Warum Pro Specie Rara das Geld fehlt

Pro Specie Rara hat sich der Erhaltung alter Sorten verschrieben. Nun aber kämpft die Organisation gerade an zwei Fronten: zum einen mit einem massiven Spendenschwund und zum anderen mit der revidierten Tierzuchtverordnung.

Ob die Saaser Mutten, die Capra Grigia oder das Rätisches Grauvieh – sie alle gehören zu den 42 Tierrassen, die Pro Specie Rara vor dem Verschwinden bewahrt hat. Dazu kommen 1600 alte Schweizer Garten- und Ackerpflanzen, 2500 Obstsorten und 400 Beerensorten zu der die Stiftung Sorge trägt.

Rückversicherung für die Zukunft

Jede einzelne dieser Tierrassen und Sorten trägt Eigenschaften in sich, die sie beispielsweise gegen bestimmte Krankheiten resistent machen oder sie besonders gut an widrige klimatische Bedingungen anpassen lassen. Stirbt eine Rasse oder eine Sorte aus, gehen auch diese Eigenschaften verloren.

Doch was wäre, wenn eine dieser seltenen Rassen eines Tages den genetischen Baustein liefern könnte, der es Nutztier- oder Kulturpflanzenrassen ermöglicht, sich besser an Hitze, Trockenheit oder neue Krankheiten anzupassen?

Die Erhaltung dieser kulturhistorischen und genetischen Vielfalt, für die sich die Stiftung Pro Specie Rara einsetzt, sei eine Art Rückversicherung für die Zukunft. Das heisst es im «20 Minuten»-Artikel vom 31. Mai, der erstmals über den drohenden finanziellen Engpass von Pro Specie Rara berichtete.

So profitieren Landwirte von Pro Specie Rara

  • Sortenempfehlungen: Die Stiftung berät Produzenten beim Anbau alter Kulturpflanzensorten.
  • Zusätzliche Absatzkanäle: Über Märkte und Veranstaltungen von ProSpecieRara können Produzenten ihre Produkte direkt vermarkten. Einige Betriebe erzielen an den Setzlingsmärkten nach Angaben der Stiftung bis zu einem Drittel ihres Jahresumsatzes.
  • Vorteile bei Labelprogrammen: Wer ProSpecieRara-Rassen oder -Sorten nutzt, kann in Programmen von IP-Suisse oder Bio Suisse zusätzliche Punkte sammeln.
  • Beiträge für Sammlungen: Betriebe, die im Sammlungsnetzwerk von ProSpecieRara grössere Pflanzensammlungen betreuen, erhalten Beiträge aus Programmen zur Erhaltung pflanzengenetischer Ressourcen.
  • Unterstützung bei Vermarktung und Zucht: Die Stiftung vermittelt Produzenten in spezielle Produktionsprogramme und beteiligt Landwirte an partizipativen Zuchtprojekten, die entschädigt werden.

1500 Gönnerinnen und Gönner verloren

Im Fall der ausbleibenden Spendengelder ist die Erklärung einfach: Pro Specie Rara hat in den vergangenen fünf Jahren rund 1500 Gönnerinnen und Gönner verloren. «Wären letztes Jahr die ausserordentlichen Zuwendungen aus Legaten ausgeblieben, wären wir bei einem Minus von 160'000 Franken gelandet», erklärt Béla Bartha, Geschäftsführer der Stiftung, auf Anfrage von schweizerbauer.ch.

Dank vier Schenkungen aus Nachlässen in der Höhe von insgesamt 298'000 Franken schloss die Organisation das Jahr dennoch mit einem Ertrag von 140'000 Franken ab. Doch: «Auf Legate können wir nicht bauen. Sie kommen oder nicht», ergänzt Bartha.

Gesundheit oder Exterieur

Etwas komplizierter wird es bei der Anfang 2026 in Kraft getretenen, totalrevidierten Tierzuchtverordnung. Diese regelt, unter welchen Voraussetzungen Zuchtorganisationen Bundesgelder erhalten können.

Neu müssen anerkannte Zuchtorganisationen für jede betreute Rasse ein Zuchtprogramm vorweisen, das auf eine Verbesserung der Rasse ausgerichtet ist. Das heisst, anerkannte Zuchtorganisationen müssen von mindestens einem Zuchtmerkmal Zuchtwerte schätzen lassen, damit Beiträge pro Herdebuchtier ausgelöst werden können.

Solche Zuchtwerte sollen aufzeigen, welche Tiere bestimmte Eigenschaften besonders stark vererben. Bei Milchrassen können dies etwa die Milchleistung oder Inhaltsstoffe der Milch sein, bei anderen Nutztierrassen Merkmale wie Fruchtbarkeit, Fleischleistung, Gesundheit oder Exterieur.

