuge bereit, um Risiken besser einschätzen und die Planung anpassen zu können.
Wie die WSL mitteilt, ermöglichen die neuen digitalen Werkzeuge erstmals eine systematische Erfassung der Auswirkungen des Klimawandels. Sie bieten insbesondere der Landwirtschaft eine Orientierung in einem zunehmend unsicheren Umfeld. Sie ersetzen zwar keine betrieblichen Entscheidungen, schaffen aber Transparenz und ermöglichen es somit, Risiken frühzeitig zu erkennen und Anpassungsstrategien gezielt zu entwickeln. Eine Reihe von Web-Apps macht die Auswirkungen des Klimawandels sichtbar und stellt Entscheidungsgrundlagen bereit.
Klimawandel systematisch sichtbar gemacht
Der Klimawandel verändert bereits heute spürbar die Grundlagen der Landwirtschaft. «Längere Wachstumszeiten, mehr Hitze und häufigerer Wassermangel beeinflussen Pflanzen, Tiere und die Arbeit auf dem Hof», schreibt die WSL. Gleichzeitig sinke die Sicherheit von Erträgen und Einkommen. In besonders trockenen Sommern kommt es zu Ernteausfällen, während einzelne Kulturen wie Wintergerste von milderen Wintern profitieren.

Mithilfe der Climags-App können Nutzerinnen und Nutzer erkennen, wie sich ihre Region im Vergleich zu anderen entwickelt hat und welche Veränderungen künftig zu erwarten sind.
Screenshot Climags-App
Auch ökologische Wechselwirkungen verändern sich. So verschieben sich beispielsweise die Beziehungen zwischen Pflanzen und Bestäubern wie Wildbienen, was direkte Auswirkungen auf die Erträge haben kann. Insgesamt wird die landwirtschaftliche Produktion somit komplexer und weniger berechenbar.
Mithilfe der von Agroscope entwickelten App Climags werden diese Veränderungen systematisch sichtbar gemacht. «Die Anwendung zeigt, wie sich in verschiedenen Regionen der Schweiz wichtige Ökosystemleistungen der Landwirtschaft künftig verändern könnten.» Dazu zählen:
- Erträge von Ackerkulturen und Grünland sowie deren Schwankungen
- das Bestäubungspotenzial
- der Kohlenstoffgehalt im Boden
Keine Handlungsempfehlungen für einzelne Betriebe
Nutzerinnen und Nutzer können erkennen, wie sich ihre Region im Vergleich zu anderen entwickelt und welche Veränderungen künftig zu erwarten sind. Damit schaffe Climags eine wichtige Grundlage, um die Auswirkungen des Klimawandels auf Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft besser einzuordnen.
NCCS: das Netzwerk für Klimadienstleistungen
Das NCCS unterstützt als nationale Wissensdrehscheibe klimakompatible Entscheidungen , um Risiken zu senken und Chancen zu nutzen. Im Programm «NCCS-Impacts» (2022–2026) wurden praxisnahe Klimadienstleistungen für Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft entwickelt. Die gebündelten Ergebnisse stehen ab Herbst 2026 als Entscheidungsgrundlagen zur Verfügung.
«Die App liefert aber keine konkreten Handlungsempfehlungen für einzelne Betriebe», schreibt die WSL. Vielmehr diene sie als strategisches Instrument für Verwaltung, Politik und Praxis. «Der Klimawandel kommt zum allgemeinen Strukturwandel hinzu», sagt Pierluigi Calanca von Agroscope. «Unsere App kann Grundlagen liefern, um neue Wege einzuschlagen und Diskussionen in der Praxis wie auch in Politik und Gesellschaft anzustossen.»
Wälder und Gewässer im Überblick
Auch andere naturnahe Bereiche sind stark betroffen. In den Wäldern nehmen Trockenheit, Stürme und Schädlingsbefall zu. Digitale Werkzeuge wie die ForClim-App der ETH Zürich ermöglichen es, die Entwicklung von Waldbeständen unter verschiedenen Klimaszenarien zu simulieren und langfristige Entscheidungen besser zu planen. Ergänzend liefert die App Forte einen Überblick über die Veränderungen von Wäldern und ihren vielfältigen Funktionen auf regionaler Ebene.

Nach dem trocken Sommer 2019 starben im Bettlacher Bürglerwald mehrheitlich die Weiss- und Rottannen ab.
zvg
Bei den Gewässern verschieben sich die Niederschlagsmuster. Es gibt weniger Wasser im Sommer und mehr im Winter. Zudem fällt häufiger Regen statt Schnee. Dies hat Auswirkungen auf die Trinkwasserversorgung, die Landwirtschaft und die Energieproduktion. Die App AquaREL der Universität Genf zeigt auf Karten, wie sich die Abflussmengen, die Nährstoffeinträge und die Sedimentfrachten künftig verändern könnten und unterstützt damit die Wasserbewirtschaftung.