Wenn zu viel Wild unseren Schutzwald bremst

Was der Kanton Bern mit dem Wildeinflussgutachten 2025 sichtbar macht, ist kein Einzelfall: In vielen Regionen der Schweiz beeinträchtigen zu hohe Schalenwildbestände die natürliche Waldverjüngung – genau dort, wo der Wald wegen Trockenheit, Stürmen, Schädlingen und Bränden ohnehin unter Druck steht.

Renate Hodel, lid |

Der Waldbericht 2025 herausgegeben von Bundesamt für Umwelt und der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald Schnee und Landschaft fasst die Lage national so zusammen: Zwar wird der Schweizer Wald überwiegend naturnah bewirtschaftet, doch «gebietsweise zu hohe Wildbestände beeinträchtigen die Naturverjüngung und das natürliche Anpassungspotenzial des Waldes».

Schutzwald wird dichter – aber Nachwuchs fehlt vielerorts

Besonders heikel ist das in den Schutzwäldern, die Menschen und Infrastrukturen vor Naturgefahren schützen. Laut dem Waldbericht hat der Anteil an Schutzwald mit sehr wenig Verjüngung – unter 5 Prozent Verjüngungsdeckungsgrad – in den letzten zehn Jahren zugenommen und liegt inzwischen bei 30 Prozent der Schutzwaldfläche.

Regional sind die Unterschiede markant: im Jura und Mittelland rund 12 Prozent, in den Voralpen 19 Prozent, in den Alpen 34 Prozent und auf der Alpensüdseite 41 Prozent.Der Bericht nennt als wichtige Ursachen zu wenig Licht in dichter werdenden Beständen – und «unverändert hohen Verbiss der Jungbäume durch Rehe, Hirsche und Gämsen». Besonders betroffen sind ausgerechnet Baumarten, die als «Zukunftsbaumarten» gelten: Tanne, Ahorn und Eiche.

Bund, Kantone, Jagd, Waldbesitzer: Wer muss liefern?

Für die Waldeigentümerinnen und Waldeigentümer ist zentral, dass die Verantwortung nicht hin- und hergeschoben wird. Benno Schmid von WaldSchweiz fordert ein Zusammenspiel «aller Ebenen und Akteure» – und sieht die Federführung bei den Kantonen, weil dort «die institutionellen Hebel» liegen. Gleichzeitig verweist WaldSchweiz auf eine laufende Arbeit des Bundes: Der Bund erarbeitet einen Bericht zum Postulat Reichmuth «Zukunftsfähige Wälder sind nur mit gesetzeskonformem Wildverbiss möglich». Aus Sicht von WaldSchweiz soll dieser Bericht «konkrete Massnahmen definieren», die danach auch umgesetzt werden.

Der rechtliche Rahmen ist dabei klar: Kantone müssen Wildbestände so regulieren, dass die natürliche Verjüngung mit standortgerechten Baumarten grundsätzlich ohne Schutzmassnahmen möglich ist – wo das nicht gelingt, sind Massnahmen zur Wildschadenverhütung vorgesehen.

Tessin – viel Rothirsch, 90 Prozent Schutzwald

Wie kantonal unterschiedlich die Ausgangslagen sind, zeigt das Tessin. Andrea Pedrazzini, Vorsteher der Sektion Wald, schätzt den Rothirschbestand auf rund 7’250 Tiere. Die Präsenz der Tiere wirke sich «negativ auf die natürliche Waldverjüngung aus» und begünstige indirekt invasive Neophyten – weil diese vom Rothirsch weniger bevorzugt werden.

Im Tessin kommt hinzu, dass der Wald gleichzeitig durch Klimaveränderungen wie Trockenperioden und Waldbrände sowie invasive Organismen stark belastet ist. Besonders relevant: Rund 90 Prozent der Tessiner Wälder sind Schutzwälder. Laut Andrea Pedrazzini wurden die Abschüsse in Zusammenarbeit mit Jagd und Fischerei deutlich erhöht; ein neuer kantonaler Waldplan soll 2026 Ziele und Massnahmen festlegen.

Der Ruf nach konsequenter Jagd

Auch in Graubünden wird der Wildeinfluss regelmässig beurteilt. Für die kantonale Gesamtsituation hält das Amt für Wald und Naturgefahren des Kantons Graubünden in einer letzten Beurteilung fest: Auf 16 Prozent der Waldfläche wird der Wildeinfluss als «gross» und auf 7 Prozent als «sehr gross» eingestuft – also in Kategorien, in denen mindestens eine Hauptbaumart schalenwildbedingt ausfällt. Auf weiteren 21 Prozent gilt der Wildeinfluss als «erheblich». Gleichzeitig weist der Bericht auf deutliche regionale Unterschiede hin und nennt als mögliche Ursachen für lokale Verbesserungen unter anderem verstärkten Jagddruck oder die Präsenz von Grossraubtieren.

In der Bewertung und den Forderungen wird der Ton deutlich: Der Druck auf weibliche Tiere und Jungtiere müsse hoch bleiben, Sonderjagden seien konsequent durchzuführen – und falls lokale Jägerinnen und Jäger nicht mitziehen, brauche es «eine andere Lösung». Im Bericht heisst es: «Als letzte Möglichkeit muss die Wildhut den geplanten Abschuss tätigen können.» Parallel dazu verfolgt Graubünden seit 2021 ebenfalls eine Lebensraum-Wald-Wild-Strategie: In Fünfjahresschritten soll sich der Waldzustand bis 2035 etappenweise verbessern, damit natürliche Verjüngung wieder möglich wird.

Kommentare (1)

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  • Rösti Ruedi | 23.01.2026
    Das falsch palaver der Waldwirtschaft kann man nicht mehr anhören . Der Forst sollte seine arbeit besser machen als jammern. Forstmaschinen machen größere schäden am jungwuchs als das Wild.
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