
«Die reformerischen Ideen des Nachfolgers und die Erfahrung des Seniors können sich nur sinnvoll ergänzen, wenn jeder kompromissbereit ist», so Rolf Leicher.
KI erstellt
In der Landwirtschaft wünschen sich die Eltern, dass Sohn oder Tochter einmal den Betrieb übernehmen. Die Kinder erleben diesen Wunsch schon während ihrer Erziehung und lassen sich bei der Berufswahl beeinflussen. Dabei ist zu bedenken, dass das Lebensglück der Kinder wichtiger ist, als dass der Betrieb auch an die nächste Generation weitergegeben wird. Bewährt hat sich der Ausstieg des Seniors in Etappen, die Verringerung der Verantwortung nach und nach.
Oft fühlt sich der Seniorchef noch dynamisch genug und will die endgültige Verantwortungsübergabe an die nächste Generation noch verschieben. Dadurch enttäuscht er den Nachwuchs und kann sogar unter Druck geraten, wenn es gesundheitlich plötzlich nicht mehr geht. Der über 65-jährige Seniorchef, der immer noch voll in der Verantwortung steht, wird zwar mit Respekt, aber auch mit Skepsis von Aussenstehenden betrachtet.
Zusammen entscheiden
Die Kooperation von beiden Generationen für eine bestimmte Zeit kann sehr gut sein. Der Senior arbeitet mit seinem Nachwuchs die erste Zeit als Doppelspitze zusammen. Stehen Entscheidungen an, werden diese gemeinsam getroffen. Die reformerischen Ideen des Nachfolgers und die Erfahrung des Seniors können sich nur sinnvoll ergänzen, wenn jeder kompromissbereit ist.
So können die Vorteile beider Generationen in der Landwirtschaft unter einen Hut gebracht werden. Der Senior überschätzt sich und sein Leistungspotenzial nicht gerade selten und ist «Bewahrer» des Bisherigen. Der Junior ist der «Veränderer» und will sich gegenüber der älteren Generation durchsetzen. Der ehrgeizige Nachwuchs möchte Handlungsspielräume und will seine eigene Erfahrung machen.
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Typisch Junior
Die Zeiten, als die Kinder Respekt vor der beruflichen Leistung ihrer Eltern hatten, sind endgültig vorbei. Die junge Generation stellt Althergebrachtes gerne infrage und ist von den eigenen Ideen sehr überzeugt. Für Einsteiger sind aktuelle Kenntnisse über Tiergesundheit, Hygiene, Fütterung, Vermarktung und das Management im Blickpunkt.

Wenn Innovation auf Tradition trifft, gilt es kompromissbereit zu sein. Ein erster Schritt dazu ist, zuzuhören und sich in das Gegenüber hineinzuversetzen.
Corinne Aeberhard
Er will die neuen Techniken und die Digitalisierung in den Arbeitsabläufen integrieren und beschäftigt sich stark mit der Einführung der KI. Der Senior reagiert allergisch gegen allzu viele Innovationen, er äussert Skepsis, wenn der Junior nach seinem Einstieg alles schnell umkrempeln will. Veränderungen müssen deshalb scheibchenweise erfolgen, auch wenn sie dringend erforderlich sind.
Es darf den Junior nicht stören, wenn auch nach seinem Einstieg die Kunden, Behörden, Lieferanten und Kollegen immer noch vom Senior sprechen und davon, dass die Mitarbeiter noch emotional hinter dem Seniorchef stehen. Der Nachfolger will nicht Abziehbild seines Vaters sein, er möchte dem Betrieb eine eigene Handschrift verleihen.
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Klare Absprachen durchsetzen
Die endgültige Firmenübergabe sollte auf der Website mit einer Vita des Juniors vermerkt werden. Aussenstehende bekommen nicht mit, welche Diskussionen es zwischen beiden Generationen während der Doppelspitze und auch noch nach der Firmenübergabe gibt. Bei der Übergabe gibt es zwar klare Absprachen, die sogar schriftlich festgehalten sind. Aber dann kommt es darauf an, diese durchzusetzen. Der Nachwuchs muss immer damit rechnen, dass der Vater auch nach seinem Ausscheiden noch eingreift.
