
Jeannette Stadelmann-Eugster führt den Haushalt, arbeitet im Stall, hat einen Nebenerwerb und betreut Gäste in der Hofbeiz. Sie sagt von sich, dass sie gerne arbeitet.
zvg
Schweizer Bauer: Sie nehmen am diesjährigen Tag der Bäuerin am Podiumsgespräch teil. Wie kam es dazu?
Jeannette Stadelmann-Eugster: Ich kenne Sabrina Lehmann, die Moderatorin, seit vielen Jahren. Sie hat mich dazu ermuntert, teilzunehmen. Ich habe nur Gutes vom Tag der Bäuerin gehört.
Sie führen mit Ihrem Mann René einen Betrieb in Bischofszell TG. Können Sie ihn beschreiben?
Wir haben den Betrieb Anfang 2020 von meinen Schwiegereltern übernommen – ungeplant, da mein Schwager früh verstorben ist. Unsere Bedingung war, dass wir nicht melken. Heute produzieren wir Swiss-Black-Angus-Beef, betreiben Direktvermarktung und führen seit 2022 eine Hofbeiz, die wir für Gruppen auf Anmeldung und an einigen fixen Anlässen wie etwa dem 1.-August-Brunch öffnen.
Was sagten Ihre Schwiegereltern zu den Mutterkühen?
Sie waren sehr offen. 2018 begannen wir mit dem Stallumbau, im gleichen Jahr kamen die ersten Mutterkühe, und auch wir zügelten auf den Hof.
Wie gross ist Ihre Herde – und weshalb Angus?
Mein Mann hat sich informiert und gelesen, das Angus-Beef sehr gefragt ist, und so haben wir nun 33 Kühe mit Kälbern, einen Herdenstier und Platz für die Ausmast von eigenen Remonten. Wir produzieren nach den Richtlinien von IP-Suisse.
Wie haben Sie und Ihr Mann die Hofarbeit und die Kinderbetreuung aufgeteilt?
Wir haben zwei Kinder, Rico ist viereinhalb und Ronja acht Jahre alt. Ich arbeite 40 Prozent auswärts. Dann schaut René zu den Kindern. Ebenso, wenn ich Gäste in der Hofbeiz habe. So ist die Betreuung halb-halb.
«Wenn Not an der Frau ist, bin ich natürlich vielfach zur Stelle. Ich kenne alle Stallarbeiten und weiss, was zu tun ist, wenn niemand da ist.»
Und die Arbeiten bei den Angus?
Die Stallarbeiten werden hauptsächlich von René oder von meinem Schwiegervater durchgeführt. Wenn Not an der Frau ist, bin ich natürlich vielfach zur Stelle. Ich kenne alle Stallarbeiten und weiss, was zu tun ist, wenn niemand da ist.
Im Programm zum Tag der Bäuerin werden Sie als Sachbearbeiterin und Bäuerin bezeichnet. Beschreiben Sie doch Ihre Arbeit als Sachbearbeiterin.
Ich bin gelernte Automechanikerin, habe zehn Jahre in der Werkstatt gearbeitet. Nach einer Weiterbildung habe ich ins Büro gewechselt. Da war ich 15 Jahre im Frontoffice tätig, seit einem Jahr bin ich nun im Backoffice, hier bin ich mit den flexiblen Arbeitszeiten mehr als glücklich.
Wie bringen Sie all Ihre Tätigkeiten unter einen Hut?
Mein Mann macht das meiste auf dem Hof, mein Schwiegervater arbeitet auch mit. Und ich arbeite generell gern, vor allem aber, weil wir die Arbeit auf dem Hof für uns und nicht für andere machen.
Der Tag der Bäuerin steht unter dem Motto «Vielfältig. Tragend. Unverzichtbar. UNO-Jahr ‹Frauen in der Landwirtschaft›». Was waren Ihre ersten Gedanken zu diesem Motto?
Ich dachte, dass diese Schlagwörter ganz klar auf Frauen zutreffen. Ich bin der Meinung, dass sie auf den allermeisten Betrieben im Hintergrund die Fäden ziehen. Wenn im Hintergrund nicht alles rundlaufen würde, könnten die Männer nicht voll arbeiten.
Nennen Sie ein Beispiel.
