Sind am Donnerstag Zinsanpassungen zu erwarten?
Ein Blick auf die Schätzungen der Ökonomen lässt hierzu eine kurze und knappe Antwort zu: Nein. Es wird unisono erwartet, dass die Direktoriumsmitglieder um SNB-Chef Martin Schlegel den Leitzins auf dem aktuellen Niveau von 0,00 Prozent belassen werden. «Stabilität bleibt das zentrale Leitprinzip der Notenbank», kommentiert Oddo-BHF-Experte Arthur Jurus. Gleichwohl werden Marktteilnehmer sehr genau auf die begleitenden Kommentare achten, heisst es in zahlreichen Vorausberichten.
Wie sehen die mittelfristigen Zinserwartungen aus?
Auch was den weiteren Zinspfad der SNB betrifft, herrscht unter den Beobachtern grosse Einigkeit: Bis Ende 2026 gehen sie alle davon aus, dass die Zinsen hierzulande auf dem aktuellen Niveau bleiben. Dass die EZB ihren Leitzins gerade erst erhöht hat, dürfte die hiesigen Währungshüter nicht weiter stören. Im Gegenteil, es verschafft der SNB gerade von Währungsseite etwas Entlastung, weil so der Aufwertungsdruck auf den Franken etwas abnimmt.
Gleichzeitig ist aber auch die Wahrscheinlichkeit einer Rückkehr zu Negativzinsen praktisch verschwunden. Denn «die Rückkehr zu negativen Zinsen würde die Gefahr bergen, deflationäre Tendenzen zu verstärken, während eine Zinserhöhung in den positiven Bereich die Aufwertung des Frankens weiter beschleunigen und zusätzlichen Abwärtsdruck auf die importierte Inflation ausüben würde», hält Jurus von Oddo BHF fest.
Ab dem kommenden Jahr sieht es dann etwas anders aus: Hier halten einige Experten eine Zinserhöhung durchaus für denkbar.
Gibt es also gar kein Überraschungspotenzial?
Neben dem Leitzins hat die SNB-Politik auch den Devisenmarkt im Blick. «Die wichtigste Botschaft der Juni-Sitzung dürfte nicht der Leitzins selbst sein, sondern vielmehr die Einschätzung der SNB zum Schweizer Franken», fasst es Portfoliomanagerin Martina Honegger-Romahn von Allianz Global Investors zusammen. «Sollte die SNB bekräftigen, dass die Wechselkursstärke weiterhin die Preisstabilität stützt, dürften die Märkte dies als Signal interpretieren, dass die Entscheidungsträger weiterhin mit einer starken Währung zufrieden sind und keine dringende Notwendigkeit für eine Straffung der Geldpolitik sehen.»
Immerhin hatten die Währungshüter bei ihrer Sitzung im März ihre Wortwahl etwas verschärft: Statt wie sonst ihre Bereitschaft zu bekunden, am Devisenmarkt zu intervenieren, hatten sie von einer «erhöhten Bereitschaft» gesprochen. Diese verbale Intervention hat SNB-Chef Martin Schlegel danach mehrmals wiederholt.
Was sind die Argumente für den stabilen Leitzins?
Im Vergleich zu vielen anderen westlichen Volkswirtschaften scheint die Schweiz auf den ersten Blick kein Kandidat für eine straffere Geldpolitik zu sein. So lag die Kerninflation im Mai gerade einmal bei 0,3 Prozent im Jahresvergleich. Die Gesamtinflation lag bei 0,6 Prozent – und dies trotz der höheren Energiepreise im Zuge des Nahostkonfliktes. «Die Inflation gehört weiterhin zu den niedrigsten in den Industrieländern», hält Kevin Thozet, Mitglied des Investment Committee bei Carmignac, fest.
Hat das US-Iranische Rahmenabkommen Einfluss?
Sollte das angekündigte Rahmenabkommen zwischen den USA und dem Iran tatsächlich in einen Friedensvertrag münden und der Krieg damit beendet sein, dürfte dies vor allem die Energiepreise purzeln lassen. Schon jetzt bewegt sich der Ölpreis wieder in Richtung 80 US-Dollar (63,4 Franken) pro Fass. Dadurch dürfte der Inflationsdruck seitens der Energiepreise über die kommenden Monate nachlassen. Und damit wäre die SNB mit einer stabilen Politik gut bedient.
