
Neben Lohnarbeiten hält die Familie Schefer eine Mutterkuhherde samt Muni.
Ramona Riedener
Der massive Muni erhebt sich träge von seinem Liegeplatz. Sein Blick scheint zu sagen: «Tun wir dem Boss den Gefallen.» Das Lockfutter wirkt vor allem bei den Damen, denn bald ist der Bauer umringt und der Deal, Futter gegen Foto, aufgegangen. Nach dieser kurzen Störung kehrt wieder Ruhe ein im Harem von Muni Irwin.
Tierische Gemeinschaft
Die Mutterkuhherde verteilt sich. Während einige Tiere in den Liegeboxen träge mampfend Siesta halten, geniessen andere an der Sonne im Laufhof die Aussicht auf den Kronberg oder genehmigen sich am Futterbuffet einen Imbiss. Die Jüngsten ziehen sich in den Kälberschlupf zurück oder gehen bei ihren Müttern dem Sauginstinkt nach. Nebenan in der Abkalbebox erholt sich eine Erstgebärende von der schweren Geburt
Inzwischen ist der Güggel in den Stall spaziert. Erfahrungsgemäss findet er im Stroh der Kühe stets etwas Leckeres zum Knabbern. Im Gegensatz zum Muni lebt er streng monogam, nachdem er und seine Hofdame als einzige den Fuchsangriff überlebt haben. Zu dieser tierischen Gemeinschaft gehört auch Hofhund Sam. Der sechsjährige Berner Sennenhund verfügt über einen privaten Stalleingang. Wenn gerade keiner Zeit für ihn hat, nutzt er diesen, um unverhofft an den verschiedensten Orten aufzutauchen.
Achte Generation am Fusse des Kronbergs
Hier im innerrhodischen Jakobsbad, auf 1017 Meter über Meer, führt Thomas Schefer jun. Regie. Der 35-Jährige hat vor drei Jahren mit seinem Vater die Rollen getauscht. Damit führt er die 227-jährige Familiengeschichte am Fusse des Kronbergs in der achten Generation fort. Trotz der neuen Hierarchie ist ein echtes Team am Werk.
Zum festen Stamm zählen neben dem 63-jährigen Senior eine auszubildende Landwirtin, Julia, die gleichaltrige Frau von Thomas, Julia Schefer, sowie sein jüngerer Bruder Damian, der zurzeit noch Teilzeit, ab Frühling aber 100 Prozent angestellt ist. Die Seniorbäuerin und weitere Familienmitglieder und Freunde springen immer und überall dort ein, wo gerade helfende Hände gebraucht werden.
Landmaschinenmechaniker und Landwirt
Nachdem Thomas und Julia Schefer Anfang Dezember Eltern geworden sind, wächst mit dem Söhnchen bereits die neunte Bauerngeneration heran. Sein Vater wusste schon immer, wohin die Reise gehen soll. Im Gegensatz zu seinen vier jüngeren Geschwistern hatte er nie etwas anderes auf dem Radar, als Landwirt zu werden. Sein Weg zum Betriebsleiter verlief jedoch nicht schnurgerade. Den Rat, erst etwas anderes zu lernen, kennt man sonst eher aus Künstlerkreisen.
Hier war es die Mutter, die von ihm verlangte, vor der Hofübernahme einen anderen Beruf zu lernen. Da Thomas von klein auf ein ausgesprochener Maschinenfreak war, fiel ihm die Wahl nicht schwer. «Traktoren und Landmaschinen haben mich schon als Bub fasziniert. Deshalb habe ich zuerst Landmaschinenmechaniker gelernt», blickt Thomas zurück. «Die Zweitausbildung zum Landwirt, Betriebsleiter und Meisterlandwirt habe ich später angehängt.»
