
Der lange Flugzeitraum der Schilf-Glasflügelzikade (Mai bis September) erschwert eine klassische chemische Bekämpfung mit Insektiziden.
Michael F. Schönitzer/wikipedia
Schlechte Nachrichten nicht nur für Deutschlands Zuckerrübenanbauer: Aktuelle Forschungsergebnisse belegen, dass die Schilf-Glasflügelzikade auch Wildkräuter und Dauerkulturen als Wirtspflanzen nutzt. Damit ist klar, dass sich der Schädling, der bakterielle Krankheiten wie Stolbur auf Zuckerrüben überträgt, in der Agrarlandschaft nahezu ungehindert vermehren kann – auch ausserhalb klassischer Ackerfrüchte.
Nach Angaben des Verbandes der Hessisch-Pfälzischen Zuckerrübenanbauer wurden nun erstmals Wildkräuter, Unkräuter, Dauerkulturen sowie zusätzliche Kulturpflanzen sowohl als Nahrungsquelle des Insekts als auch als Träger der von ihm übertragenen bakteriellen Erreger identifiziert. Damit werde das bislang vorherrschende Bild eines begrenzt spezialisierten Schädlings grundlegend korrigiert.
Seit 2022 als Hochrisikoüberträger eingestuft
Spätestens seit 2022, als auch die Kartoffel als neue Wirtspflanze identifiziert worden sei, gelte die Schilf-Glasflügelzikade als Überträger einer der schwersten Pflanzenkrankheiten, die derzeit wichtige Nahrungspflanzen in Europa bedrohten, so der Verband. Die nun vorliegenden Ergebnisse verschärften diese Einschätzung erheblich.
Neu ist dem Verband zufolge auch der gesicherte Nachweis eines Stolbur-verwandten Erregerstamms in Rhabarber und Spargel. Nach heutigem Kenntnisstand werde dieser Stamm in Deutschland ausschliesslich durch die Schilf-Glasflügelzikade übertragen. Damit fungierten diese Pflanzen über Jahre als Erregerreservoir, in dem sich die Zikaden infizieren könnten.
Während beim Spargel bislang keine eindeutigen Schadbilder beobachtet wurden, sind die Befunde im Rhabarber alarmierend. In Hotspot-Regionen sei es dort zu massiven Ertragseinbussen gekommen.
Weitere Kultur- und Wildpflanzen betroffen
Zusätzliche Brisanz erhält die Situation laut dem Verband durch Hinweise darauf, dass offenbar auch die Erdbeere als potenzielle Wirtspflanze beider Erreger dienen kann. Der wissenschaftliche Nachweis dazu laufe derzeit. Zudem sei jeweils mindestens ein Erreger inzwischen in Löwenzahn, Bingelkraut und Ackerkratzdistel nachgewiesen worden.
An mehreren dieser Pflanzen seien sogar Larven der Schilf-Glasflügelzikade gefunden worden. Das sei ein klarer Beleg dafür, dass sich die Insekten dort erfolgreich vermehrten. Die Larven könnten sich zudem an verschiedenen Leguminosen ernähren.
«Die Zeit drängt»«
Wir haben es nicht mehr mit einem Spezialisten zu tun, sondern mit einem hoch anpassungsfähigen, polyphagen Insekt», erklärte Verbandsgeschäftsführer Dr. Christian Lang. Das verändere die gesamte Risikobewertung.
Helen Pfitzner, Koordinatorin der Forschungsprojekte zu dem Schädling, warnte eindringlich vor der grössten systemischen Gefahr für den europäischen Acker- und Gemüsebau im kommenden Jahrzehnt. Die neuen Erkenntnisse zeigten, dass deutlich weniger Zeit bleibe, als viele bislang annähmen.
Grosse Forschungsverbünde geplant
Um wirksame Lösungen gegen die Bedrohung zu entwickeln, haben sich nach Angaben des Erzeugerverbandes zahlreiche Akteure zusammengeschlossen. Es seien zwei grosse Forschungsverbünde beantragt worden: ein europäisches Konsortium mit 24 Institutionen sowie ein weiteres mit 21 Institutionen beim Bundesforschungsministerium.
Ziel sei es, Forschung, Monitoring und Gegenstrategien rasch und koordiniert voranzubringen. Getragen würden die Aktivitäten von den Zuckerrübenanbauern in Hessen und Rheinland-Pfalz.