Die Stimmbevölkerung entscheidet am Sonntag über die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz», mit der die SVP die Zuwanderung begrenzen will. Mit deren Annahme wäre die Schweiz das weltweit erste Land, das sich eine Bevölkerungsobergrenze verpasst. Entsprechend hohe Wellen schlägt die Vorlage auch andernorts.
Das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» etwa beschäftigte sich in den vergangenen Wochen intensiv mit der Initiative. Zuletzt war die Schweizer Auflage der Publikation versehen mit dem Titelbild eines Stimmzettels mit der Aufschrift «Deutsche raus».
«Ein Schuss ins eigene Knie»
Im Podcast «Acht Milliarden» über die «wichtigste Schweizer Volksabstimmung seit Jahren» beleuchten die Journalisten des «Spiegels» die Auswirkungen auf die – oft hochqualifizierten – deutschen Zuwanderer. Den damit verbundenen, wahrscheinlichen Bruch mit der EU bezeichnen sie als «Schuss ins eigene Knie».
Auch die wirtschaftsliberale französische Tageszeitung «Le Figaro» schreibt von «einer grossen Herausforderung» für die Schweiz, sollte die Initiative angenommen werden. Sie müsste demnach «drastische Massnahmen» ergreifen, sobald die Bevölkerungsschwelle von 9,5 Millionen Menschen erreicht ist.
Die Leserschaft pflichtet dieser Beobachtung aber nicht nur bei. «Sehr gute Idee», heisst es in der Kommentarspalte. «Sonst wird die Schweiz in 50 Jahren so zubetoniert sein wie die Île-de-France.»
Der britische «Guardian» wählt die wohl deutlichsten Worte. «Hat die Schweiz den Wohlstand satt? Mir fällt kein anderer Grund für diese unsinnige Vorlage ein», schreibt der Journalist Joseph de Weck in seinem Meinungsbeitrag. Ein Bevölkerungsdeckel sei nichts anderes als eine «Rechtsaussen-Fantasie», die jene Offenheit zunichte machen würde, die das Land reich gemacht habe.
«Eine Art alpines Dubai»
De Weck weist darauf hin, dass Zürich als grösste Schweizer Stadt im europäischen Vergleich gar nicht so dicht besiedelt sei. Die SVP aber instrumentalisiere die Sorgen vor steigenden Mieten mit Erfolg, um ihren langjährigen Wunsch nach einer deregulierten, rücksichtslosen Handelsdrehscheibe – «eine Art alpines Dubai» – zu verwirklichen.
Auch die «New York Times» zeigt in ihrer Berichterstattung auf, wie die SVP ihre Rhetorik für diese Abstimmung angepasst hat, um auch die politische Mitte anzusprechen. Weniger zugespitzt, dafür bildlich: Die Reportage zum Thema führt nach Zürich zum Schuhhersteller «On», in dessen Kantine ein grosser Proteinshake umgerechnet 15 Dollar kostet – jene Preisausgestaltung, mit welcher die Schweizer Bevölkerung täglich zu kämpfen habe.
In einer Analyse stellt das einflussreiche US-Medium zudem den demografischen Wandel sowie die wirtschaftlichen Auswirkungen der Initiative ins Zentrum. Eine Annahme könnte ein Land umgestalten, das rasch altert und stark auf talentierte Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen ist, so das Verdikt.
Und auch die Nachrichtenagentur Bloomberg fokussiert naturgemäss auf die wirtschaftliche Bedeutung der Abstimmung. Sie drehe sich nicht nur um Zuwanderung, heisst es in einem Kurzvideo. Vielmehr stelle sich die Frage, ob eines der reichsten Länder der Welt global wettbewerbsfähig bleiben könne, während es die Globalisierung zu bremsen versuche.
