Wie beides zusammenpasst, zeigt ein Blick auf Umfragen, Politik und Arbeitsmarktzahlen. Eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts MIS Trend im Auftrag des Krankenversicherers Groupe Mutuel und der Zeitung «Le Temps» zeigt: 71 Prozent der Befragten würden sich gerne frühpensionieren lassen. Für realistisch halten dies aber nur 26 Prozent.
Gewünscht wäre eine Pensionierung mit 57 Jahren – deutlich vor dem sogenannten Referenzalter von 65 Jahren und sogar vor dem Mindestalter von 58 Jahren, das viele Pensionskassen für einen vorzeitigen Bezug ihrer Altersleistungen vorsehen. Die AHV-Rente selbst kann grundsätzlich höchstens zwei Jahre vor dem Referenzalter bezogen werden.
Der Entscheid über den Zeitpunkt der Pensionierung hängt bei 59 Prozent der Befragten ausschliesslich oder fast ausschliesslich von finanziellen Überlegungen ab, wie die Umfrage ergab. Gesundheit, Freude an der Arbeit und familiäre Gründe seien zwar ebenfalls relevant, aber zweitrangig. Eine Frühpensionierung sei deshalb oft eher eine Frage des Könnens als des Wollens.
Bundesrat winkt bei Rentenalter-Erhöhung ab
Während die Bevölkerung von früherem Ausstieg träumt, wird politisch seit Jahren über eine Erhöhung des Rentenalters diskutiert – als Antwort auf die steigende Lebenserwartung, den Fachkräftemangel und die AHV-Finanzierung. Der Bundesrat will eine Erhöhung des Referenzalters derzeit noch nicht zum Bestandteil der nächsten AHV-Reform machen.
Stattdessen sollen mit der nächsten Reform (AHV 2030) Anreize fürs Weiterarbeiten gestärkt werden. Zudem soll im Rahmen von AHV 2030 geprüft werden, ob sich das Referenzalter flexibilisieren lässt, etwa abhängig von der Schwere der Arbeit oder der Länge der Erwerbsbiografie.
Das deckt sich mit der MIS-Trend-Umfrage: Auch in der Bevölkerung ist eine generelle Erhöhung höchst umstritten – nur 18 Prozent befürworten sie. 41 Prozent würden sie einzig für körperlich wenig anstrengende Tätigkeiten akzeptieren, gleich viele lehnen sie kategorisch ab.
Als Alternative werden mehrheitlich Möglichkeiten für einen gestaffelten Ausstieg ab 55 oder 60 Jahren gewünscht – auch wenn dies eine tiefere Rente bedeutet.
Ältere im Fokus des Fachkräftemangels
Wirtschaftsverbände drängen derweil seit Jahren darauf, das Potenzial älterer Arbeitnehmender besser zu nutzen. Der Schweizerische Arbeitgeberverband forderte 2023 neue Arbeitsmodelle bis 70 Jahre und brachte eine generelle Rentenalter-Erhöhung ins Spiel.
Auch der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse sieht in der Generation 50 plus eine «wertvolle Ressource». Mit geeigneten Massnahmen liessen sich gemäss eigenen Berechnungen Stellen im Umfang von 37'000 Vollzeitäquivalenten mit 65- bis 69-Jährigen besetzen.
Die Erwerbsquote der 55- bis 64-Jährigen liege mit 77,5 Prozent (2023) im internationalen Vergleich bereits hoch. Und die Kündigungswahrscheinlichkeit sei für diese Altersgruppe geringer als für jüngere.
Frühpensionierung kostet – Teilpensionierung weniger
Dass sich viele eine Frühpensionierung trotz Wunsch nicht leisten können, hat einen nüchternen Grund: Sie kommt teuer zu stehen. In einer Beispielrechnung des VZ VermögensZentrums für einen alleinstehenden Mann mit 90'000 Franken Nettolohn summieren sich Lohnausfall und lebenslange Rentenkürzung auf rund 92'000 Franken bei einem Ausstieg mit 64 Jahren, 274'000 Franken mit 62 und 447'800 Franken mit 60 Jahren.
Als schonendere Alternative propagiert das VZ die Teilpensionierung: Pensionskassen erlauben vielerorts einen gestaffelten Ausstieg ab 58 Jahren. Die AHV-Rente kann zwischen 63 und 70 Jahren flexibel und in bis zu drei Etappen vorbezogen oder aufgeschoben werden.
Die Debatte über ein höheres Rentenalter greift damit zu kurz: Entscheidend ist nicht nur, ob Menschen länger arbeiten wollen, sondern auch, ob sie mit 55, 60 oder 65 Jahren überhaupt noch eine Stelle finden.