Vermeidung von Inzuchtdepression

Genau hier ergibt sich für Pro Specie Rara ein Problem. «In kleinen Populationen ist die Zuchtwertschätzung teuer, es mangelt an Daten und die Zuchtwerte sind überhaupt nicht zuverlässig», hält Maya Hiltpold, Projektleiterin Tiere bei der Stiftung, gegenüber schweizerbauer.ch. Im schlimmsten Fall könnten ungenaue Zuchtwerte sogar dazu führen, dass genetisch wertvolle Tiere aus der Zucht ausgeschlossen werden und die genetische Vielfalt weiter abnimmt.

Dabei sei genetische Vielfalt gerade bei bedrohten Rassen zentral. Ein verarmter Genpool erhöhe das Risiko von Inzucht und damit von Missbildungen, Fruchtbarkeitsproblemen oder Leistungseinbussen. «Genügend genetische Variation ist wichtig für eine zukünftige Anpassung der Rasse und zur Vermeidung von Inzuchtdepression», erklärt Hiltpold.

Wiederaufbauprojekten gefährdeter Rassen

Besonders betroffen seien Rassen mit kleinen Beständen wie die Stiefelgeiss, das Walliser Landschaf oder das Bündner Oberländerschaf. Die Stiefelgeiss zählt weniger als 500 beitragsberechtigte Herdebuchtiere, die beiden Schafrassen rund 1000.

Gerade bei diesen kleinen Populationen seien diese Aufgaben nicht günstiger, nur weil weniger Tiere vorhanden seien. Fallen die Beiträge weg, geraten kleine Zuchtorganisationen entsprechend schneller unter Druck. Gleichzeitig fliesse ein Teil der Fördergelder an externe Dienstleister für die Berechnungen, statt direkt in die Erhaltungszucht.

«Katze beisst sich in den Schwanz»

Besonders kritisch werde es auch bei Wiederaufbauprojekten gefährdeter Rassen. Bei der Saaser Mutte etwa befindet sich der Aufbau eines eigenständigen Zuchtvereins noch in Arbeit. Nach den neuen Regeln könnten Erhaltungsprojekte jedoch nur noch über bereits anerkannte Zuchtorganisationen unterstützt werden. «Hier beisst sich die Katze in den Schwanz», argumentiert Pro Specie Rara. Es sei unklar, wie verhindert werden könne, dass kleine Populationen bereits während ihres Wiederaufbaus erneut in Bedrängnis geraten.

Von der Politik wünscht sich Pro Specie Rara deshalb mehr Planungssicherheit und eine stärkere Unterstützung bei der Erhaltung genetischer Ressourcen. «Beim Beispiel der Tierzuchtverordnung wäre ein unterstützendes Eingreifen wünschenswert», hält Béla Bartha, Geschäftsführer der Stiftung fest.

Freier Zugang zu genetischen Ressourcen

Darüber hinaus fordert er ein stärkeres Engagement des Bundes beim Monitoring der Biodiversität im Agrarbereich sowie beim Schutz des freien Zugangs zu genetischen Ressourcen. Kritisch beurteilt Bartha auch Änderungen bei den Biodiversitätsförderflächen. So wurde die Fördermassnahme «Getreide in weiten Reihen» gestrichen. Diese habe Landwirten ermöglicht, extensivere und traditionelle Getreidesorten wie Emmer oder Einkorn anzubauen.

Aus Sicht der Stiftung sollten Biodiversitätsmassnahmen künftig stärker direkt auf den Produktionsflächen ansetzen. Während die Förderung von Vielfalt in Streuobstanlagen etabliert sei, fehle es bei Ackerkulturen und im Gemüsebau weiterhin an entsprechenden Instrumenten. Gleichzeitig richtet Bartha einen Appell an den Unternehmerverband der Gärtner Jardin Suisse und den Schweizer Bauernverband: «Wir kennen uns, arbeiten aber nicht wirklich zusammen. Gemeinsame Projekte zu entwickeln und bei den Kantonen oder beim Bund einzureichen, wäre für uns ein schönes Ziel.»

Kommentare (1)

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  • Fürobebuur | 12.06.2026
    Ich habe mich mal interessiert eine alte Hafersorte als Gründüngung/Silofutter anzubauen.Dann nachzuziehen und ggf. Weiterzugeben. Ich habe keinen positiven Bescheid bekommen aber danach immer wieder Bettelanrufe.
    Weniger Wasserkopf und mehr Pragmatismus könnten gewisse Probleme mildern.
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