«Ernährungsinitiative ist sozial ungerecht»

Eine breite Allianz aus Politik, Landwirtschaft und Wirtschaft stellt sich unter der Führung des Schweizer Bauernverbands gegen die Ernährungsinitiative. Die Gegner warnen vor höheren Lebensmittelpreisen, mehr Importen und staatlichen Eingriffen.

Adrian Haldimann |

Bevor viele Parlamentarierinnen und Verbandsvertreter in die Sommerpause aufbrechen, stellten sie sich am Donnerstag, 18. Juni 2026, gemeinsam gegen die Ernährungsinitiative. Das vom Schweizer Bauernverband (SBV) angeführte Nein-Komitee vereint Politikerinnen und Politiker von SP bis SVP sowie Vertreter von Landwirtschaft, Gewerbe, Gastronomie und Lebensmittelindustrie. Für den Abstimmungskampf wollen die Gegner rund 1,4 Millionen Franken einsetzen.

Im Zentrum der Kritik steht die Forderung, den Nettoselbstversorgungsgrad der Schweiz auf mindestens 70 Prozent zu erhöhen und gleichzeitig eine stärker pflanzenbasierte Ernährung zu fördern. Aus Sicht der Gegner wäre dieses Ziel nur mit massiven Eingriffen in Produktion und Konsum erreichbar.

«Nachhaltigkeit ist kein Privileg»

Die Ernährungsinitiative, über die das Volk am 27. September abstimmt, verfolge Anliegen, die auf den ersten Blick sympathisch wirkten, sagte SP-Ständerätin Franziska Roth (SO). «Wer möchte nicht eine noch nachhaltigere Landwirtschaft, noch gesündere Lebensmittel und eine sichere Versorgung?» Roth stellte die sozialen Folgen der Vorlage in den Vordergrund. Die Initiative sei unnötig, weil bereits zahlreiche Instrumente für mehr Nachhaltigkeit bestünden. Vor allem aber sei sie sozial ungerecht.

Steigende Lebensmittelpreise träfen insbesondere Haushalte mit tiefen und mittleren Einkommen. Nachhaltigkeit dürfe nicht zum Privileg von Gutverdienenden werden. Wer ökologische Ziele verfolge, müsse immer auch die soziale Realität berücksichtigen.

Warnung vor «veganem Diktat»

Deutlich schärfer formulierte es Nationalrätin und SVP-Vizepräsidentin Céline Amaudruz (GE). Die Initiative sei eine «Mogelpackung», die letztlich auf eine staatlich gelenkte vegetarische oder vegane Ernährung hinauslaufe.

Versorgungssicherheit entstehe nicht durch Verfassungsartikel, sondern durch eine leistungsfähige Landwirtschaft und Lebensmittelwirtschaft. Wer die Tierhaltung schwäche, mache die Schweiz abhängiger vom Ausland.

«Neue Anbauschlacht» befürchtet

Nationalrätin Christine Badertscher (Grüne, BE), Vizepräsidentin der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB), betonte, dass sie eine stärkere pflanzliche Ernährung grundsätzlich unterstütze. Die Initiative sei jedoch «kontraproduktiv und unrealistisch». Um das Ziel zu erreichen, müsste «eine neue Anbauschlacht» gestartet werden. Dies führe zu neuen Zielkonflikten mit Biodiversitäts- und Naturschutzanliegen.

Besonders kritisch sieht Badertscher die Folgen für Berg- und Hügelregionen. Mehr als zwei Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche könnten nur dank Wiederkäuern genutzt werden. Kühe, Schafe und Ziegen verwerteten Gras, das für die menschliche Ernährung ungeeignet sei. Ohne Tierhaltung drohten Verbuschung und der Verlust wertvoller Kulturlandschaften.

Wirtschaft sieht staatliche Ernährungslenkung

Ständerätin Petra Gössi (FDP, SZ), Präsidentin der Föderation der Schweizerischen Lebensmittelindustrie (Fial), kritisierte die Vorlage als Versuch einer staatlichen Ernährungslenkung. Innovation und Nachhaltigkeit entstünden durch Markt, Forschung und Unternehmertum – nicht durch staatliche Vorgaben.

Ähnlich argumentierte Beat Imhof von GastroSuisse. Die Gastronomie lebe von der Vielfalt der Gästebedürfnisse und von Wahlfreiheit. Die Initiative würde aus seiner Sicht zu weniger Auswahl, höheren Preisen und mehr Importen führen.

Auch Ständerat Fabio Regazzi (Mitte, TI), Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbands, warnte vor zusätzlicher Bürokratie und negativen Folgen für Berg- und Randregionen. Die Vorlage setze auf staatliche Lenkung statt auf Eigenverantwortung und belaste zahlreiche KMU entlang der Lebensmittelkette.

Ritter zieht Vergleich zur Trinkwasserinitiative

Den Schlusspunkt setzte Nationalrat und Bauernverbandspräsident Markus Ritter (Mitte, SG). Die Initiative wolle das Ernährungssystem innerhalb von zehn Jahren grundlegend umbauen. Angesichts langfristiger Investitionen sei das unrealistisch.

Ritter sprach von «altem Wein in neuen Schläuchen» und zog Parallelen zur 2021 deutlich abgelehnten Trinkwasserinitiative, die wie die Ernährungsinitiative von Franziska Herren lanciert worden war. Die Realität wäre aus seiner Sicht eine Schwächung der inländischen Land- und Ernährungswirtschaft sowie eine Verteuerung der Lebensmittel.

Warum sagen SP und Grüne Nein?

Ein Journalist wollte wissen, weshalb sich linke Politikerinnen gegen eine Vorlage stellten, die eine stärker pflanzenbasierte Ernährung fördern wolle. Roth widersprach dem Klischee, wonach linke Kreise grundsätzlich vegan lebten. Sie esse selbst Fleisch – möglichst aus Schweizer Produktion und tiergerechter Haltung. Entscheidend sei die Wahlfreiheit der Konsumentinnen und Konsumenten. Würde die Tierhaltung in der Schweiz stark reduziert, müssten tierische Produkte importiert werden. Damit verliere die Schweiz Einfluss auf Tierwohl- und Produktionsstandards.

Badertscher unterstützte diese Sicht. Die Initiative teile die Debatte in «Gut und Böse» auf und schade damit letztlich sogar dem Anliegen einer stärkeren pflanzlichen Ernährung. Die Grünen stünden weiterhin hinter einer standortangepassten Landwirtschaft mit graslandbasierter Milch- und Fleischproduktion. Auf die Frage nach der Stimmfreigabe der Grünen-Delegiertenversammlung erklärte Badertscher, der entsprechende Antrag sei von einzelnen Mitgliedern gekommen. Die beschlossene Stimmfreigabe sei letztlich ein Kompromiss gewesen.

«Es fehlen schlichtweg die Gegner»

Eine weitere Frage betraf die Erfahrungen aus dem Abstimmungskampf zur Trinkwasserinitiative, der teilweise sehr emotional geführt worden war. Ritter zeigte sich diesmal deutlich weniger besorgt.

Die Ausgangslage sei eine andere. «Es fehlen schlichtweg die Gegner», sagte er mit Verweis auf die breite Ablehnung der Vorlage durch Parteien und Verbände. Die grössere Herausforderung sei vielmehr, überhaupt genügend Aufmerksamkeit für die Abstimmung zu erhalten.

«Die Gefahr ist eher, dass das Interesse verloren geht», sagte Ritter. Nun gelte es, der Bevölkerung die Konsequenzen der Initiative und die Bedeutung der Schweizer Lebensmittelproduktion aufzuzeigen.

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