
Die Ernährungsinitiative fordert sie, dass der Bund einen Selbstversorgungsgrad von mindestens siebzig Prozent anstrebt und entsprechend eine vermehrt auf pflanzliche Lebensmittel basierende Ernährungsweise fördert.
Susanne Künsch
Bei der Initiative «Für eine sichere Ernährung – durch Stärkung einer nachhaltigen inländischen Produktion, mehr pflanzliche Lebensmittel und sauberes Trinkwasser» (Ernährungsinitiative) präsentierte sich die Ausgangslage zum Umfragezeitpunkt als Pattsituation. Die Initiative verlangt unter anderem einen Netto-Selbstversorgungsgrad von mindestens 70 Prozent.
Frauen mehrheitlich dafür
49 Prozent der Stimmwilligen hätten Anfang August dagegen gestimmt, 47 Prozent dafür. Der Anteil der Unentschlossenen sei mit vier Prozent gering, teil das Forschungsinstituts gfs.bern mit. Die Meinungsbildung sei mit 60 Prozent gefestigten Absichten weniger fortgeschritten als bei der Neutralitätsinitiative.
Die parteipolitische Trennlinie verlaufe klar zwischen links und rechts. Bei den Sympathisierenden der Grünen (84 Prozent Ja) und der SP (64 Prozent Ja) ist die Zustimmung hoch. Auch bei der GLP-Anhängerschaft finde die Vorlage mit 55 Prozent eine Mehrheit, obwohl die Parteileitungen von SP und GLP die Initiative ablehnen. Die Wählerschaften von Mitte, SVP und FDP seien mehrheitlich dagegen.
In ländlichen Gebieten falle die Zustimmung mit 40 Prozent am tiefsten aus. Deutliche Unterschiede zeigten sich auch bei den soziodemografischen Merkmalen. Frauen würden mit 55 Prozent Ja stimmen. Bei jüngeren Stimmberechtigten zwischen 18 und 39 Jahren zeige sich eine Zustimmung von 54 Prozent. Sie seien dem Anliegen zugeneigter als Männer (39 Prozent Ja) und ältere Generationen. In der französisch- und italienischsprachigen Schweiz gebe es mit 57 beziehungsweise 53 Prozent Ja-Mehrheiten.
Zuspruch bei tiefen Einkommen
Auffällig sei die Zustimmung nach Haushaltseinkommen. So finde die Ernährungsinitiative bei Stimmberechtigten mit tieferem Einkommen besonders viel Unterstützung. Demnach sind je 57 Prozent der Personen mit einem Haushaltseinkommen unter 3000 Franken oder zwischen 3000 und 5000 Franken bestimmt oder eher dafür. Nach Schulbildung zeige sich dagegen kein klares Muster.
Die für den Abstimmungssonntag erwartete Stimmbeteiligung liegt mit 44 Prozent aktuell unter dem langjährigen Durchschnitt von 47,4 Prozent. Die Mobilisierung sei in dieser frühen Phase des Abstimmungskampfes noch nicht sehr breit. Von den Parteianhängerschaften sind jene der SVP und der GLP bisher am wenigsten mobilisiert.
Die Umfrage wurde zwischen dem 3. und 16. August bei über 17'000 Stimmberechtigten durchgeführt. Der statistische Fehlerbereich beträgt +/-2,8 Prozentpunkte.
Andere Umfragen sehen Gegner klar im Vorsprung
Auch diese Woche hat das Forschungsinstituts Yougov seine Resultate einer Umfrage veröffentlicht. Das Verhältnis betrug 52 Prozent Nein- zu 37 Prozent Ja-Stimmen. Elf Prozent der Befragten waren noch unentschlossen. Lediglich die Anhängerschaft der Grünen wollen mehrheitlich zustimmen. Die SP war mit einem Ja-Anteil von 48 Prozent gespalten, die Grünliberalen zu 55 Prozent dagegen. Die höchsten Ablehnungsraten fanden sich bei den Wählenden der FDP (73 Prozent) und der Mitte (65 Prozent).
Das Nein-Lager hat seit der ersten Erhebung im Juli um 9 Prozent zugelegt, Bei der Ernährungsinitiative stand für die Befürwortenden gesunde Ernährung im Vordergrund, gefolgt von Argumenten der Versorgungssicherheit. Wer die Initiative ablehnte, kritisierte deren Ausgestaltung als zu extrem, bevormundend und restriktiv. Für die Umfrage befragte Yougov zwischen dem 3. und 17. August insgesamt 3080 stimmberechtigte Personen.
Die von LeeWas im Auftrag von Tamedia und 20 Minuten durchgeführte Befragung zeigt einen Nein-Anteil von gar 65 Prozent, während nur 31 Prozent der Stimmberechtigten zustimmen wollen. Frauen zeigen auch hie mehr Sympathien als Männer – sie lehnen die Ernährungsinitiative jedoch mit 59 Prozent Nein-Stimmen klar ab.
Auch einen starken Stadt-Land-Graben sieht die Umfrage nicht. Der Unterschied ist mit 36 Prozent Ja-Stimmen bei den Städterinnen und Städtern und 29 Prozent Ja auf dem Land gering.
-> Ernährungsinitiative: Nein-Lager legt zu
Das will die Initiative
Die Volksinitiative «Für eine sichere Ernährung – durch Stärkung einer nachhaltigen inländischen Produktion, mehr pflanzliche Lebensmittel und sauberes Trinkwasser (Ernährungsinitiative)» will die Verfassung ergänzen. Namentlich fordert sie, dass der Bund einen Selbstversorgungsgrad von mindestens siebzig Prozent anstrebt und entsprechend eine vermehrt auf pflanzliche Lebensmittel basierende Ernährungsweise fördert. Darauf müsste sich die Land- und Ernährungswirtschaft ausrichten, und auch Subventionen müssten entsprechend gestaltet werden.
Erreicht werden müssten diese Ziele innerhalb von zehn Jahren. Weiter müsste der Bund dafür sorgen, dass alle im Land mit Lebensmitteln und mit sauberem Trinkwasser versorgt sind. Bei Stickstoffverbindungen und Phosphor dürfen 2008 definierte Höchstwerte nicht mehr überschritten werden.
Hinter der Initiative stehen Franziska Herren vom Verein «Sauberes Wasser für alle» und sechs weitere Personen. Herren war bereits treibende Kraft hinter der 2021 abgelehnten Trinkwasserinitiative.
Wir wollen doch selber entscheiden, was wir essen wollen!