«Preiskampf im Detailhandel macht uns allergrösste Sorgen»

Bauernfamilien stehen laut dem Schweizer Bauernverband 2026 vor «einem entscheidenden Jahr». Die Agrarpolitik 2030 werde konkretisiert, Bauerneinkommen stünden unter Druck und über die Ernährungsinitiative werde abgestimmt. Der Preiskampf im Detailhandel macht Christoph und Daniel Etter grosse Sorgen.

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Der Schweizer Bauernverband (SBV) erläuterte am Montag auf dem Milch- und Ackerbaubetrieb von Christoph und Daniel Etter in Meikirch bei Bern die verschiedenen Herausforderungen für Landwirtinnen und Landwirte im 2026.

AP30: Fokus auf Einkommen und Bürokratie

Ein zentrales Thema sei die Agrarpolitik 2030 (AP30), die sich nun konkretisiere, erklärte SBV-Vizepräsidentin Anne Challandes. Der Bundesrat habe den Auftrag, bis 2027 eine entsprechende Botschaft vorzulegen. Die AP30 sehe statt einer reinen Agrarpolitik eine gesamtheitliche Ernährungspolitik vor. Sie lege den Fokus auf die wirtschaftliche und damit auch soziale Nachhaltigkeit, so Challandes.

Challandes zählte die grössten Ziellücken auf:

  • Der sinkende Netto-Selbstversorgungsgrad: Dieser sei 2024 auf rekordverdächtige 42 Prozent gesunken. «Die AP 2030 muss daher sicherstellen, dass der Hauptzweck der Landwirtschaft weiterhin die Versorgung der Bevölkerung mit pflanzlichen und tierischen Lebensmitteln ist», sagte Challandes.
  • Die tiefen Einkommen der Bauernfamilien: Die Arbeitskräfte würden im Schnitt 59'100 Franken verdienen. «Im Berggebiet ist es viel weniger, und insgesamt sind die Einkommen immer noch wesentlich tiefer als in den übrigen vergleichbaren Sektoren», mahnte die SBV-Vizepräsidentin an. Die AP2030 müsse deshalb bei der Wertschöpfung ansetzen.
  • Bürokratie: Zwingend sei, die «enorme Komplexität des Systems zu reduzieren», so Challandes.

Sie sagte zu den Medienschaffenden: «Wir erwarten, dass dieses Mal der Fokus bei der wirtschaftlichen und sozialen Nachhaltigkeit sowie einer Reduktion des administrativen Aufwandes liegt.»

«Ein gutes Jahr reicht nicht»

Die tiefen Einkommen würden zu untragbarer Arbeitsbelastung, Überforderung und Burnout führen. Weil die Landwirtschaft zudem seit 20 Jahren mit nominal gleichen Ausgaben «keine Schuld am Loch in der Bundeskasse» trage, müsse sie aus dem Entlastungspaket ausgenommen werden, forderte Challandes.

Auch SBV-Präsident Markus Ritter erklärte, dass man sich zwar über das gute Jahr 2025 freue, doch ein gutes Jahr reiche nicht, um «die drei schlechten Erntejahre vorher rauszureissen». Die Produzentenpreise glichen die hohen Produktionsrisiken aufgrund des Wetters oder anderer Faktoren wie Tierseuchen nicht aus. Ebenso sei es nicht gelungen, die Teuerung bei den Produktionsmitteln seit 2020 aufzufangen respektive weiterzugeben. «Die Folge ist, dass die Einkommen der Bauernfamilien über mehrere Jahre betrachtet nach wie vor zu tief sind», sagte Ritter.

SBV will ganz genau hinschauen

Der Mitte-Nationalrat nahm anschliessend den Preiskampf im Detailhandel auf. In den vergangenen Monaten gab es vor allem bei wichtigen Frischeprodukten wie Obst, Gemüse oder Fleisch Preissenkungen bei Aldi, Lidl, Coop, Migros und Denner. Die Händler würden zwar beteuern, dass sie «Tief- und Tiefstpreise» selbst berappen würden.

