Wie ist die Ausgangslage?
In der Wintersession wird das Parlament am 9. Dezember einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin für den scheidenden Bundesrat Guy Parmelin wählen. Die SVP beansprucht den freiwerdenden Sitz für sich. Nominiert fürs offizielle «Ticket» werden Kandidatinnen und Kandidaten im Rahmen eines offiziellen Wahlvorschlags am 20. November durch die SVP-Bundeshausfraktion. Wie viele Namen darauf stehen werden, liess die Parteileitung zunächst offen.
Die Waadtländer SVP will sich dafür einsetzen, dass Parmelins Sitz wieder an eine Person aus der Romandie geht, wie sie mitteilte. Andernfalls wäre die jurassische SP-Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider die einzige Westschweizer Vertretung in der Landesregierung.
Wird die erste SVP-Bundesrätin gewählt?
Gesprächsthema ist zudem, ob erstmals eine Frau für die SVP in den Bundesrat einziehen wird. Zwar wurde Eveline Widmer-Schlumpf als damalige Bündner SVP-Regierungsrätin im Jahr 2007 in den Bundesrat gewählt. Doch gilt die Wahl als politischer Coup: Die Vereinigte Bundesversammlung setzte damals SVP-Bundesrat Christoph Blocher ab. Die Wahl führte zu einer Krise innerhalb der SVP, und Widmer-Schlumpf sowie Bundesrat Samuel Schmid wechselten unter das Banner der BDP.
Welche Frauen sind im Gespräch?
CÉLINE AMAUDRUZ: Die SVP-Vizepräsidentin und Nationalrätin aus Genf (Jahrgang 1979) hatte sich nach dem Rücktritt von Ueli Maurer 2022 nicht zur Wahl gestellt. Dieses Mal könnte es sich die auch in der Deutschschweiz bekannte Politikerin anders überlegen. Amaudruz nimmt sich Zeit, um über eine mögliche Kandidatur als Nachfolgerin von Parmelin nachzudenken. «Das ist eine Frage von wenigen Tagen», sagte sie in der Sendung «Forum» des Westschweizer Radios RTS am Tag der Rücktrittsankündigung von Parmelin. Die 47-Jährige stimmte zuletzt immer wieder entgegen der Fraktionslinie ab, etwa bei gesellschaftspolitischen Themen wie der Ehe für alle oder bei der Legalisierung der Eizellenspende.
ESTHER FRIEDLI: Die St. Galler Ständerätin (Jahrgang 1977) kandidierte nach dem Rücktritt Ueli Maurers 2022 nicht. Friedli zog es vielmehr vor, nach dem Rücktritt von Paul Rechsteiner (SP) ihr Glück als Ständerätin zu versuchen, was gelang. Im Falle von Friedli stellt sich aber die Frage einer Überrepräsentation des Kantons St. Gallen in der Landesregierung. Denn mit Karin Keller-Sutter (FDP) stellt der Kanton bereits eine Bundesrätin.
NATALIE RICKLI: Die Zürcher Gesundheitsdirektorin und ehemalige Nationalrätin (Jahrgang 1976) wird zum Zeitpunkt der Ersatzwahl für den Bundesrat mitten im Wahlkampf zur Verteidigung ihres Regierungsratssitzes befinden, was einer Kandidatur hinderlich sein könnte. Abgesehen davon ist Rickli eine der bekanntesten SVP-Politikerinnen des Landes. Sie bringt jahrelange Parlaments- und Exekutiverfahrung mit. Andererseits hat sich Rickli während der Covid-19-Pandemie nicht nur Freunde in ihrer Partei gemacht.
MONIKA RÜEGGER: Der Name der Obwaldner Nationalrätin (Jahrgang 1968) kursierte ebenfalls bei der Suche nach der Nachfolge von Bundesrat Ueli Maurer. Sie sagte damals ab. Rüegger wurde 2019 in den Nationalrat gewählt – und war damit die erste Frau aus Obwalden im eidgenössischen Parlament.
Welche möglichen Kandidaten kommen aus der Westschweiz?
YVAN PAHUD: Der Waadtländer Nationalrat (Jahrgang 1980) stammt aus dem selben Kanton wie der abtretende Bundesrat Parmelin. «Das Amt interessiert mich, aber ich muss natürlich noch darüber nachdenken», sagte Pahud auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Sein grösstes Hindernis ist seine geringe Erfahrung im Parlament. Der Waadtländer sitzt erst seit 2023 im Nationalrat.
NICOLAS KOLLY: Der Freiburger Nationalrat (Jahrgang 1986) gilt als dossierfestes Talent aus der Westschweiz und wird von Analysten als konsensfähige Alternative ins Spiel gebracht. Als Vorstandsmitglied der SVP-Fraktion befasst er sich insbesondere mit den Themen Landwirtschaft und der Beziehung zur EU. Er denke derzeit ernsthaft über eine Kandidatur nach, sagte Kolly auf Anfrage.
