«No Farmers, No Future»: Bauernprotest bei Bern gestartet

In den sozialen Medien hat eine anonyme Person unter dem Namen «Wilhelm Tell» zu einer Protestaktion der Landwirtschaft aufgerufen. Die Aktion ist am Montagabend in Kehrsatz bei Bern gestartet. 

blu/the |

Am Montag wurde vor den Toren der Bundesstadt das Lager der Protestaktion «No Farmers, No Future, No Food» aufgeschlagen. Um 17 Uhr startete die Aktion, die bis am 16. Januar 2026 dauern soll. Der Auftakt zog jedoch nur eine Handvoll Interessierter an. Laut den Initianten werde sich dies noch ändern: Mehrere Bauern hätten ihr Kommen angekündigt, zudem seien in dieser Woche verschiedene Aktionen in der Hauptstadt geplant.

- >  «Wilhelm Tel» kündigt Protestaktion in Bern an

Bauernsterben netto Null

Die Situation sei wirtschaftlich und gesellschaftlich nicht mehr tragbar, sagt «Wilhelm Tell». In den vergangenen 30 Jahren seien 43 Prozent der Schweizer Landwirtschaftsbetriebe verschwunden. Gleichzeitig sei die Grundversorgung um 20 Prozent gesunken. Der Selbstversorgungsgrad liege derzeit bei rund 42 Prozent. «Im Krisenfall könnte die Schweiz damit weniger als die Hälfte der Bevölkerung selbst ernähren», mahnt er.

«Das Ziel dieser Aktion ist es, das Bauernsterben per sofort auf netto null zu senken», so «Wilhelm Tell». Heute seien nur noch 1,4 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. Für ihn sei es entscheidend, von der Gesellschaft gehört zu werden. Seinem Hof gebe er noch ein bis zwei Jahre, falls sich die Situation nicht ändere. «Ich will nicht in zwei Jahren aufhören müssen und sagen, dass ich den Mund nie aufgemacht und mich nie gewehrt habe», sagt der Initiant.

«Freiheit ist in Gefahr»

In einem gut 18-minütigen Interview auf Youtube äussert sich «Wilhelm Tell» ausführlich zu seinen Beweggründen. Der historische Wilhelm Tell habe sich gegen Obrigkeit und Unterdrückung gewehrt, führt er aus. Heute sehe er Parallelen: Landwirte würden zunehmend durch Vorschriften, Auflagen und wirtschaftlichen Druck eingeschränkt. «Die Freiheit ist in Gefahr», sagt er. Importierte Produkte unterlägen oft deutlich tieferen Standards, während die heimische Landwirtschaft strenge Vorgaben erfüllen müsse. Preislich sei so keine Konkurrenzfähigkeit möglich. «Ich sehe die Grundversorgung in Gefahr – und damit auch meinen Hof und meine Existenz», betont er.

Der Hof von «Wilhelm Tell» ist seit Generationen in Familienbesitz. Sein Urgrossvater hatte ihn übernommen, seine Eltern gingen vor 15 Jahren Konkurs. Das Wohnhaus und eine halbe Hektare Land konnte die Familie behalten. In den vergangenen Jahren wurde der Betrieb wieder aufgebaut. Heute umfasst er 4,5 Hektaren Ackerland sowie rund 10 Hektaren Weideflächen. Sollte sich nichts ändern, gebe er dem Hof noch maximal zwei Jahre.

Nicht zu viel Fläche aus Produktion nehmen

Die Arbeitsbelastung sei extrem hoch. «2025 habe ich bis zu 84 Stunden pro Woche gearbeitet und bin an meine Grenzen gekommen», sagt er. Zudem habe er sich zweimal das Schlüsselbein gebrochen, habe sich aber dennoch nicht aus dem Betrieb herausnehmen können. Die Situation sei gesundheitlich wie gesellschaftlich nicht tragbar. Die psychische Belastung sei enorm, die Suizidrate in der Landwirtschaft besonders hoch. Dies betreffe nicht nur ihn, sondern viele Betriebe. Durchschnittlich arbeiteten Schweizer Landwirte rund 67 Stunden pro Woche.

