
Edith Meier mit ihrer Lieblings(milch-)kuh Panda, die zur Mutterkuh wird.
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«Schweizer Bauer»: Können Sie den elterlichen Betrieb kurz vorstellen? Edith Meier: Es sind eigentlich zwei Betriebe. Mein Vater hatte viele Jahre lang eine Betriebsgemeinschaft. Als sein Betriebspartner vor rund acht Jahren pensioniert wurde, hat er den Partnerbetrieb dazu gepachtet. Auf dem Hof meiner Eltern wird Milch produziert, es gibt 24 Kuhplätze. Das Jungvieh und die Galtkühe stehen auf dem gepachteten Partnerbetrieb. Bis im März 2025 hatten wir noch 1000 Legehennen, um die sich hauptsächlich der ehemalige Betriebsgemeinschaftspartner gekümmert hat. Bewirtschaftet werden rund 19 Hektaren, ausschliesslich Grünland. Die beiden Betriebe liegen auf einer Höhe von 800 bis 900 Metern über Meer.
Welche Rolle haben Sie bisher am Betrieb übernommen? Bis jetzt habe ich vor allem als Aushilfe gearbeitet, während den Ferien und am Wochenende, oft für Vertretungen, damit meine Eltern frei machen konnten. Im Jahr 2025 habe ich viel in Planungsarbeiten mitgearbeitet.
«Ich gebe die Milchproduktion auf und stelle auf Mutterkuhhaltung um.»
Was bedeutet es für Sie persönlich, den Betrieb im Januar 2026 zu übernehmen? Es ist ein riesen Privileg, dass das überhaupt möglich ist. Es gibt so viele junge Leute, die gerne in die Landwirtschaft einsteigen möchten, es aber nicht können, weil sie keinen Betrieb in Aussicht haben. Mir bedeutet das sehr viel. Ich habe zwei Brüder und eine Schwester, aber sie möchten nicht selbst in die Landwirtschaft einsteigen. Es macht mich besonders stolz, als Frau hinstehen zu können und unseren Hof – nach meinem Ur-Ur-Grossvater, Ur-Grossvater, Grossvater und Vater – nun in fünfter Generation weiterführen zu dürfen. Wir sind uns in der Familie alle einig, dass es schön ist, wenn der Betrieb in der Familie bleibt.
Welche Veränderungen oder Weiterentwicklungen planen Sie nach der Übernahme? Ich gebe die Milchproduktion auf und stelle auf Mutterkuhhaltung um. Ausserdem verkleinere ich den Betrieb – der Partnerbetrieb wird nicht mehr weiter gepachtet. Es bleiben rund 14 Hektaren zu bewirtschaften.

Edith Meier und ihr Lebenspartner Beni Müller auf dem Heukran, dieser wurde im Herbst 2025 eingebaut und soll die Arbeit auf dem Betrieb erleichtern.
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Wie kam es zu dieser Entscheidung? Ich bin keine gelernte Landwirtin, sondern habe nach der Matura an der ETH Agrarwissenschaften studiert. Den Hof im Vollerwerb zu führen war nie ein Thema, weil es nicht meine Hauptausbildung ist. Für mich ist es wichtig, dass ich etwas aus meinem Studium mache. Ich arbeite 100 Prozent beim Landwirtschaftsamt des Kantons Appenzell Innerrhoden. So kann ich Theorie und Praxis gut kombinieren – beide meiner Tätigkeiten profitieren gegenseitig voneinander. Der Betrieb wäre sowieso eher etwas klein, um im Haupterwerb geführt zu werden – wenn man es unbedingt gewollt hätte, wäre es jedoch sicher machbar gewesen. Ich habe mich aber bewusst für die Landwirtschaft im Nebenerwerb entschieden. Mit der Mutterkuhhaltung ist man zeitlich flexibler, deshalb wird mit der Milchproduktion aufgehört.
«Die grösste Herausforderung ist, alles mit beiden Jobs unter einen Hut zu bringen und dem Betrieb gerecht zu werden.»
Gibt es Investitionen, die im neuen Jahr getätigt werden? Erste Investitionen haben wir bereits in diesem Herbst getätigt und einen Heukran installiert. Nun starten wir bald mit dem Umbau des Stalles. Es braucht einige Anpassungen, wie beispielsweise einen Kälberschlupf, um den ehemaligen Milchviehstall zu einem Mutterkuhstall umzufunktionieren.
Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit Ihrer Familie im Übergabeprozess? Sehr, sehr gut. Ich werde von meinen Geschwistern und Eltern stark unterstützt. Mein Vater war im Nebenerwerb als landwirtschaftlicher Berater tätig und hat manchmal Geschichten mitbekommen, wie eine Hofübergabe in einem Generationenstreit endete. Das hat ihn geprägt, und ihm ist es wichtig, dass das bei uns nicht geschieht. Er nimmt sich zurück, gibt meinen Ideen Raum, auch wenn er vielleicht nicht immer meiner Meinung ist, und gleichzeitig ist er immer an meiner Seite und unterstützt mich bestmöglich.
Welche Herausforderungen sehen Sie aktuell für Ihren Betrieb? Die grösste Herausforderung ist, alles mit beiden Jobs unter einen Hut zu bringen und dem Betrieb gerecht zu werden. Es gibt viele Dinge, die man lernen muss. Ich bin keine praktisch ausgebildete Landwirtin und habe zwar schon vieles gelernt. Aber es gibt auch viele Sachen, die ich noch nie gemacht habe. Die Mutterkuhhaltung ist für uns alle neu.
Warum haben Sie sich für die Landwirtschaft entschieden? Als Kind bin ich in der Landwirtschaft aufgewachsen – das habe ich nicht immer geschätzt. Ich war aber immer sehr gerne bei den Tieren. Im Teenageralter hat mir das Bauernleben nicht so gut gefallen. Ich war etwas unschlüssig, was ich studieren wollte. In den Agrarwissenschaften hat man alle Disziplinen, die mich interessierten – wie Biologie, Chemie, Mathematik und so weiter – in einem vereint. Während des Studiums habe ich mit dem Gedanken gespielt, später in die Entwicklungshilfe zu gehen. Bis mir klar wurde: Ich möchte nicht an anderen Orten etwas bewegen, sondern dort, wo ich lebe.
«Ich möchte der Bevölkerung bewusst machen, dass es Landwirte und Landwirtinnen braucht.»
Was hat Sie dazu bewegt? Ich sehe, wie die Allgemeinheit den Bezug zur Landwirtschaft verliert. In früheren Generationen hatte fast jeder Verwandte, der in der Landwirtschaft tätig war – heute ist das nicht mehr so. Viele verstehen nicht, was alles hinter einem Lebensmittel steckt und dass dafür täglich hart gearbeitet werden muss. Ich habe die praktische Erfahrung und viel theoretisches Fachwissen. Ich möchte als Verbindungsstück die Gesellschaft abholen und ihr wieder bewusst machen, dass es Landwirte und Landwirtinnen braucht und dass das einer der wichtigsten Jobs auf der Welt ist.
Gab es einen bestimmten Moment, der deinen Wunsch bestärkt hat, den Betrieb zu übernehmen? Es gab einen Aha-Moment für mich. Vor der Entscheidung, den Hof zu übernehmen, sagte ich meinem Vater damals, dass ich die Arbeit in der Landwirtschaft mega cool finde, mich aber nicht so stark binden möchte. Wenn ich einen Hof habe, dann kann ich nichts mehr tun und muss nur noch arbeiten. Mein Vater meinte daraufhin: „Wenn du einmal eine Familie hast – und das möchte ich auf jeden Fall – dann bindest du dich genauso. Ein Betrieb ist genau dasselbe.“ Bis dahin hatte ich mir das noch gar nie so klar überlegt. Dann machte es in meinem Kopf Klick: Wenn ich mich zu Hause wohlfühle und liebe, was ich tue, wieso sollte ich mich dann nicht binden und ein Statement dafür abgeben? Ausserdem gibt es immer Lösungen, um aus einem bestehenden Konstrukt herauszukommen, wenn man merkt, dass es nicht mehr stimmig ist.
«Ich persönlich finde, jeder Bauer ist auch «grün». Es gibt keine Berufsgattung, die so eng mit der Natur zusammenarbeitet.»
Was begeistert Sie besonders an Ihrem Beruf als Landwirtin? Ich arbeite gerne mit den Tieren – das ist einfach faszinierend. Selbst wenn ich mal gar keine Lust habe oder körperlich erschöpft bin, macht der Umgang mit den Tieren alles wieder wett.
Welche Werte sind Ihnen in Ihrer Arbeit in der Landwirtschaft besonders wichtig? Auch wenn es ein «verhunztes» Wort ist: Nachhaltigkeit. Ich will wirklich dahinterstehen, wie man Tiere hält und das Land bewirtschaftet. Es trifft mich, wenn von der Gesellschaft gesagt wird, allen Bauernhoftieren gehe es nicht gut – das stimmt nicht. Ich will in meiner Tätigkeit immer voll und ganz hinter dem Produkt stehen, das ich produziere.
Wie gehen Sie mit gesellschaftlichen Erwartungen und Kritik an der Landwirtschaft um? Ich finde das immer sehr schwierig. Ich fühle mich selten persönlich angegriffen, aber wenn die Landwirtschaft als Ganzes kritisiert wird, tut mir das weh. Ich möchte dagegen angehen – und habe dank meiner Ausbildung fachlich fundierte Gegenargumente auf Lager. Mir ist es wichtig, nicht noch mehr Kluften zu schaffen – der Austausch sowie gegenseitiges Zuhören und Erklären sind deshalb wichtig. Viele Kritiker aus den «grünen» Kreisen werfen den Landwirten und Landwirtinnen immer vor, «Umweltsünder» zu sein. Ich persönlich finde, jeder Bauer ist auch «grün». Es gibt keine Berufsgattung, die so eng mit der Natur zusammenarbeitet und so direkt von ihr abhängig ist wie die Bauern.

Edith Müller hat an der ETH in Zürich Agrarwissenschaften studiert und einen Masterabschluss.
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Wo sehen Sie sich und den Betrieb in zehn Jahren? Mein Lebenspartner und ich sind eingespielt und müssen nicht mehr so viel überlegen, wie was geht. Wir sind auf dem Hauptbetriebszweig – der Mutterkuhhaltung – angekommen. Jeder hat seine Stärken und vielleicht auch Betriebszweige gefunden, und wir sind ein gutes Team. Ich würde mir wünschen, dass mein Vater und meine Familie weiterhin ihre Aufgaben auf dem Hof haben und mithelfen. Vielleicht gibt es dann auch ein paar andere Tiere, wie Ziegen oder Schweine. Ein paar Freilandschweine – das wäre mein Traum.
Was würden Sie jungen Menschen – insbesondere jungen Frauen – raten, die eine Zukunft in der Landwirtschaft in Erwägung ziehen? Ich würde jungen Frauen raten, selbstbewusst zu sein, anzupacken und auf ihr eigenes Gefühl zu hören. Wer wirklich will, schafft es, und man sollte sich nicht von Kritik oder Neid abhalten lassen.
Beenden Sie die Sätze… Die Hofübernahme ist… anspruchsvoll, aber sehr spannend. Landwirtschaft… ist Arbeit mit Herz, Hand und Verstand.
Weitere Eindrücke aus dem Hofalltag und der Hofübernahme teilt sie auf Instagram unter @hobby_puur