Zu den Absprachen gehört es vor allem, dass der frühere Chef seinen Nachwuchs nicht heimlich kontrolliert, nach Feierabend die Tagesarbeit prüft. In den vertraglichen Regelungen bei der Übergabe sind alle relevanten Details schriftlich festgehalten, die Frage der Kontrolle (Einmischung) meist nur mündlich. Wer Einmischung duldet und Angst vor grösseren Entscheidungen hat, wird nicht selbstständig und kann den landwirtschaftlichen Betrieb nicht eigenverantwortlich führen. Der junge Chef braucht eine starke Persönlichkeit, um sich durchzusetzen.
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Typisch Senior
Manche Senioren fühlen sich noch zu vital, um die Verantwortung voll oder teilweise abzugeben. Sie möchten überall noch mitmischen. Der Vater traut seinem Sohn oder der Tochter nicht zu, alles richtig zu machen. Er meint, sein Rat sei unbedingt gefragt. So werden die Kinder natürlich nie selbstständig. Misstrauen in die Leistungsfähigkeit des Juniors ist ein jahrzehntealter Fehler.
Die Zusammenarbeit von zwei Generationen kann gut funktionieren, wenn Vertrauen vorhanden ist und der Seniorchef seinem Sprössling nicht ständig kontrolliert. Zu den positiven Merkmalen des Seniors zählen die lange Erfahrung und die gewachsenen Kontakte zu Lieferanten, Kunden und Ämtern.
Spricht der über 60-Jährige über Vergangenes, entsteht beim Youngster schnell der Eindruck, dass dieser in einer anderen Zeit lebt. Was die Jugend gar nicht mag, sind die Weisheiten der Älteren: «Was dir noch fehlt, ist die Erfahrung.» Da kommt schnell der Gedanke auf, dass die «Alten» in einer ganz anderen Zeit leben. Die Senioren waren auch einmal jung und haben auch nicht alles auf Anhieb richtig gemacht, wollen sich aber daran nicht erinnern.
Generationen-Wettbewerb als Hürde
Wenn Jüngere Angst haben, Fehler zu machen, riskieren sie auch nichts, lernen nichts und kommen nicht weiter. Fehler sollten toleriert werden, Kritikgespräche müssen konstruktiv verlaufen, ohne Vorwürfe, ohne Verärgerung. Ab wann sich Ältere tatsächlich alt fühlen, hängt stark von der inneren Einstellung und vom Gesundheitszustand ab. Obwohl sie ihren eigenen Gesundheitszustand meist als gut oder sehr gut einschätzen, nehmen Mobilität und körperliche Kraft allmählich ab. Durch altersgerechte Arbeitseinteilung lässt sich das teilweise kompensieren.

Jüngere möchten ihre eigenen Ideen realisieren.
KI erstellt
Es darf keinesfalls zum Wettbewerb der Generationen kommen, wer mehr Kraft hat, mehr leistet, mehr kann. Die Zusammenarbeit ist für alle ein Anpassungsprozess, bei dem immer wieder die Stellschrauben justiert werden müssen. Wer Jüngeren nichts zutraut, macht sie unselbstständig. Jüngere möchten ihre eigenen Ideen realisieren, sie haben einen aktuellen Ausbildungsstand und sind anders qualifiziert als die Generation vor ihnen.
Ältere sind oft enttäuscht, weil man sie nicht mehr um Rat fragt, nicht mehr auf sie hört, auch wenn sie sich einmischen. Wer sich unentbehrlich fühlt, erntet keine Zustimmung. Die Eltern können von Glück sprechen, wenn sich jemand aus der Familie oder eines der Schwiegerkinder zur Übernahme eines Familienbetriebs entscheidet. Und für den ehrgeizigen Nachwuchs ist es schön, wenn er einen erfolgreichen Betrieb übernehmen kann und mit Freude eigenständig führt.
*Der Autor ist Unternehmensberater, unter anderem im Bereich Personalführung.
-> Hier gibts Infos und Tipps zur Hofübergabe vom Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverband.