Dabei war der Start eher holprig. Angesichts der drohenden Konkurrenz neuer Zahlungslösungen von Tech-Giganten wie Apple oder Google wollten gleich zwei Lösungen der Schweizer Finanzbranche das Handy der Schweizerinnen und Schweizer erobern: Die ursprüngliche Twint-App der Postfinance und die App «Paymit» eines Konsortium um UBS, CS, ZKB und die Börsenbetreiberin SIX.
Zugang zu Bankkunden
2016 einigten sich die Finanzinstitute darauf, ihre Lösungen unter gemeinsamer Eigentümerschaft zusammenzulegen – wobei sich der Name Twint durchsetzte. Viele Beobachter gaben der Schweizer «Insellösung» damals eher geringe Chancen gegen die vor der Lancierung stehenden Zahlungsangebote Apple Pay und Samsung Pay.
Die Einigung der gesamten Bankenbranche erwies sich aber als ein gewichtiger Vorteil. «Damit erhielt Twint gleichzeitig Reichweite, Vertrauen und direkten Zugang zu praktisch allen Bankkundinnen und Bankkunden in der Schweiz», sagt Bankenprofessor Andreas Dietrich von der Hochschule St. Gallen gegenüber der Nachrichtenagentur AWP. Sicherlich habe auch geholfen, dass viele Banken auch anfänglich auf die Einführung der in den Startlöchern stehenden Lösung «Apple Pay» des US-iPhone-Konzerns verzichteten. Damit habe sich Twint anfänglich ohne diese Konkurrenz entwickeln können, so Dietrich.
Schub während Corona
Verwendet wurde Twint zu Beginn mehrheitlich noch zur Überweisung von Kleinbeträgen zwischen Privaten etwa beim Beizen- und Kinobesuch. Für einen deutlichen Schub sorgte dann aber die Corona-Pandemie, die auch den Trend zum Online-Handel beschleunigte: Die Bezahl-App konnte sich hier bei einem breiten Publikum als eine gute Alternative zum Bargeld präsentieren, wie Dietrich sagt.
Das anhaltende Wachstum spiegelte sich in den Zahlen: Verarbeitete Twint 2017 noch rund 4 Millionen Transaktionen, so waren es 2022, also fünf Jahre später, bereits fast 390 Millionen Transaktionen. Und das Wachstum scheint ungebremst: 2025 tätigten gut 6 Millionen Nutzer bereits über 900 Millionen Transaktionen.
Lokale Ausrichtung
Zu den Stärken von Twint dürfte die starke lokale Ausrichtung mit den vielen «typisch schweizerischen» Anwendungsfällen gehören – vom Parkieren über das Bezahlen im Hofladen bis zum hiesigen Internet-Shop. Twint funktioniere heute im Alltag sehr gut, sagt Bankenprofessor Dietrich. «Und wenn etwas gut funktioniert, wechseln die Leute nicht mehr.»
Auch Twint selbst streicht seine Verankerung in der Schweiz heraus: «Als Zahlungsmittel aus und für die Schweiz ist es Twint gelungen, ein wirksames Gegengewicht zu den internationalen Grosskonzernen im Zahlungsverkehr zu etablieren», schreibt die App-Betreiberin in einer Medienmitteilung zu ihrem Jubiläum.
Beschränkung auf Schweiz
Die Beschränkung auf die Schweiz ist allerdings gleichzeitig auch eine der offensichtlichen Schwächen von Twint: Im Ausland oder auch beim Besuch ausländischer Online-Shops müssen Schweizer auf andere Möglichkeiten zurückgreifen.
Die Einbindung von Twint in andere ausländische Zahlungssysteme sei bereits in mehreren Projekten versucht worden, sagt Dietrich. «Bislang wurde dieses Ziel noch nicht erreicht.» Dennoch sei es nicht auszuschliessen, dass dies in Zukunft dereinst gelingen könnte, meint der Fintech-Spezialist.
Wohl gute Gebühreneinnahmen
Galt die App in den ersten Jahren als sehr verlustträchtig, generiert sie heute wohl stetige Einnahmen. Die App-Betreiber schweigen sich allerdings über die Ergebnisse aus: «Wir verfügen über ein solides Geschäftsmodell, das es uns ermöglicht, in Innovationen und die stetige Weiterentwicklung der App für unsere Nutzenden und Händler zu investieren», sagt eine Twint-Sprecherin lediglich.
Nicht unbeträchtlich dürften vor allem die Einnahmen aus den Gebühren der Händler sein: Schweizweit akzeptieren heute 81 Prozent der stationären Geschäfte und 86 Prozent der Online-Shops Twint. Weitere Erträge stammen von den Banken: Diese müssen eine Twint-Lizenz erwerben und die App ihrer Kundschaft zur Verfügung zu stellen.
Unmut der Detailhändler
Mit seiner Gebührenordnungen hat Twint allerdings auch den Unmut der Detailhändler auf sich gezogen. Vergangenes Jahr hat die Branchenorganisation Swiss Retail Federation sogar eine Klage gegen Twint wegen Marktmissbrauch bei der Wettbewerbskommission (Weko) eingereicht.
Ob die Weko darauf eingeht, ist offen: Die Behörde «prüft und ermittelt derzeit den Sachverhalt im Rahmen einer Marktbeobachtung», erklärte ein Sprecher auf AWP-Anfrage.
