Seit 1975 hat sich die Zahl der Menschen, die in von Erdrutschen gefährdeten Gebieten leben, weltweit verdoppelt.
Entwaldung, Ackerflächen und Infrastrukturen
Weil Menschen in einkommensschwächeren Ländern die Berglandschaft stärker verändert haben, gebe es dort mehr Todesopfer. Für die Untersuchung hat das internationale Forscherteam Bergregionen in 46 Ländern analysiert. Dabei berücksichtigten sie das jeweilige nationale Einkommensniveau, die Bevölkerungsdynamik in einem Zeitraum von 45 Jahren und Eingriffe in die Berglandschaften über 60 Jahre hinweg.
Zu diesen Interventionen zählen Veränderungen der Landnutzung und Bodenbedeckung – typischerweise in Form von Entwaldung, Ausweitung von Ackerflächen und Infrastrukturausbau. Diese Daten wurden daraufhin in bestehende Modelle zu Topografie, Niederschlag und Exposition integriert.
Reiche Länder weniger betroffen
Der Analyse zufolge haben Länder mit hohem Einkommen nur rund sieben Prozent ihrer Berglandschaft verändert, während es in Ländern mit niedrigem Einkommen fast die Hälfte war. Diese Veränderungen der Landnutzung und Bodenbedeckung beeinflussten die Zahl der Todesopfer durch Erdrutsche wesentlich stärker als die natürliche Topografie oder Niederschläge.
«Wirtschaftlich benachteiligte Länder sehen sich im Gegensatz zu wohlhabenderen Nationen oft auch einem erheblichen Bevölkerungsdruck ausgesetzt», erklärt Studien-Hauptautor Seçkin Fidan von der Universität Ankara (Türkei) in einer Aussendung der Universität Wien. Dieser Druck führe zur raschen Rodung empfindlicher Berggebiete für landwirtschaftliche Zwecke, informellen Siedlungen und zur Errichtung grundlegender Infrastruktur.
Nachhaltiges Management entscheidend
«In Ländern wie Haiti, Sri Lanka und El Salvador korreliert diese Veränderung der Landnutzung und Bodenbedeckung mit einem Anstieg tödlicher Erdrutsche und der Zahl der Todesopfer. In wohlhabenden Ländern wie der Schweiz, Japan und Italien schwächt sich diese Korrelation jedoch ab, dort sind trotz erdrutschgefährdeter Topografie und Klimabedingungen weniger Todesfälle zu verzeichnen», so Ugur Öztürk vom Institut für Geographie und Regionalforschung der Uni Wien.
Das bedeutet, dass in ärmeren Ländern stärkere Eingriffe zu grösseren Auswirkungen von Erdrutschen führen, während in reicheren Ländern ein ähnliches Mass an Eingriffen die Auswirkungen möglicherweise nicht so stark erhöht, sagte Öztürk der APA. Denn es gebe viele weitere, in der Untersuchung nicht berücksichtigte Aspekte, die die Auswirkungen von Erdrutschen abmildern können, wie Frühwarnsysteme, Überwachungsmassnahmen und die Qualität der Notfallmassnahmen.
Generell konnten die Forschenden zeigen, dass nachhaltiges Management der Landnutzung und der Bodenbedeckung entscheidend ist, um negative Auswirkungen von Bevölkerungsdruck zu bewältigen sowie die Zahl der Todesfälle bei Erdrutschen zu reduzieren. Dies gelte wahrscheinlich für alle Naturkatastrophen.
Schweiz: Weniger Weidefläche
Wie Öztürk Keystone-SDA auf Anfrage sagte, stieg in der Schweiz die Waldbedeckung im untersuchten Zeitraum von 28,4 Prozent auf 34,1 Prozent, während die Siedlungsflächen von 6,4 auf 11,0 Prozent zunahmen – grösstenteils durch Umwandlung ehemaliger Weideflächen. «In der Schweiz gehen Gras- und Buschland – ebenso wie die Weideflächen – zurück, während die landwirtschaftlich genutzte Fläche zugenommen hat», so Öztürk.
Die Dichte der tödlichen Erdrutsche liege knapp unter derjenigen Südkoreas, sei aber ebenfalls sehr hoch. Dennoch sei die tatsächliche Dichte der Erdrutsch-Todesfälle etwas geringer als in Italien und etwas höher als in Österreich – ingesamt schneide die Schweiz in der Studie aber gut ab.
Schweiz von mehr Wald bedeckt
In der Schweiz seien sowohl die Bevölkerungs – als auch die Landbedeckungsänderung hoch, wenn man sie auf die verfügbaren Berggebiete normiere. Diese hohe Veränderungsrate spiegle sich jedoch nicht in der mittleren Zahl der durch Erdrutsche verursachten Todesfälle wider, obwohl die Anzahl der tödlichen Erdrutsche im höheren Bereich liege.
Man könnte schlussfolgern, «dass wir weniger Todesfälle beobachten, als zu erwarten wäre». In der Schweiz sehe man die positiven Auswirkungen von z. B. Frühwarnsystemen, Überwachungsmassnahmen und der Qualität der Notfallmassnahmen. Möglich sei auch, dass die Landbedeckungsänderungen zwar hoch seien, aber in eine positive Richtung gingen, etwa durch die Zunahme der Waldbedeckung, die die Erdrutschgefahr senken könne.
Gebiet plötzlich in Gefahrenzone
«Bei der Planung von Veränderungen in Berggebieten, wie beispielsweise einem Infrastrukturprojekt, müssen wir sorgfältig prüfen, ob die beabsichtigte Veränderung die Erdrutschgefahr erhöhen könnte», erklärte Öztürk. Denn selbst, wenn man sich laut Erdrutschgefahrenkarten in einer sicheren Zone befinde, könne eine Landschaftsveränderung das Gebiet in eine kritische Gefahrenzone verwandeln.
Das liege daran, dass Gefahrenbewertungen nur bei unveränderten Bedingungen gültig seien. «Aufgrund der sich verschärfenden Auswirkungen des Klimawandels sind bereits einige Jahre alte Karten zur Erdrutschgefährdung möglicherweise nicht mehr aktuell», sagte Öztürk.
