Was erwartet die Bevölkerung von der Landwirtschaft?

Die Debatte über die Ausrichtung der Agrarpolitik ist lebhaft, doch weniger polarisiert als oft angenommen. Eine Studie zeigt, dass die Bevölkerung die vielfältigen Ziele der Agrarpolitik unterstützt. Umwelt- und Tierwohlziele sind zwar wichtig, werden aber nur akzeptiert, «wenn sie nicht zu Einkommensverlusten für landwirtschaftliche Betriebe führen».

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Die Schweizer Bevölkerung verfügt über ein breites, systemisches Verständnis der Zusammenhänge zwischen Produktion und Konsum. Sie sieht die Verantwortung gleichzeitig bei Staat, Wirtschaft und Konsumenten. Politische Reformen haben daher gute Chancen, wenn sie transparent kommuniziert, sozial ausgewogen gestaltet und mit einem klaren Massnahmenmix umgesetzt werden.

«Die Schweizer Bevölkerung unterstützt die vielfältigen Ziele der Agrarpolitik breit und erachtet staatliche Interventionen zur Förderung einer multifunktionalen Landwirtschaft als legitim», heisst es in der Zusammenfassung einer von Agroscope und der ETH Zürich publizierten Studie. Diese Studie basiert auf drei Umfragen, die zwischen Oktober 2022 und August 2023 durchgeführt wurden.

Tierwohl und bäuerliches Einkommen zuerst

Die Studie «Welche Bedeutung haben die agrarpolitischen Ziele für die Schweizer Bevölkerung?» zeigt, dass das Tierwohl und ein angemessenes Einkommen für Bäuerinnen und Bauern für die Bevölkerung am wichtigsten sind. Tiefere Lebensmittelpreise und eine stärkere Inlandproduktion geniessen dagegen vergleichsweise weniger Priorität.

Laut Agrarforschung Schweiz belegen die Befragungen zugleich, dass mehr Umweltschutz und Tierwohl nur akzeptiert werden, wenn sie wirtschaftlich tragbar sind. Entsprechende Massnahmen würden nur akzeptiert, «wenn sie nicht zu Einkommensverlusten für landwirtschaftliche Betriebe führen oder entsprechend ausgeglichen werden». Diese Aussage erklärt, warum politische Massnahmen, die ökologische Ziele verfolgen, oft mit flankierenden Ausgleichsmechanismen oder finanziellen Anreizen kombiniert werden müssen.

Kein Stadt-Land-, aber ein Rösti- und Polenta-Graben

Hinsichtlich agrarpolitischer Ziele legen die Ergebnisse keinen Stadt-Land-Graben offen. «Zwischen städtischer und ländlicher Bevölkerung bestehen insgesamt so gut wie keine Unterschiede in den agrarpolitischen Präferenzen», heisst es in der Studie. Unterschiede zeigen sich hingegen zwischen den Sprachregionen.

In der Romandie und im Tessin werden die Reduktion von Pflanzenschutzmitteln und die Sicherung bäuerlicher Einkommen stärker gewichtet als in der Deutschschweiz. Die Deutschschweiz lege mehr Gewicht auf die Steigerung der Inlandproduktion. Innerhalb der Landwirtschaft selbst sei der Konsens über Umweltziele geringer. Insbesondere bei der Reduktion von Treibhausgasen bestünden deutliche Meinungsunterschiede.

Handlungsfelder für die Politik

Die Autorinnen und Autoren fassen die Ergebnisse der Befragungen zur Ausgestaltung der Agrar- und Ernährungspolitik wie folgt zusammen:

Erstens: Die breite Zustimmung der Bevölkerung zu den vielfältigen Zielen der Agrarpolitik verleiht politischen Massnahmen zur Förderung einer multifunktionalen Landwirtschaft gesellschaftliche Legitimation. «Der Staat kann sich auf diesen stabilen Rückhalt stützen, wenn er ökologische, ökonomische und soziale Funktionen der Landwirtschaft gleichzeitig stärkt.»

Zweitens: Eine umweltfreundlichere Nahrungsmittelproduktion ist nur dann realisierbar ist, wenn sie nicht mit Einkommensverlusten für landwirtschaftliche Betriebe einhergeht.

Drittens:  Ein ausgewogener Reformansatz, der Umweltziele, bäuerliche Einkommen und Lebensmittelpreise gemeinsam berücksichtigt kann den gesellschaftlichen Konsens stärken und der Polarisierung in agrarpolitischen Debatten entgegenwirken.

Viertens:  Die Agrarpolitik konzentriert sich traditionell auf die Produktionsseite. Konsumorientierte Instrumente im Rahmen einer umfassenden Ernährungspolitik sind hingegen neu. Entsprechende Massnahmen finden eher Akzeptanz, wenn sie im Verantwortungsbereich des Staates verortet sind und sorgfältig kommuniziert werden. Dabei sollte kein Zwang auferlegt werden, sondern das Verständnis gefördert werden, dass die Entscheidungen von Konsumentinnen und Konsumenten einen Beitrag zu gemeinsamen gesellschaftlichen Zielen leisten können.

-> Hier können Sie die ganze Studie nachlesen.

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