EU setzt auf Mini-AKW

Die EU will für eine klimafreundliche und erschwingliche Stromversorgung wieder stärker auf die Kernenergie setzen. Um die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie sowie tiefere Strompreise für die Bevölkerung sicherzustellen, will die EU die Forschung sowie Investitionen in die Kernenergie unterstützen.

«In den letzten Jahren erleben wir eine weltweite Renaissance der Kernenergie. Und Europa will an dieser Renaissance teilhaben», sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen beim zweiten internationalen Gipfel zur Kernenergie in Boulogne-Billancourt bei Paris.

Versorgungssicherheit

Auch der Schweizer Energieminister Albert Rösti verwies am Gipfel auf die Bedeutung der Versorgungssicherheit. «Die Sicherheit der Energieversorgung ist für unser Land von zentraler Bedeutung. Vor dem Hintergrund der Dekarbonisierung und der steigenden Stromnachfrage ist die Kernenergie ein wichtiger Pfeiler für kohlenstoffarme Energiesysteme. Sie trägt zu einer sicheren, zuverlässigen und kontinuierlichen Stromversorgung bei», liess er sich in einer Mitteilung vom Dienstag zitieren.

Zugleich unterstrich Rösti, dass der langfristige Betrieb bestehender Kernkraftwerke eine sichere, kontrollierte und nachhaltige Bewirtschaftung und Entsorgung radioaktiver Abfälle voraussetze.

Zukunftstechnologien antreiben

Während 1990 ein Drittel des europäischen Stroms aus Kernenergie stammte, seien es heute nur noch knapp 15 Prozent, so von der Leyen. «Diese Verringerung des Anteils der Kernenergie war eine bewusste Entscheidung, und ich glaube, dass es für Europa ein strategischer Fehler war, einer zuverlässigen, bezahlbaren Quelle für emissionsarmen Strom den Rücken zu kehren.»

Sauberer, bezahlbarer Strom sei wichtig für die Lebenshaltungskosten der Bevölkerung und bilde das Fundament für die Industrien der Zukunft wie Robotik und Künstliche Intelligenz, die beide erschwinglichen Strom in Hülle und Fülle benötigten, sagte von der Leyen. Gerade die aktuelle Krise im Nahen Osten zeige, dass es zudem wichtig sei, nicht von Energieimporten abhängig zu sein.

Vorschriften angleichen

«Deshalb legen wir heute eine neue europäische Strategie für kleine modulare Reaktoren vor. Unser Ziel ist einfach: Wir wollen, dass diese neue Technologie in Europa bis Anfang der 2030er Jahre einsatzbereit ist.» Die kleinen modularen SMR-Reaktoren (auf Englisch «small modular reactor») sollten neben den herkömmlichen Kernreaktoren eine Schlüsselrolle bei einer flexiblen, sicheren und effizienten Energieversorgung spielen.

Um die Entwicklung der Mini-Atomkraftwerke voranzutreiben, sollten Vorschriften über die Grenzen hinweg angeglichen werden, führte die EU-Kommissionschefin aus. Ausserdem müssten Investitionen mobilisiert werden. «Heute kann ich verkünden, dass wir Investitionen in innovative Kerntechnologien mit einer Garantie in Höhe von 200 Millionen Euro unterstützen werden», so von der Leyen. Ziel sei die Verbesserung der Investitionsbedingungen in der europäischen Kernenergieindustrie.

Nuklearbranche sieht Chancen

Als SMR-Reaktoren werden Atomkraftwerke bezeichnet, die eine deutlich geringere Leistung haben als herkömmliche Anlagen und deren Komponenten in einer Fabrik in Serie gefertigt werden. Diese kleineren, modularen Reaktoren gelten Befürwortern als Alternative zu herkömmlichen grossen Atomkraftwerken und versprechen eine flexiblere und möglicherweise sicherere Energieerzeugung.

Derzeit treiben mehrere Länder wie etwa Grossbritannien, Tschechien und Polen die Entwicklung der Mini-Atomreaktoren voran. China und Russland haben erste Anlagen in Betrieb genommen.

Die Nuklearbranche argumentiert, dass SMR einfacher zu bauen und kostengünstiger sowie effizienter sein könnten als traditionelle Grosskraftwerke. Atomkraftgegner bezweifeln das und befürchten neue Risiken durch eine Vervielfachung der Anlagenzahl, was Kontrollen erschwere. Befürchtet werden auch neuartige radioaktive Abfälle.

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