
Gemäss Studie werden mehr als 50 Prozent der derzeitigen Ackerfläche der Futtermittelproduktion gewidmet. (Symbolbild)
Michelle Wüthrich
Gemäss Bundesverfassung soll die Schweizer Nahrungsproduktion standortangepasst und ressourceneffizient erfolgen. Das agronomische und ökonomische Potenzial eines Standorts sollte also möglichst optimal genutzt werden, wobei auch ökologische Aspekte berücksichtigt werden müssen. Doch wird dieses Potenzial heute tatsächlich ausgeschöpft?
Dieser Frage gingen Forschende von Agroscope gemeinsam mit Mitarbeitenden des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW) nach. Sie untersuchten, welche Landwirtschaftsflächen sich für den Ackerbau und insbesondere für die Produktion von Lebensmitteln eignen. Die Ergebnisse wurden in der Studie «Planung von Anbau- und Weideflächen: Ein räumlicher Ansatz für nachhaltige Landwirtschaft» veröffentlicht.
Drei Szenarien
Die Untersuchung konzentrierte sich auf die mögliche Verschiebung zwischen Acker- und dauerhaftem Grasland. Die Forschenden entwickelten drei Szenarien mit zunehmenden Anforderungen an die Nachhaltigkeit.
In Szenario 1 galt eine Fläche als ackerfähig, wenn sie unter anderem höchstens eine Hangneigung von 35 Prozent aufwies und Boden sowie Klima den Anbau von Winterweizen erlaubten. In Szenario 2 wurden Flächen mit hohem Erosionsrisiko ausgeschlossen.
In Szenario 3, dem nachhaltigsten, wurden zusätzlich organische Böden ausgeschlossen. Eine Entwässerung dieser Böden könne zu erheblichen Treibhausgasemissionen und zum Verlust von Bodensubstanz führen. In die Analyse nicht einbezogen wurden Biodiversitätsförderflächen, Dauerkulturen und Sömmerungsflächen.
660'000 Hektaren Ackerland möglich
Szenario 1 zeigt ein enormes Ackerbaupotenzial. Demnach könnten rund 660’000 Hektar grundsätzlich als Ackerland genutzt werden. Aktuell sind es etwa 384’000 Hektar. Dafür müsste allerdings ein grosser Teil des heutigen Graslands umgebrochen werden.
In Szenario 2 sinkt die potenzielle Ackerfläche auf rund 353'000 Hektaren. Rund 39 Prozent des heutigen Ackerlands wären wegen des Erosionsrisikos besser als Grasland geeignet. Gleichzeitig könnten rund 120'000 Hektaren des heutigen Graslands grundsätzlich ackerbaulich genutzt werden.

Räumliche Verteilung von Ackerland und Grünland in der Schweiz gemäss der aktuellen landwirtschaftlichen Flächennutzung und den drei Szenarien. Die Verteilung in den verschiedenen Szenarien umfasst Flächen, die gemäss der Studie weiterhin genutzt werden (kontinuierliche Nutzung) und Flächen, die umgewandelt werden könnten (potenzielle Nutzung).
Screenshot der Studie «Designing where to crop and where to graze: a spatial approach toward sustainable farming»
Im nachhaltigsten Szenario 3 werden zusätzlich organische Böden vom Ackerbau ausgeschlossen. Die potenzielle Ackerfläche beträgt dann rund 338'000 Hektar, während das Grasland auf rund 497'000 Hektar kommt. Mit einem Anteil von etwa 40 Prozent Ackerland und 60 Prozent Grasland ähnelt die Verteilung damit der heutigen Situation.
Nur zwei Drittel der Flächen standortangepasst
Die entscheidende Erkenntnis der Studie ist demnach nicht, dass die Schweiz ihre Ackerfläche massiv ausweiten müsste. Vielmehr zeige sich ein räumliches Anpassungspotenzial. So könnten im Szenario 3 rund 115'000 Hektar des heutigen Graslands grundsätzlich für den Ackerbau geeignet sein. Umgekehrt sollten rund 161'000 Hektar des heutigen Ackerlands wegen Erosionsrisiken oder organischer Böden besser als Grasland genutzt werden. Damit könnte sich rund ein Drittel der untersuchten Flächen von Acker- zu Grasland verschieben.
Laut der Studie entsprechen nur etwa zwei Drittel des heutigen Ackerlands gemäss den Kriterien des nachhaltigsten Szenarios den natürlichen Standortbedingungen. «Einige Grasland-Flächen sollten besser als Ackerland, einige Ackerflächen besser als Grasland bewirtschaftet werden, um das agronomische Potenzial voll auszuschöpfen und gleichzeitig den Erhalt der Biodiversität und den Schutz des Klimas zu gewährleisten», heisst es in einer Zusammenfassung.
Studienergebnisse mit Fragezeichen
Die Autoren der Studie betonen nachdrücklich, dass die Ergebnisse nicht als Umnutzungsplan für die Landwirtschaft dienen sollen. Sie weisen selbst auf einige «Schwachpunkte» hin. So vernachlässigt die Studie die wirtschaftlichen und sozialen Folgen einer Umstellung für die Betriebe. Auch die Datengrundlage ist nicht aktuell. Die für die Studie verwendete Bodenkarte stammt aus dem Jahr 1980, also aus einer Zeit, in der der Klimawandel noch nicht so grosse Spuren hinterlassen hat.
Agroscope und das BLW wollen deshalb weitere Aspekte einbeziehen. Die Studie liefere eine Grundlage, um die Schweizer Landwirtschaft stärker an den natürlichen Standortbedingungen auszurichten.
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