«Die Erfahrung hat uns gelehrt, dass das meist nur sehr kurzfristig stimmt. Deshalb werden wir mit Argusaugen darauf achten, dass die Detailhändler ihre Versprechen halten und keinen Druck auf ihre Lieferanten oder die Richtpreise ausüben», hob Ritter hervor. Die Situation am Milchmarkt und beim Wein bereiten dem Bauernpräsidenten grosse Sorgen. «Hier ist die ganze Wertschöpfungskette gefordert, diese wieder ins Lot zu bringen», so Ritter weiter.

Der Preiskampf macht auch Christoph und Daniel Etter Bauchschmerzen. Mehr als vier von fünf Franken würden sie mit dem Verkauf ihrer Produkte verdienen. Sie seien deshalb auf kostendeckende Preise angewiesen. «Der aktuelle Preiskampf im Detailhandel mit Dumpingpreisen macht uns allergrösste Sorgen. Denn mittelfristig fällt das auf die Lieferanten und dann auf uns Bauernbetriebe zurück», warnten die beiden Landwirte. Es brauche mehr Wertschätzung. «Was nichts kostet, ist auch nichts wert und endet dann auch rascher als Foodwaste», führten sie aus.

Betrieb Etter

Die Etters bewirtschaften einen 48 Hektaren grossen Betrieb am südlichen Frienisberg auf 650 Metern über Meer. Ein wichtiger Betriebszweig ist die Milchproduktion. Mit der Milch ihrer 29 Kühe wird Käse produziert. Ein weiterer Betriebszweig ist der Ackerbau. So bauen die Etters auf 14 ha Winterweizen (Saatgetreide), auf 3,5 ha Wintergerste (Saatgetreide), auf 3,4 ha Raps, auf 4,2 ha Zuckerrüben und auf 10,2 ha Kartoffeln an. Auf 7.2 ha wächst Kunstwiese, rund 3 ha sind Weiden. Zum Betrieb gehören zudem 2,7 ha ökologische Ausgleichsflächen und 63 Hochstammbäume. Neben der Milchproduktion zählen Lohnarbeiten und die Waldwirtschaft (16 ha) zu den weiteren Standbeinen des Betriebs.

-> Hier gehts zum Betrieb Etter

Scharfe Kritik an Ernährungsinitiative

Kein gutes Wort fand der Bauernverband für die Ernährungsinitiative, die voraussichtlich im Herbst vors Volk kommt. Die Initiative sei «eine Zwängerei und Utopie», sagte SBV-Direktor Martin Rufer. Um das angestrebte Ziel von 70 Prozent Netto-Selbstversorgungsgrad zu erreichen, müsste der Staat laut dem SBV die Grenzen schliessen und die Bevölkerung zu einer mehrheitlich veganen Ernährung zwingen. «Wir hätten also Zustände wie im Krieg», so sein Fazit.

Gemäss Rufer zielt die Initiative an der Realität vorbei. «Was Frau Herren nicht kapiert: Die Menschen in der Schweiz essen nicht, was die Landwirtschaft produziert. Vielmehr produziert die Landwirtschaft, was die Menschen essen», machte er deutlich. 99 Prozent der Bevölkerung seien nicht vegan.

Die Initiative habe in erster Linie die tierische Produktion im Visier. Für Rufer ist das nicht nachvollziehbar. Auf rund 70 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche wachse nur Gras. «Die Milch- und Fleischproduktion sind damit nicht nur standortgerecht. Sie sind auch fundamentale Pfeiler unserer Ernährungssicherheit und der landwirtschaftlichen Einkommen», sagte Rufer. Mit Auflagen schwäche die Initiative zudem das Produktionspotenzial für Gemüse, Obst, Kartoffeln, Raps, Getreide sowie andere pflanzliche Kulturen, so Rufer weiter.

Kommentare (1)

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  • Äedu | 05.01.2026
    Es ist nicht nur der Preiszerfall, der einem Kummer bereitet.
    Es sind die Auflagen, Vorschriften, Bürokratie, wie Digiflux, Fabe, Lenkungsabgaben usw.
    Kommende Freihandelsabkommen mit Mercosur, Rahmenabkommen mit der EU, alles auf dem Buckel der Bauernfamilien!
    Oftmals ist die Physische und Psychische Belastung so hoch, das es zu schlimmen Unfällen kommt oder sich Betriebsleiter das Leben nehmen aus Verzweiflung.
    Was will man uns Bauernfamilien noch alles zumuten !?!
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