
Martin Rufer ist Direktor des Schweizer Bauernverbands.
Jonas Zbären
Martin Rufer, die Ernährungsinitiative wurde mit über 70 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt. Sind Sie zufrieden?
Wir liegen über den 70 Prozent, die wir angestrebt haben. Es ist ein deutliches Resultat und stärkt die Schweizer Landwirtschaft. Die tierische Produktion soll auch in Zukunft eine grosse Bedeutung haben.
Erwarten Sie noch weitere solche Initiativen?
Initiativen wird es immer geben, davon gehen wir aus. Sie sind heute auch ein Politikinstrument für Organisationen, um Spendengelder zu generieren. Solche Initiativen haben aber auch positive Elemente.
Welche?
Sie geben uns die Möglichkeit zu kommunizieren, was die Schweizer Landwirtschaft besser macht als jene im Ausland. Und solche deutlichen Resultate wie heute stärken die Schweizer Landwirtschaft, weil sie zeigen, dass die grosse Mehrheit der Bevölkerung hinter den Bäuerinnen und Bauern steht.
Was bedeutet das Nein zur Ernährungsinitiative im Hinblick auf die Agrarpolitik 2030?
Den aufwändigen Abstimmungskampf haben wir nicht nur für ein Nein zur Initiative gemacht, sondern auch im Hinblick auf die Agrarpolitik 2030 (AP2030+). Das Resultat hat eine Signalwirkung für eine vielfältige Landwirtschaft mit tierischer Produktion. Die Diskussionen rund um die Abstimmung haben uns auch gezeigt, dass eine Stärkung des Selbstversorgungsgrades gewünscht ist. Diese Punkte müssen in die AP2030+ einfliessen.
Wurde die Ernährungsinitiative auch lanciert, weil der Bund den Pflanzenbau für die menschliche Ernährung zu wenig fördert?
Die Initiative war vor allem ein Angriff auf die tierische Produktion. Wenn wir die pflanzliche Produktion im Rahmen der AP2030 stärken können, ist das sehr positiv. Dass wir bessere Preise für solche Produkte erzielen und den Anbau so ausweiten können, das unterstützen wir alle. Was wir aber nicht wollen: die pflanzliche Produktion auf Kosten der tierischen Produktion ausbauen. Wir müssen mit der AP2030 beide Richtungen stärken.
Auf Newsplattformen wurde der Bauernverband teils heftig kritisiert. Auch Landwirtinnen und Landwirte wurden nicht verschont. Was kann hier der SBV entgegenwirken?
In Sachen Imagepflege machen wir bereits viel. Und klar wird man kritisiert. Wenn ich aber das Votum von heute betrachte, die Abstimmungsresultate in jüngster Vergangenheit und Umfragen zeigen, dass ein ganz grosser Teil der Bevölkerung hinter der Landwirtschaft steht und Vertrauen hat.
Herren: «Ich habe nichts falsch gemacht»
Grosse Verliererin ist Initiantin Franziska Herren. Räumt sie Fehler bei der Initiative ein? «Nein, ich habe nichts falsch gemacht. Wenn man auf den Sommer 2026 zurückblickt, sieht man: Wir haben grosse Probleme mit der Wasserversorgung und in der Landwirtschaft. Seit 2003, dem letzten Hitzesommer, wissen wir, dass wir bei der nationalen Wasserstrategie, dem Gewässerschutz und der Bodenfruchtbarkeit vorwärtsmachen sollten. Und die Landwirtschaft wurde nicht auf den Klimawandel vorbereitet, obwohl wir viel Geld ausgeben», sagte sie zu SRF.
Im Parlament erhielt sie von keiner einzigen Person Unterstützung. Warum? «Wir haben es versucht. Es war surreal, dass sich eine ganze Politik gegen die Ernährungs- und Trinkwassersicherheit stellt. Die Politik, die sich gegen uns wendet, müsste dafür sorgen, dass die Landwirtschaft auf den Klimawandel vorbereitet wird», sagte sie zu SRF. Die Landwirtschaft müsse uns binnen eines Jahres ernähren können, das stehe in der Verfassung. «Und es gibt ein Bundesgesetz und einen Sachplan, die sind behördenverbindlich», sagte Herren zu SRF.
An eine dritte Initiative nach der Trinkwasserinitiative und der nun letztlich abgelehnten Ernährungsinitiative, denke sie im Moment noch nicht, sagte Herren. «Das steht komplett im Raum.»