Die Biodiversität sei wichtig, betont «Wilhelm Tell». Auf seinem Betrieb habe er unter anderem 200 Hochstammbäume und Wildhecken angelegt. «Es darf aber nicht sein, dass wir zu viele Flächen aus der Produktion nehmen und die Lebensmittel anschliessend aus Ländern mit tieferen Umweltstandards importieren», sagt er. Darin sieht er einen grundlegenden Widerspruch: Die Gesellschaft verlange mehr Biodiversität, doch nur ein kleiner Teil sei bereit, dafür höhere Preise zu bezahlen. «Die Leute wollen günstige Lebensmittel», erklärt er.

Kleine Betriebe fördern

Kritisch äussert er sich auch zum aktuellen Direktzahlungssystem, das vor allem Wachstum und damit grosse Betriebe fördere. «Die Betriebe haben ein Interesse zu wachsen, während die kleinen fallen gelassen werden. Dabei sind es gerade diese Betriebe, die Biodiversität fördern und hochwertige Lebensmittel produzieren», sagt «Wilhelm Tell». Skeptisch beurteilt er zudem den Handelsdeal der Schweiz mit den USA, bei dem die Zölle von 39 auf 15 Prozent gesenkt wurden. «Die Landwirtschaft wurde für die Uhrenindustrie geopfert. Wir importieren zollfreies Poulet- und Rindfleisch aus den USA, das unter Bedingungen produziert wird, die hier nicht erlaubt sind», kritisiert er. Auch das Freihandelsabkommen mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten erhöhe den Druck auf Schweizer Bauernbetriebe weiter.

«Wilhelm Tell» präsentiert zudem konkrete Vorschläge zur Stärkung der Schweizer Landwirtschaft. Betriebe mit Direktvermarktung sollten stärker gefördert werden, um die Grundversorgung zu sichern. Zudem fordert er deutlich höhere Flächenbeiträge für kleinere Betriebe. «Diese müssten drastisch erhöht werden», sagt er. Weiter verlangt er eine Entschädigung für den hohen Kontroll- und Verwaltungsaufwand. «Je vielfältiger eine Landwirtin oder ein Landwirt produziert, desto teurer wird die Produktion», kritisiert er – und warnt, dass dies letztlich der Biodiversität schade.

Zum Schluss richtet er einen Appell an die Bevölkerung: «Mit ihrem Konsumverhalten hat die Gesellschaft direkten Einfluss auf die Landwirtschaft. Jede und jeder trägt Verantwortung für die Ernährungssicherheit und dafür, wie unsere Höfe in Zukunft aussehen sollen.»

Kommentare (5)

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  • P.E | 14.01.2026
    Ein Zauberwort: Ernährungssicherheit in der Schweiz!
    Was wenn mehr pflanzliche Lebensmittel GETREIDE, GEMÜSE, FRÜCHTE direkt auf den Schweizer Teller kommt?
    Jeden Tag Fleisch und Milchprodukte auf dem Tisch ist bei einer Notlage kein Notwendigkeit!

    Bei der Fleisch und Milchproduktion kommt unter dem Strich noch 20% an.

    Frage: Wie intelligent ist es, Getreide für Tiernahrung?

    Zudem ist die Schweiz mit der jetzigen Landschaft Politik stark von ausländischen Getreide abhängig.

    Fazit: Weniger Fleisch und Milchprodukte, mehr Pflanzliche Produkte!
    Dann erreichen wir die Ernährungsicherheit automatisch!
  • [email protected] | 13.01.2026
    Landwirtschaft in der Verfassung – und in der Realität?

