
Die Ernährungsinitiative wollte den Anbau von Pflanzen für die menschliche Ernährung deutlich erhöhen.
Biofarm
In den bisher ausgezählten Kantonen Aargau und Glarus verwarfen je gegen 75 Prozent der Stimmenden die Initiative. Die aufgegriffene Themen seien zwar durchaus mehrheitsfähig gewesen, sagte Politologe Lukas Golder im Schweizer Fernsehen SRF. Aber der Fehler sei, dass die Initiative zu viel zu schnell gewollt habe.
Ein Netto-Selbstversorgungsgrad von siebzig statt wie heute bei 45 Prozent, und das innerhalb von zehn Jahren: Das hätte die Ernährungsinitiative verlangt. An dieser Vorgabe hätten sich die Land- und Ernährungswirtschaft sowie die Konsumentinnen und Konsumenten ausrichten müssen. Weiter hätte der Bund dafür sorgen müssen, dass alle im Land mit Lebensmitteln und mit sauberem Trinkwasser versorgt sind.
Herren: «Ich habe nichts falsch gemacht»
Grosse Verliererin ist Initiantin Franziska Herren. Räumt sie Fehler bei der Initiative ein? «Nein, ich habe nichts falsch gemacht. Wenn man auf den Sommer 2026 zurückblickt, sieht man: Wir haben grosse Probleme mit der Wasserversorgung und in der Landwirtschaft. Seit 2003, dem letzten Hitzesommer, wissen wir, dass wir bei der nationalen Wasserstrategie, dem Gewässerschutz und der Bodenfruchtbarkeit vorwärtsmachen sollten. Und die Landwirtschaft wurde nicht auf den Klimawandel vorbereitet, obwohl wir viel Geld ausgeben», sagte sie zu SRF.
Im Parlament erhielt sie von keiner einzigen Person Unterstützung. Warum? «Wir haben es versucht. Es war surreal, dass sich eine ganze Politik gegen die Ernährungs- und Trinkwassersicherheit stellt. Die Politik, die sich gegen uns wendet, müsste dafür sorgen, dass die Landwirtschaft auf den Klimawandel vorbereitet wird», sagte sie zu SRF. Die Landwirtschaft müsse uns binnen eines Jahres ernähren können, das stehe in der Verfassung. «Und es gibt ein Bundesgesetz und einen Sachplan, die sind behördenverbindlich», sagte Herren zu SRF.
An eine dritte Initiative nach der Trinkwasserinitiative und der nun letztlich abgelehnten Ernährungsinitiative, denke sie im Moment noch nicht, sagte Herren. «Das steht komplett im Raum.»
Kein Nein zur einer nachhaltigen Landwirtschaft
Für Christine Badertscher (Grüne/BE), die sich im Nein-Komitee engagierte, ist das Nein keine Überraschung. Es sei keine Absage an eine nachhaltige und ökologische Landwirtschaft. «Es ist ein Nein zu einem unrealistisch hohen Selbstversorgungsgrad», sagt Badertscher zu SRF. Die Initiative höre sich zwar gut an. Der angestrebte Selbstversorgungsgrad von 70 Prozent könne sich aber kontraproduktiv auswirken. «Die Initiative hätte zu einer Intensivierung der Landwirtschaft führen können», sagte sie.
Badertscher führte aber auch taktische Gründe für ihr Nein zur Initiative an. Die Grünen könnten nun ihre Anliegen für eine nachhaltige Landwirtschaft in die Agrarpolitik 30+ einbringen. «Das Nein zur Initiative ist nicht unsere Niederlage», führte sie aus. Denn es sei kein Nein zu einer nachhaltigen Landwirtschaft, sondern ein Nein zu einem hohen Selbstversorgungsgrad.
Die Bevölkerung wolle sich die Freiheit, selber wählen zu können, was sie esse, nicht nehmen lassen, sagte Ständerätin Petra Gössi (FDP/SZ) zu SRF. Die Agrarpolitik bleibe ein Thema, aber da bestimme der Markt mit. Das Fleisch als «des Teufels» zu verdammen, gehe nicht.
Hinter der Initiative stehen Franziska Herren vom Verein «Sauberes Wasser für alle» und sechs weitere Personen. Herren war bereits treibende Kraft hinter der 2021 abgelehnten Trinkwasserinitiative. Das kleine Komitee musste den Abstimmungskampf weitgehend alleine bestreiten. Denn Umweltverbände hatten sich nach anfänglicher Unterstützung von der Initiative distanziert. Greenpeace Schweiz zum Beispiel gab eine Stimmfreigabe aus, und Stimmfreigabe beschlossen auch die Grünen. Alle anderen Parteien empfahlen ein Nein.
Abstimmungssieger sind die grossen Parteien, der Bauernverband, die Nahrungsmittelindustrie und das Gewerbe. Sie argumentierten, die geforderte Erhöhung des Selbstversorgungsgrads sei utopisch und nur durch drastische Eingriffe in Konsum und Produktion machbar. Die Initiative wolle Konsumentinnen und Konsumenten zu einer hauptsächlich veganen Ernährung zwingen.
Die Initiative schwäche die einheimische Produktion, mache Lebensmittel teurer und führe zu mehr Einkaufstourismus, machte die Gegnerschaft zudem geltend. Die Schweizer Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete wies darauf hin, dass ohne grasfressende Nutztiere zwei Drittel der Landwirtschaftsflächen nicht für die Ernährung genutzt werden könnten. sda