«Wir müssen darüber hinauskommen, nur zu rapportieren, wie es der Biodiversität geht, und auch wirklich zu Massnahmen kommen», sagte Gabriela Schaepman-Strub im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Die Professorin für Erdsystemwissenschaft an der Universität Zürich ist Vorsitzende des diesjährigen Weltbiodiversitätsforums.
Denn obwohl sich die Staaten der Welt mit dem Kunming-Montreal-Abkommen von 2022 auf ehrgeizige Biodiversitätsziele verständigt haben, bleibe deren Umsetzung hinter den Erwartungen zurück. «Die Efforts haben international zugenommen», sagte Schaepman-Strub. «Aber wir sind noch nicht auf dem Weg, dass wir diese Ziele bis 2030 erreichen.»
Auch die Schweizer Biodiversität steht unter Druck
Die Lücke zwischen Ziel und Umsetzung zeigt sich auch in der Schweiz. «Die Biodiversität in der Schweiz steht nach wie vor stark unter Druck», sagte Lukas Berger vom Forum Biodiversität der Akademien der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT) zu Keystone-SDA. Zwar habe sich der Rückgang seit der Jahrtausendwende verlangsamt, und es gebe punktuell positive Entwicklungen. Dennoch sei ein Drittel aller Arten in der Schweiz gefährdet.
Nach Ansicht Bergers fehlt es dabei nicht in erster Linie an Strategien oder Gesetzen. Entscheidend sei deren Umsetzung. «Die Gesetze müssen vollzogen werden», sagt er. Ausserdem gibt es laut den Fachleuten falsche Anreize. «Wir versuchen auf der einen Seite mit Geldern, Biodiversität zu fördern. Andererseits schütten wir mit viel mehr Geld Subventionen aus, die Biodiversität massiv schädigen», so Schaepman-Strub.
Die Expertin verweist zudem auf die internationale Verantwortung der Schweiz.»Wir müssen ehrlich darüber sprechen, welchen internationalen Fussabdruck unser Finanz- und Produktionssektor hat», sagte sie. Biodiversitätsverluste würden nicht nur innerhalb der Landesgrenzen verursacht, sondern auch entlang globaler Lieferketten und durch Investitionen im Ausland.
Suche nach neuen Lösungen
Vor diesem Hintergrund findet das vierte World Biodiversity Forum in Davos vom 14. bis 19. Juni statt. Organisiert wird es von der Universität Zürich. Das Motto lautet «Leading Transformation Together».
Anders als an den Uno-Biodiversitätskonferenzen stehen in Davos nicht Verhandlungen zwischen Staaten im Zentrum. Das Forum versteht sich als Plattform, auf der Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft gemeinsam nach Lösungen suchen. «Beim Forum geht es mehr darum, wirklich neue Lösungen zu denken», sagte Schaepman-Strub.
Die Teilnehmenden wollen diese Botschaft auch in einer Resolution festhalten, die am Ende des Forums verabschiedet werden soll. Darin fordern sie Regierungen, Unternehmen und Gesellschaft auf, den Schritt «von Bekenntnissen zur Umsetzung» zu schaffen.
Biodiversität als Lebensgrundlage
«Wir versuchen, über die verschiedenen Gesellschaftsschichten hinweg zu überlegen: Wie soll Biodiversität eigentlich in hundert Jahren aussehen», erklärte Schaepman-Strub. Solche Zukunftsbilder sollen helfen, konkrete Massnahmen abzuleiten – von der Raumplanung über Subventionen bis hin zu Unternehmensstrategien und Konsumentscheidungen.
Biodiversitätsschutz sei nicht aussichtslos, betonen die Fachleute. «Wenn man es richtig macht, hat man einen Effekt», so Berger. Verbesserungen seien oft direkt sichtbar – etwa in Gärten, auf aufgewerteten Flächen oder in vernetzten Lebensräumen.
Für Berger ist deshalb zentral, Biodiversität nicht nur als Verlustgeschichte zu erzählen: «Biodiversität ist unsere Lebensgrundlage.» Der Schutz von Arten und Lebensräumen sei kein Selbstzweck. Sauberes Wasser, fruchtbare Böden, Bestäubung und Erholungsräume seien Leistungen der Natur, von denen auch die Ernährung, die Gesundheit und der Wohlstand von Menschen abhänge.
