
Schweizer Felle sind aufgrund ihrer hohen Qualität sehr gefragt.
centravo
Gibt es in Ihrem Geschäft überhaupt noch Abfälle? Klaus Rathmer: Eigentlich nicht. Unser Ziel ist es, möglichst alle Nebenprodukte aus der Fleischverarbeitung einer sinnvollen Nutzung zuzuführen. Was nicht als Lebensmittel verwendet werden kann, dient beispielsweise als Rohstoff für die Pharmaindustrie, als Futtermittel oder zur Energiegewinnung. Kreislaufwirtschaft gehört deshalb seit Jahrzehnten zu unserem Geschäftsmodell.
Was bedeutet Kreislaufwirtschaft für die Centravo Holding AG konkret? Wir versuchen, aus jedem angelieferten Rohstoff den höchstmöglichen Nutzen zu ziehen. Dabei denken wir in verschiedenen Verwertungskaskaden – Lebensmittel haben Priorität, danach folgen pharmazeutische Anwendungen, Futtermittel und schliesslich die energetische Nutzung. Welche Möglichkeiten zur Nutzung von tierischen Nebenprodukten bestehen, hängt auch von deren Risikokategorie ab. So bleibt ein möglichst grosser Teil der Ressourcen im Kreislauf.
Können Sie dafür ein Beispiel nennen? Ein gutes Beispiel sind Schweinedärme. Die Darmhüllen werden für Wurstwaren verwendet. Aus Bestandteilen der Darmschleimhaut wird Heparin hergestellt, ein Medikament zur Blutverdünnung. Aus einem einzigen Nebenprodukt entstehen also mehrere hochwertige Anwendungen.
Risikokategorien tierischer Nebenprodukte
- K1: Nur zur Entsorgung/Verbrennung oder zur energetischen Nutzung vor der Verbrennung (beispielsweise Gehirn, Augen, Rückenmark vom Rind sowie Tierkadaver) nutzbar.
- K2: Darf nicht verfüttert werden, genussuntauglich – beispielsweise Schlachtviehkörper oder Teile davon mit Anzeichen einer auf Menschen oder Tiere übertragbaren Krankheit.
- K3: Nicht für den menschlichen Verzehr, beispielsweise Blut oder Haut von Rindern, Schweinen oder Geflügel ohne Anzeichen einer auf Menschen oder Tiere übertragbaren Krankheit.K4: Spezifische Speise- und Küchenabfälle.
Welche Rolle spielt der internationale Markt? Eine wichtige. In der Schweiz werden vor allem Edelstücke nachgefragt, während andere Teile des Tieres im Ausland sehr beliebt sind. Schweinefüsse, -ohren oder -schwänze werden beispielsweise nach China exportiert. Dadurch können auch Produkte genutzt werden, für die in der Schweiz kaum Nachfrage besteht.
Welche Stoffströme fliessen noch in andere Branchen? Häute und Felle gehen beispielsweise in die Lederindustrie. Schweizer Felle sind aufgrund ihrer hohen Qualität sehr gefragt. Andere Nebenprodukte werden zu Futtermitteln verarbeitet oder als Rohstoffe für verschiedene industrielle Anwendungen genutzt.
Wie wird aus Nebenprodukten Energie gewonnen? Bestimmte Fette können zu Biodiesel weiterverarbeitet werden. Ein grosser Teil unserer Lastwagen fährt bereits mit diesem Treibstoff. Zudem gelangen verschiedene Nebenprodukte in Biogasanlagen. Dort entstehen Energie und wertvolle Gärprodukte, die wiederum als Dünger eingesetzt werden können.
Stickstoff und Phosphor gelten als wichtige Nährstoffe. Welche Bedeutung haben sie für die Kreislaufwirtschaft? Tierische Nebenprodukte enthalten grosse Mengen dieser Nährstoffe. Unser Ziel ist es, sie nicht zu verlieren, sondern wieder für die Landwirtschaft nutzbar zu machen. Damit können Abhängigkeiten von importierten Rohstoffen reduziert und Kreisläufe geschlossen werden.

Die Schweinefüsse werden nach China exportiert.
centravo
Wo sehen Sie dabei das grösste Potenzial? Beim Phosphor – nach der energetischen Nutzung bleibt phosphorreiche Asche zurück. Rein rechnerisch steckt darin ein beträchtliches Potenzial für die Schweizer Landwirtschaft. Gemeinsam mit Forschungspartnern suchen wir nach Wegen, diesen Phosphor für Pflanzen besser verfügbar zu machen.
Sie befassen sich auch mit Schwarzen Soldatenfliegen – was macht diese interessant? Die Larven können bestimmte Nebenprodukte verwerten und in wertvolle Biomasse umwandeln. Daraus entstehen Fette für die Energiegewinnung und proteinreiche Rückstände, die als Dünger genutzt werden könnten. Damit lassen sich neue Kreisläufe aufbauen.
Welche weiteren Innovationen verfolgen Sie? Ein spannendes Projekt betrifft die Verwertung von Presskuchen aus der Rapsölproduktion. Durch Fermentation mit Pilzkulturen wird der Proteingehalt erhöht. Langfristig könnte daraus Fischfutter oder sogar ein Lebensmittel entstehen. Solche Ansätze zeigen, welches Potenzial noch in vielen Nebenströmen steckt.
Ein Verein soll helfen, Kreisläufe noch besser zu schliessen
Der 2022 gegründete Verein Ecocircular Lyss Seeland möchte die Kreislaufwirtschaft im Industriegebiet Lyss Nord, also im Gebiet rund um die Centravo Holding AG, stärken. Ziel ist es, Nebenprodukte und Abwärme von Unternehmen – insbesondere der Centravo selbst – besser zu nutzen und daraus neue nachhaltige und wirtschaftlich rentable Projekte zu entwickeln.
Obwohl bei der Centravo Holding AG bereits viel verwertet wird, sieht der Verein noch grosses Potenzial, etwa bei der Nutzung von Abwärme für Gewächshäuser, Fisch- oder Pilzzuchten oder bei der Gewinnung von wertvollen Stoffen für die Pharma- und Kosmetikindustrie.
Hier setzt der Verein Ecocircular Lyss Seeland an.Initiiert wurde Ecocircular von Georg O. Herriger. Beteiligte Partner sind unter anderem die Centravo, die ARA Lyss Limpachtal, die Seelandgas AG, die Gemeinde Lyss und die Berner Fachhochschule (BFH). Die BFH soll Forschung und Wirtschaft vernetzen sowie die Machbarkeit neuer Projekte prüfen.
Lohnt sich die Verwertung solcher Stoffströme wirtschaftlich überhaupt? Ja, sofern geeignete Absatzmärkte vorhanden sind. Viele Produkte, die auf den ersten Blick wie Abfall erscheinen, können zu hochwertigen Rohstoffen werden. Ein Beispiel sind Kollagenpeptide aus Schweineprotein, die in der Ernährung oder im Gesundheitsbereich eingesetzt werden. Die Kunst besteht darin, für jeden Stoffstrom die beste Nutzung zu finden.
Wie sieht die Zukunft der Kreislaufwirtschaft in Ihrer Branche aus? Ich bin überzeugt, dass das Potenzial noch längst nicht ausgeschöpft ist. Künftig wird es darum gehen, Nährstoffe, Energie und Rohstoffe noch konsequenter im Kreislauf zu halten. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Nachweise und Zertifizierungen. Nachhaltigkeit muss messbar und glaubwürdig sein. Je besser uns das gelingt, desto ressourcenschonender und wirtschaftlicher wird die Lebensmittelproduktion der Zukunft sein.