
Auf den Weiden wächst das Gras nicht mehr. Die Bauern müssen bereits Wintervorräte verfüttern.
Gabriela Brändle
Seit Wochen ist es sonnig und heiss. Das Niederschlagsdefizit ist vielerorts sehr gross. Die mit der Hitzewelle verbundene Trockenheit setzt der Landwirtschaft zu. Die Kulturen wachsen nicht mehr, das Futter geht zur Neige. Eine Gruppe von über 300 Landwirtinnen, Älplern und Agronomen macht sich grosse Sorgen und zeigt sich verärgert über den Schweizer Bauernverband (SBV). In einem offenen Brief werfen sie dem Verband Untätigkeit vor. Er schweige sich «beharrlich über diese historische Trockenheit» aus.
Klimakrise anerkennen
Vor allem Ritters Aussage, Ruhe zu bewahren, stösst ihnen sauer auf. «Der SBV und Markus Ritter sollen aufhören, die aktuelle Situation zu verharmlosen», sagt Landwirt Finn Suter im Namen der Gruppe zum «Schweizer Bauer». Der Verband solle sich dafür einsetzen, dass weniger essenzielle Industrien als die Lebensmittelproduktion Wasser sparen sollen. Als Beispiel nennen sie Rechenzentren, die Wasser zur Kühlung benötigen. Und er müsse seine Rolle als Sprachrohr ernst nehmen. «Zu viele Menschen in der Schweiz wissen nicht um die Bedingungen in der Landwirtschaft», führt Suter aus, der auf einem Betrieb im Mittelland den Anbau verantwortet.
Die Gruppe fordert vom SBV, dass er klima- und umweltpolitische Vorlagen nicht mehr bekämpft sowie die Klima- und Biodiversitätskrise anerkennt. Um die aktuelle Lage zu meistern, brauche es für stark von der Hitze und Trockenheit betroffene Betriebe kurzfristige Hilfen. Die Lockerung der RAUS-Bestimmungen (regelmässiger Auslauf ins Freie) wird deshalb unterstützt. Langfristig seien finanzielle und organisatorische Unterstützung beim Umbau von Ställen, bei der Implementierung wassereffizienter Bewässerungssysteme und bei landschaftlichen Anpassungen wie Agroforst nötig. Zudem müsse der SBV mit Umweltverbänden zusammenarbeiten, anstatt sie zu bekämpfen. Die Erderhitzung müsse abgebremst werden.
Bauernverband überrascht
Beim Bauernverband zeigt man sich über den offenen Brief überrascht. Man teile die Sorgen der Menschen, die den offenen Brief unterschrieben haben, bezüglich der Folgen des Klimawandels für die Landwirtschaft. «Der Vorwurf, dass der SBV sich nicht für den Klimaschutz einsetzt, ist falsch», sagt Mediensprecherin Sandra Helfenstein gegenüber «Schweizer Bauer». So habe man beispielsweise bei der Abstimmung über das CO2-Gesetz die Ja-Parole beschlossen. Um dem Futtermangel zu lindern, habe der Verband beim Bundesamt für Landwirtschaft beantragt, die Zölle auf importiertes Futter auf null Franken zu setzen.

Die Trockenheit hat die Schweiz fest im Griff.
Tobias Strahm
Der Verband bezweifelt, dass alle Unterzeichnenden des Briefs Bäuerinnen und Bauern sind, die «bei 35° auf den Feldern schuften». «Entsprechend ist es auch befremdlich, dass das Schreiben keinen klar erkennbaren Absender hat», kritisiert Helfenstein. Sie lädt die Verfasser des Briefs ein, beim Verband Mitglied zu werden. «Landwirtinnen und Landwirte, die bei uns Mitglied sind, können sich direkt und demokratisch einbringen», führt sie aus.
Kritik an Agrarpolitik
Suter räumt ein, dass auch einige solidarische Konsumierende unterschrieben haben. «Wir gehen jedoch davon aus, dass der Grossteil der Unterschriften von Bäuerinnen und Bauern ist, auch wenn wir das nicht überprüfen können», hält er fest.
Im offenen Brief fordern die Unterzeichnenden auch einen Wechsel in der Agrarpolitik. «Die kleinbäuerliche und diversifizierte Landwirtschaft arbeitet nachhaltiger und umweltschonender. Das Direktzahlungssystem in der Schweiz berücksichtigt diese aktuell jedoch zu wenig und fördert grosse Betriebe stärker», kritisiert Suter.
Kein Gespräch erwünscht
Die Gruppe wünscht sich zudem eine Förderung der ausserfamiliären Hofübergabe. Nur so könne eine kleinbäuerliche Struktur in der Schweiz erhalten werden. Der SBV habe sich in der Vergangenheit zu wenig gegen das Mantra «Wachse oder Weiche» gestellt, hält sie fest. Neue gemeinschaftlichere Betriebsformen wie solidarische Landwirtschaft oder Genossenschaften seien strukturell vom Direktzahlungssystem ausgeschlossen. Die Gruppe sieht in diesen Modellen eine grosse Zukunft.

Mit Markus Ritter will die Gruppe nicht sprechen.
Daniel Salzmann
Und sie sieht die Tätigkeit des SBV nicht nur schlecht. «Als Berufsverband unterstützt der SBV uns Landwirtinnen und Landwirte gut. Es gibt viele Ressourcen und Unterstützungsangebote. Politisch jedoch fühlen wir uns nicht vertreten», halten die Unterzeichnenden fest. Ein Gespräch mit Markus Ritter wünschen sie sich nicht. «Wir versprechen uns nicht viel davon. Markus Ritter hat einen sehr klaren Standpunkt, den wir kennen, und er kennt nun auch unseren», sagt Suter zum «Schweizer Bauer».
Es braucht jetzt keine überstürzten Massnahmen.
Ruhe bewahren und kluge Entscheidungen treffen.