Mutterkühe und Lohnunternehmen als Standbeine
Über acht Generationen hinweg hat der Bauernhof viele Stürme überstanden und manch Wandel in der Landwirtschaft durchlebt. Einen Meilenstein setzte Thomas Schefer sen. 1997, als er den Betrieb mit einer landwirtschaftlichen Nutzfläche von 28,5 Hektaren und zehn Hektaren Wald von Kälbermast auf Mutterkuhhaltung umstellte. Im grosszügigen Laufstall leben heute 29 Kühe mit ihrem Nachwuchs sowie ein Stier. «Wir haben früh umgestellt, als das noch unüblich war. Damals galt in Bauernkreisen oft noch die Meinung: Nur wer melkt, ist ein richtiger Bauer», erklärt Thomas Schefer jun.
Neben der Tierhaltung stützt sich der Betrieb seit über 30 Jahren auf ein zweites Standbein. Über das Lohnunternehmen laufen Ernte- und Baggerarbeiten sowie Aufträge im Kommunaldienst. Beim Ausbringen der Gülle setzt der Junior auf Kooperation. Das Schleppschlauchsystem betreibt er gemeinsam mit einem Nachbarn. Sobald der erste Schnee fällt, wartet mit dem Winterdienst eine weitere Aufgabe auf Vater und Sohn. Oft klingelt der Wecker dann schon zwischen drei und fünf Uhr in der Früh. Während das Dorf noch schläft, räumen sie Strassen, Plätze und die zahlreichen Zufahrtswege zu den abgelegenen Höfen, bevor die Ersten zur Arbeit oder zur Schule aufbrechen.
Ein Familienteam, das Hand in Hand arbeitet
Bei den vielfältigen Aufgaben auf dem Betrieb hat jeder seinen Lieblingsbereich. Für den Seniorbauer ist es der Sitz auf dem Bagger, für die Lehrtochter sind es die Kühe im Stall. Bruder Damian, der gelernte Zimmermann, ist dort anzutreffen, wo es Holz zu bearbeiten oder etwas zu flicken gibt. Jungbäuerin Julia managt neben ihrem Beruf als Lehrerin die Direktvermarktung und übernimmt immer mehr Büroarbeiten. Thomas Schefer jun. sorgt als Betriebsleiter dafür, dass dieses Familienteam funktioniert. Er koordiniert die Arbeiten und springt ein, wo Not am Mann ist.

Thomas Schefer jun., 40’000 Followern bekannt als «Bagger Schefer» mit Hofhund Sam.
Ramona Riedener
«Idealerweise macht jeder das, was er am besten kann. Doch niemand ist böse, wenn das nicht immer möglich ist», erklärt er. Der Blick zurück zeigt ihm, wie sehr sich die Zeiten geändert haben. «Dinge, die wir als Kinder anstellten, wären heute unmöglich», erzählt Thomas. «Wir waren früh sehr selbstständig. Mit vier oder fünf Jahren gingen wir allein Ski fahren. Am Lift kannte man uns, und so verbrachten wir ganze Nachmittage auf der Piste, bevor wir abends wieder nach Hause fuhren. Wann ich das erste Mal allein mit dem Traktor gefahren bin, weiss ich gar nicht mehr», meint er und grinst vielsagend.
Einblicke geben gegen Unwissenheit
Der Fortschritt der modernen Zeit hat jedoch nicht nur Vorteile. Besonders die Landwirtschaft gehöre heute zu den Branchen, die oft kaum noch oder verfälscht wahrgenommen werden. «Viele Kinder, aber auch Erwachsene wissen gar nicht mehr, was wir Bauern eigentlich tun», bedauert der engagierte Jungbauer. Deshalb geht er in die Offensive und bietet regelmässig Hofführungen an. So erhalten die Besucher einen direkten Einblick in die Tätigkeiten und Herausforderungen der Appenzeller Landwirtschaft.
Auch digital öffnet Thomas die Hoftore. In den sozialen Medien teilt er regelmässig Beiträge über das Hofleben, die tägliche Arbeit, von der Freude über ein gesundes Kalb bis zu den Sorgen des Alltags. Mit rund 40’000 Followern als «Bagger Schefer» auf verschiedenen Kanälen gehört er zu den erfolgreichsten Agrar-Influencern der Deutschschweiz.