
Die Gase in der Gülle können beim Rühren oder Umpumpen freigesetzt werden.
Agrarfoto
«Jedes Jahr gibt es leider schwere bis tödliche Unfälle bei Arbeiten rund um Gülle.» Patrick Jost ist Spezialist Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz bei der landwirtschaftlichen Beratungsstelle für Unfallverhütung (BUL). Er ergänzt: «Die Ursache sind in der Regel Gase.»
Dazu steht in einem neu überarbeiteten Merkblatt der BUL, dass in der Gülle zu jeder Zeit tödliche Konzentrationen an Gärgasen freigesetzt werden könnten. Auch in einem offenen Laufstall oder gar im Freien. Denn bei der Vergärung der Gülle unter Sauerstoffausschluss entstehen Schwefelwasserstoff (H2S), Kohlendioxid (CO2), Methan (CH4) und Ammoniak (NH3).
Windstille begünstigt Gasansammlung
Die Gase sind in der Gülle gelöst und werden freigesetzt, wenn diese bewegt, gerührt oder umgepumpt wird. «Gülle ist nicht per se gefährlich, aber die darin enthaltenen Gase können tödlich sein», sagt Jost. So könne zum Beispiel auf einem Betrieb jahrzehntelang alles gut gehen. Doch eines Tages sei zum Beispiel durch eine veränderte Witterung plötzlich alles anders. So begünstigt warmes und windstilles Wetter die Bildung und Ansammlung von Gasen. Ebenso einen Einfluss können unter anderem das Aufstallungssystem, die Lagerung oder der Trockensubstanzgehalt der Gülle haben.
In Güllelöchern, auch in leeren, ist darum stets mit tödlichen Gaskonzentrationen zu rechnen. Der Einstieg erfordert laut BUL in jedem Fall ein Sicherheitskonzept mit der nötigen Ausbildung, Ausrüstung, Überwachung der Gaskonzentration und Frischluftzufuhr. Zudem dürfen Arbeiten in einem Güllebehälter niemals allein ausgeführt werden. Der Arbeitssicherheitsspezialist Jost warnt vor spontanen Aktionen. «Man darf auch nicht in ein Gülleloch einsteigen, wenn das Handy reinfällt und möglicherweise gut sichtbar obenauf schwimmt.» Oder in einen Güllekanal, um mit einer Gabel Festmaterial zu lösen, das sich angesammelt hat.
Rettungskräfte alarmieren
Bei Arbeitsunfällen mit Güllegasen ist in vielen Fällen nicht nur eine Person betroffen. Bei Rettungsversuchen atmen oft weitere Personen Gase ein und verletzen sich dadurch erheblich oder sterben. Was also tun, wenn man beobachtet, wie ein Mensch in ein Gülleloch stürzt? Als Erstes die Rettungskräfte alarmieren, sagt Patrick Jost. Weiter könne versucht werden, Frischluft zuzuführen. Das zum Beispiel mit einem Laubbläser aus sicherer Entfernung. Je nach Art der Gase sei aber womöglich jede Hilfe vergeblich. So könne je nach Konzentration ein Atemzug Schwefelwasserstoff bereits zum Tod führen.
In verschiedenen Weiterbildungs- und Nothilfekursen vermittelt die BUL das Wissen zum sicheren Einstieg in Güllegruben und zum richtigen Verhalten bei Unfällen mit Gasen. Die zentralen Punkte sind auch in den überarbeiteten Merkblättern zur sicheren Güllelagerung und zum Einstieg in Güllebehälter nachzulesen.