Das Mittagessen. Wir Frauen überlegen, was der Garten und der Kühlschrank hergeben, für wie viele Personen wir kochen müssen, und schauen, dass alles rechtzeitig auf dem Tisch steht. Die Männer müssen nur hinsitzen.
«Ich glaube an den Wandel der Zeit und daran, dass die Gleichberechtigung schrittweise kommt.»
Ist es nicht etwas enttäuschend, Frauen in diesem einen Jahr in den Mittelpunkt zu rücken mit dem Risiko, dass sie ab 2027 wieder an zweiter Stelle auf dem Betrieb stehen und immer noch rechtliche Nachteile in Kauf nehmen müssen?
Ich glaube an den Wandel der Zeit und daran, dass die Gleichberechtigung schrittweise kommt. Uns wurde schon eine andere Denkweise auf den Weg gegeben als unseren Eltern. Und meine Tochter erlebt wieder andere Wertvorstellungen.
Was wäre die Schweizer Landwirtschaft ohne Frauen?
Die Betriebe würden weniger rundlaufen, wenn die Frauen nicht im Hintergrund alles managen würden. Zudem sind Frauen vielseitig einsetzbar, denken vernetzt und arbeiten oft draussen oder im Stall mit.
Wie können Sie sich konkret Auszeiten nehmen, um nicht auszubrennen?
Ich habe als Automechanikerin in einer Männerbranche gearbeitet und musste mich immer durchsetzen, das hilft mir heute, auch meine Bedürfnisse durchzusetzen. Die letzten Jahre mussten wir noch viel auf unserem Hof aufbauen, und die Kinder waren noch zu Hause. Jetzt ist Rico im Kindergarten, und ich kann meine Aufgaben abarbeiten und dann auch mal mit dem Hund einen Spaziergang machen. Oder mit einer Freundin einen Kaffee trinken oder wieder aktiv in den Turnverein gehen. Wobei ich betonen möchte, dass die Zeit mit den Kindern natürlich ebenso wertvoll ist.
Am Olma-Podiumsgespräch sind Sie eine der drei Bäuerinnen neben Sarah Schwenk aus Dornstetten (D) und Silvia Ulrich aus Steinen SZ. Kennen Sie die beiden?
Nein, überhaupt nicht.
«Ich hätte gern, dass man die Arbeit der Frauen mehr schätzen würde.»
Werden Sie sich vor dem Podium mit den beiden und Moderatorin Sabrina Lehmann absprechen können?
Ich habe nichts dergleichen gehört und nehme an, dass es nach dem Begrüssungskaffee gleich mit dem Gespräch losgeht.
Welche Botschaft möchten Sie dem Publikum auf den Weg geben?
Ich hätte gern, dass man die Arbeit der Frauen mehr schätzen würde. Wir machen vieles im Hintergrund, das niemand sieht. Ich brauche kein permanentes Lob, aber einmal ein Danke ist schon schön.
Der Tag der Bäuerin
Der 33. Tag der Bäuerin vom Donnerstag, 15. Oktober, in der Halle 9.2 steht ganz im Zeichen des UNO-Jahres «Frauen in der Landwirtschaft». Laut dem Organisationskomitee stehen persönliche Geschichten im Mittelpunkt der Talkrunde: Was hat Frauen dazu bewogen, ihren heutigen Weg einzu schlagen? Was fordert sie im Alltag besonders heraus? Und wo erfahren sie Wertschätzung – im Betrieb, im Umfeld, in der Gesellschaft?
Programm:
9.45 bis 10.30 Uhr: Begrüssungskaffee
10.30 bis 12.30 Uhr: Gesprächsrunde mit der Begrüssung durch Andrea Bärtschi, OK-Mitglied «Tag der Bäuerin». Einführung und Moderation: Sabrina Lehmann. An der Gesprächsrunde nehmen Sarah Schwenk, Marketingfachfrau und Bäuerin, Silvia Ulrich, Landwirtin und Betriebsleiterin, und Jeannette Stadelmann, Sachbearbeiterin und Bäuerin, teil.
Dankesrede und Schlusswort durch Anne Challandes, Präsidentin des Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbandes, und durch Andrea Bärtschi. Anschliessend Apéro.