
Adriana Garcia Vargas ist Analystin für Agrarpolitik bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD.
zvg
«Die Schweiz ist ein besonders interessanter Fall», findet Adriana Garcia Vargas. Denn sie betrachte Produktion, Handel und Konsum gemeinsam mit Gesundheit, Lebensmittelverlusten und Umweltwirkungen.
Die Analystin für Agrarpolitik ist Mitautorin des OECD-Berichts «Policies for the Future of Farming and Food in Switzerland» , der am 2. Juli 2026 erschienen ist. Dieser wurde von der Schweiz in Auftrag gegeben und liefert laut Adriana Garcia Vargas eine unabhängige und evidenzbasierte Analyse und 36 Empfehlungen.
Die Schweiz hat eine starke Ausgangslage
Drei grosse Erkenntnisse hebt die Mitautorin hervor: Erstens die starke Ausgansposition für den erforderlichen Wandel des Ernährungssystems dank leistungsfähigem Innovationssystem, hohem Vertrauen in öffentliche Institutionen und Einbindung verschiedener Akteure.
Zweitens die Diskrepanzen zwischen den Zielen der Vision 2050 und bestehender Instrumente: Die Unterstützung der Zuckerproduktion oder des Fleisch-Marketings entsprächen noch nicht den neuen Zielen. Und drittens sei der Übergang zu einem nachhaltigeren und resilienten Ernährungssystem auch eine politische Frage. «Die Schweiz verfolgt gleichzeitig unterschiedliche Ziele, die nicht immer in dieselbe Richtung weisen», bemerkt sie.
Einzigartige Unterstützung der Landwirtschaft
Einzigartig sei die geschätzte staatliche Unterstützung der Bäuerinnen und Bauern – das Producer Support Estimate PSE . «In den letzten Jahren entsprach diese rund der Hälfte der landwirtschaftlichen Bruttoeinnahmen», sagt Adriana Garcia Vargas. Im OECD-Durchschnitt seien es 13 Prozent. Gut schneidet die Schweiz ab bei Investitionen in Agrarforschung, Innovationen und Beratungsdienste. Diese seien Voraussetzung für einen produktiven und resilienten Agrarsektor.
Besonders sei, dass die Gesellschaft von der Landwirtschaft auch Biodiversität, Tierwohl und die Pflege der Kulturlandschaft erwarte. Bemerkenswert findet sie auch, dass die Schweiz tief in globale Wertschöpfungsketten eingebunden sei und sehr wettbewerbsfähige Lebensmittel-Exportsektoren habe und gleichzeitig viele Agrarprodukte einen hohen Grenzschutz hätten.
Dort produzieren, wo die Bedingungen am besten sind
Den Zielkonflikt zwischen mehr Lebensmittel produzieren und Umweltbelastungen reduzieren, kennen viele Länder. «Die Herausforderung besteht nicht darin, einzelne Indikatoren zu maximieren, sondern die Leistung in Bezug auf mehrere Ziele gleichzeitig zu verbessern», findet Adriana Garcia Vargas. Hilfreich seien technischer Fortschritt, besseres Ressourcenmanagement und Konsummuster zu fördern, welche die Gesundheits- und Nachhaltigkeitsziele unterstützten.
«Die OECD betrachtet Handel als wichtigen Faktor für Ernährungssicherheit, Resilienz und wirtschaftliche Effizienz», sagt die Analystin. Die Idee sei nicht, uneingeschränkt zu liberalisieren, sondern den Abbau von Handelshemmnissen gezielt zu prüfen. «Die Aufgabe besteht darin, Anreize für nachhaltige Produktions- und Konsummuster zu schaffen, unabhängig vom Standort», erklärt sie.
Mehr Koordination, nicht mehr Bürokratie
Der OECD-Bericht plädiert auch für eine bessere Koordination, also Doppelspurigkeit reduzieren und vermeiden, dass eine politische Massnahme unbeabsichtigt Ziele in einem anderen Bereich unterliefe.
«Werden Agrar-, Umwelt-, Gesundheits- und Handelspolitik isoliert voneinander entwickelt, können Widersprüche und unnötiger administrativen Aufwand entstehen», erklärt Adriana Garcia Vargas. Der Bericht empfiehlt deshalb, ernährungsbezogene Themen ressortübergreifend zu diskutieren.