
Die Trockenheit hat die Schweiz fest im Griff. Auch die Zuckerrüben leiden, hier in Münsingen BE auf sandigem, durchlässigem Boden.
Tobias Strahm
«Auffällig ist die Intensität dieser Dürre und der Hitzewellen, die so früh in der Saison auftreten. Bei derart hohen Temperaturen und einem so ausgeprägten Wassermangel verschärfen sich die allgemeinen Auswirkungen auf den Pflanzenbau in der Schweiz von Tag zu Tag», sagt der Schweizer Bauernverband (SBV) Keystone-SDA auf Anfrage.
Stillstand beim Pflanzenwachstum
«Das Pflanzenwachstum kommt zum Stillstand.» Eine Bewässerung sei nur möglich, wenn die Ressourcen es zuliessen und nur für bestimmte Kulturen. Einige Flächen seien völlig verdorrt und unproduktiv, präzisiert Michel Darbellay, stellvertretender Direktor des SBV.

Das Gras auf den Weiden wächst nicht mehr.
Bruno Nabulon
Auch Uniterre beobachtet einen Rückgang der Produktivität. «Bestimmte Gemüsekulturen kommen schnell in die Blüte, was die Ernte und die Erträge gefährdet», erklärt Alberto Silva, Vertreter dieser Organisation. Viele Gemüsesorten steckten ihre Energie in die Fortpflanzung statt in die Fruchtbildung.
«Wir beobachten, dass Salate, Fenchel und Kräuter zu früh blühen, zu klein bleiben, bitter oder faserig werden. Kurz gesagt: unverkäuflich», fasst Silva zusammen. Michel Darbellay vom SBV sagt, dass fast zwei Wochen früher geerntet werde als üblich und sich die Weizenernte durch kleinere Körner bemerkbar machen werde.
Vieh bleibt im Stall
Die Hitze wirkt sich auch auf das Vieh aus. Weidegang ist nicht mehr überall möglich und wie im Winter wird die Fütterung im Stall nötig. Das zehre an den Reserven und verursache auch erhebliche Mehrkosten, sagt Darbellay. Da das Vieh in den Ställen vor der Sonne geschützt ist, werden Belüftungs- oder Wassernebel-Systeme installiert, um im Innern der Ställe das Klima zu verbessern und für die Tiere erträglicher zu machen.
Angesichts der Lage im Tal könnten Tiere in höhere Lagen gebracht werden. Auf den Alpen mangelt es aber an Wasser und zwar immer früher in der Saison. In diesen Fällen ist eine Wasserversorgung sinnvoll.
Wenn die Temperaturen steigen, sinkt die Milchproduktion, sagt auch Uniterre. Die kritische Schwelle liegt bei 25 bis 26 Grad Celsius für Milchviehrassen, wie Silva erklärt. Bei Temperaturen über 28 bis 30 Grad wird der Stress so stark, dass er sich auf die Gesundheit, die Milchleistung und die Fruchtbarkeit der Tiere auswirkt. Hitze kann somit das Leiden der Tiere verstärken.
Uniterre: «Zu schlecht vorbereitet»
Für Uniterre ist die Landwirtschaft nicht ausreichend auf den Klimawandel vorbereitet. Die Landwirtschaft sollte im Hinblick auf Ernährungssouveränität und die Anpassung an künftige landwirtschaftliche Produktionsbedingungen diversifizierter und widerstandsfähiger sein. Die künftige Agrarpolitik müsse diese Aspekte berücksichtigen, fordert die Landwirtschaftsorganisation.
«Die Landwirtschaft passt sich ständig auf verschiedene Weise den Veränderungen des Wetters und des Klimas an», entgegnet der SBV. Die Aussaat- und Mähtermine würden angepasst, ebenso die Sorten und Anbaumethoden, erklärt Darbellay. Auch die Stallungen werden besser auf das Wohlbefinden der Tiere ausgelegt, indem die Luftzirkulation, die Belüftung oder die Beschattung verbessert werden. Die Weidezeiten werden ebenfalls angepasst, um die kühlsten Stunden des Tages zu nutzen. Der SBV räumt jedoch ein, dass die Anstrengungen fortgesetzt werden müssen, insbesondere in der Forschung.
Noch zu früh für eine Bilanz
Die Hitze wirkt sich auch auf Menschen und Maschinen aus. Die Arbeit ist anstrengender, insbesondere in den Gewächshäusern, wo die Temperaturen bis zu 40 Grad erreichen können, erklärt wiederum Silva. Auch Maschinen werden durch die Hitze anfälliger. Die Landwirte stehen zudem vor der Wahl, entweder zu investieren, um eine Ernte zu retten, oder sie einfach zu verlieren. Die Trockenheit erhöht den Wasserbedarf und kann somit die Produktionskosten in die Höhe treiben.

Dürren wie bei Stufe extrem kommen alle 20 bis 30 Jahre vor.
trockenheit.ch
Es sei jedoch noch zu früh, um die finanziellen Verluste auf nationaler Ebene zu beziffern, meint der stellvertretende Direktor des SBV. Vorerst gehe es darum, bestimmte Auflagen zu lockern. «Wir fordern, dass Hilfsmassnahmen für Betriebe in Betracht gezogen werden, die aufgrund der Dürre in grosse Schwierigkeiten geraten sind.»
Der sehnlichst erwartete Niederschlag ist weiterhin nicht in Sicht. Bis Ende nächster Woche dürfte kein Regen fallen. Die Dürre wird sich damit weiter verschärften.