SYLVAIN FREYMOND: Für den Präsidenten der SVP Waadt (Jahrgang 1984) war es kurz nach der Rücktrittsankündigung von Parmelin noch «ein bisschen früh», sich zur Nachfolge zu äussern. Für ihn ist wesentlich, dass eine SVP-Vertretung aus der Westschweiz das Amt weiterführen wird. Freymond sitzt erst seit rund drei Jahren im Nationalrat.
Wer sind mögliche Kandidaten aus der Deutschschweiz?
MARCEL DETTLING: Der SVP-Parteipräsident (Jahrgang 1981) müsste sich gegen das Parteipräsidium und für die Landesregierung entscheiden. Das gilt als unwahrscheinlich. «Einen Bundesrat Dettling wird es nie geben», sagte der Schwyzer Nationalrat im März 2025 zur «NZZ am Sonntag».
THOMAS AESCHI: Der SVP-Fraktionschef (Jahrgang 1979) wollte zu einer allfälligen Kandidatur vorerst keine Stellung nehmen, wie es auf Anfrage hiess. Aeschi gilt als Hardliner – womit Stimmen von ausserhalb der SVP-Fraktion wohl rar sein könnten. Als es 2022 um die Nachfolge von Bundesrat Ueli Maurer ging, verzichtete der Zuger Nationalrat auf eine Kandidatur. Er zog das Fraktionspräsidium vor. 2015 war Aeschi offizieller Bundesratskandidat um die Nachfolge von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf – er unterlag Guy Parmelin.
FRANZ GRÜTER: Der Luzerner Nationalrat (Jahrgang 1963) schliesst eine Kandidatur nicht aus, wie er auf Anfrage von Keystone-SDA sagte. Grüter politisiert seit 2015 im Nationalrat und ist Mitglied der aussenpolitischen Kommission. Für ihn könnte seine Herkunft sprechen: Der letzte Luzerner Bundesrat war Kaspar Villiger (FDP) – von 1989 bis 2003.
THOMAS MATTER: Der Zürcher Nationalrat (Jahrgang 1966) gilt als Schwergewicht seiner Partei. Im Parlament könnte er als Hardliner jedoch nicht mehrheitsfähig sein. Bei der Nachfolgeregelung von Bundesrat Ueli Maurer war Matter bereits im Spiel. Jedoch lehnte er eine Kandidatur damals ab. Ob der Unternehmer, der seit 2014 in der Grossen Kammer sitzt, seine Meinung ändern wird, blieb zunächst offen.
PASCAL SCHMID: Der Thurgauer Nationalrat (Jahrgang 1976) hat bereits Ambitionen für die Nachfolge des zurücktretenden Ständerats Jakob Stark angemeldet. Wer letztlich für die Partei in den Ständeratswahlkampf steigt, entscheidet die Delegiertenversammlung am 6. Januar 2027. Auch Schmid fällt in die Kategorie jener möglichen Anwärterinnen und Anwärter, denen die Mehrheit im Parlament bei einer Bundesratswahl verwehrt bleiben könnte.
PIERRE ALAIN SCHNEGG: Der französischsprachige Berner Regierungsrat (Jahrgang 1962) sagte auf Anfrage von Keystone-SDA: «Die Würdigung der Arbeit und der Leistungen des abtretenden Bundespräsidenten und Bundesrates, Guy Parmelin, sollen jetzt im Vordergrund stehen. Ich möchte mich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht über eventuelle weitere Schritte äussern.» Schnegg ist seit 2016 Vorsteher der Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektion vom Kanton Bern.
JEAN-PIERRE GALLATI: Der Aargauer SVP-Gesundheitsdirektor (Jahrgang 1966) überlegt sich nach Angaben der «Aargauer Zeitung» eine Kandidatur. Er «werde eine mögliche Kandidatur mit meinem privaten und politischen Umfeld besprechen», zitierte ihn die Zeitung. Auch Gallati eckte während der Covid-19-Pandemie bei manchen Mitgliedern seiner Partei an. 2019 war Gallati in den Nationalrat sowie in die Aargauer Kantonsregierung gewählt worden. Nach wenigen Monaten in Bern trat er das Amt im Aargau an.
Wer will kandidieren?
Bisher hat noch keine Vertreterin und kein Vertreter der SVP offiziell eine Kandidatur für die Nachfolge von Bundesrat Guy Parmelin angekündigt.
Wer hat abgesagt?
MAGDALENA MARTULLO-BLOCHER: Die Bündner Nationalrätin (Jahrgang 1969) gilt als wichtige Persönlichkeit ihrer Partei. Interesse am Amt als Bundesrätin hat sie aber nicht. «Nein, ich werde nicht kandidieren», sagte Martullo-Blocher in der SRF-Sendung «Arena». Sie sei Unternehmerin, und das lasse sich nicht vereinbaren, sagte die Chefin des Spezialchemiekonzerns Ems. Die SVP habe gute Anwärterinnen und Anwärter. Eine Kandidatur von ihr werde deshalb – so hoffe sie – nicht nötig sein.