    Die Schweizer Landwirtschaft ist in der Bundesverfassung klar verankert. Sie soll zur sicheren Versorgung der Bevölkerung beitragen, die natürlichen Lebensgrundlagen erhalten, die Kulturlandschaft pflegen und eine dezentrale Besiedelung des Landes sichern. Gleichzeitig fordert die Verfassung eine nachhaltige, standortangepasste und sozialverträgliche Landwirtschaft.
    Diese Ziele sind breit abgestützt – doch die Frage ist berechtigt: Spiegeln die heutigen Direktzahlungsinstrumente diesen Auftrag noch ausreichend wider?

    Skaleneffekte verzerren die Förderwirkung
    Flächen-, Tier- und GVE-Beiträge wirken auf den ersten Blick neutral. In der Praxis verstärken sie jedoch Skaleneffekte. Grosse Betriebe profitieren überproportional von Mechanisierung, Effizienz und Mengenvorteilen und sind in der Lage, einen erheblichen Teil ihrer Wertschöpfung am Markt zu erzielen.
    Kleinere Betriebe hingegen – trotz vergleichbarer gesellschaftlicher Leistungen – geraten strukturell ins Hintertreffen. Nicht weil sie ineffizient sind, sondern weil das System ausschliesslich die Grösse/Menge/Stk. belohnt.
    Kleine Betriebe sind kein Auslaufmodell
    Die Schweiz braucht bewusst kleine Betriebe: Betriebe mit rund 1 bis 12 Hektaren, mit wenigen Grossvieheinheiten, eingebettet in Agglos, Dörfer, Tälern, Hanglagen, Bergregionen und Randregionen. Diese Betriebe sichern Kulturlandschaft, Lebensmittelproduktion, Arbeitsplätze, Biodiversität, regionale Präsenz und Akzeptanz der Landwirtschaft in der Bevölkerung. Sie tragen wesentlich zur dezentralen Besiedelung bei – einem expliziten Verfassungsziel.
    Entscheidend ist dabei nicht Nostalgie, sondern Lebensfähigkeit.

    Eine zukunftsfähige Landwirtschaft muss für Familien tragbar sein: mit sozialverträglichen Arbeitsbedingungen, mit Ferien, mit Wochenenden, mit planbarer Arbeitsbelastung. Nicht 365 Tage Vollbetrieb, nicht dauerhafte Selbstausbeutung.
    Direktzahlungen als gesellschaftlicher Vertrag
    Direktzahlungen sind kein Produktionsbonus. Sie sind die Abgeltung für Leistungen, die der Markt nicht oder nur unzureichend honoriert. Wenn diese Leistungen politisch gewollt sind – und die Verfassung spricht klar dafür –, dann müssen kleine Betriebe überproportional gestärkt werden.
    Grosse Betriebe können dank Skaleneffekten mehr Wertschöpfung am Markt erzielen. Kleine Betriebe hingegen brauchen eine Förderlogik, die ihre Rolle explizit anerkennt – nicht als Vorstufe zum Wachstum, sondern als eigenständiges, gewünschtes Betriebsmodell.

    Schlussfolgerung
    Eine zukunftsfähige Agrarpolitik setzt weniger auf reine Mengen- und Flächenlogik und stärker auf Standortangepasstheit, Vielfalt und Lebensqualität. Nicht immer grösser, sondern besser eingebettet. Nicht zentralisiert, sondern regional verankert.
    Wenn wir eine resiliente, gesellschaftlich akzeptierte Landwirtschaft wollen, dann müssen wir sie auch konsequent so ausgestalten.
  • Barbara Kübler | 13.01.2026
    Wünsche euch Ganz fest von Herzen,
    Liebe in allem das ihr unternehmt,
    Licht,Klarheit,Wahrheit,Freiheit.
    Viel Kraft.
    Absolutes Vertrauen in jene Instanz,
    die alles bewohnt das ist und nicht ist.
    B.Kübler
  • Ulrich Heimberg | 13.01.2026
    Hat er tatsächlich Wilhelm Tel geschrieben ?
  • Dennis | 13.01.2026
    Ich kaufe nichts mehr bei den Bauern bin lieber Selbstversorger
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