Hilfe holen lohnt sich

Auf den Betriebsleiterinnen und Betriebsleitern lastet ein grosser Druck. Mit Folgen für die Gesundheit. Ein möglicher Ausweg: darüber reden.

Es gibt sie, die Stimmen von Betroffenen, die ihre Geschichte teilen. Sie erzählen von Druck, Ängsten, Sorgen und dem Gefühl, den Herausforderungen des landwirtschaftlichen Alltags nicht mehr gewachsen zu sein. Da ist Pirmin Bötsch, Gemüsebauer am Bodensee, oder Ralf Kleger, der die Milchwirtschaft und den Obstbau wegen Überlastung schliesslich ganz aufgeben musste.

Rund um die Uhr

Die beiden Männer in den Dreissigern erzählen in einer Radiosendung auf SRF 3 von ruhelosen Nächten über der Wetterradar-App, Selbstvorwürfen nach einem Ernteschaden, der ständigen Präsenz rund um die Uhr und der Bürokratie, die ihnen zu schaffen machte. Dazu kam bei Kleger die öffentliche Kritik: «Du gibst deine ganze Kraft für gute Lebensmittel und wirst nur angefeindet, das hat mich tief verletzt», sagt er in der Radiosendung.

«Nach mehreren Generationen, die hier vor mir den Hof geführt haben, gebe ich jetzt auf. Das war ein sehr schwieriger Schritt.»

Ralf Kleger, führte Betrieb mit Milchwirtschaft und Obstbau

Er erlitt schliesslich ein Burn-out und stieg danach aus der Landwirtschaft aus. «Nach mehreren Generationen, die hier vor mir den Hof geführt haben, gebe ich jetzt auf. Das war ein sehr schwieriger Schritt.» Dass es vielen Landwirten schwerfällt, sich Hilfe zu holen oder gar «aufzugeben», weiss Andrea Schatt. Im Rahmen ihrer Masterarbeit hat sie untersucht, welche Faktoren die Bereitschaft von Landwirtinnen fördern, psychologische Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Stolz, Durchhaltevermögen und Eigenständigkeit

In der landwirtschaftlichen Berufskultur gelten laut Schatt nach wie vor Stolz, Durchhaltevermögen und Eigenständigkeit als zentrale Werte. «Für die Betroffenen, die ich für meine Arbeit interviewt habe, gehören psychische Belastungen zum Beruf und müssen ausgehalten werden», resümiert Schatt in ihrer Arbeit. Erst wenn der Leidensdruck zu hoch werde oder die Belastung zu lange andauere, werde Unterstützung ausserhalb des familiären Umfelds in Anspruch genommen. «Betroffene arbeiten mehr, verzichten auf Pausen und versuchen, die Situation allein zu bewältigen», schreibt Schatt, die beim Maschinenring Schweiz im Bereich Marketing und Kommunikation arbeitet.

Kurzfristig entstehe so der Eindruck, die Belastung unter Kontrolle zu haben. Langfristig nähmen jedoch Erschöpfung, Fehler und psychische Belastungen zu. Wie schwierig es ist, diesen Schritt zu machen, zeigt auch das Bäuerliche Sorgentelefon. Dort gehen seit rund 30 Jahren jährlich durchschnittlich lediglich 100 Hilferufe ein. Dies, obwohl die psychische Belastung von Landwirten in der Schweiz laut Schatt in den vergangenen Jahren zugenommen hat und Studien darauf hindeuten, dass sie etwa doppelt so häufig von Burn-out betroffen sind wie die Allgemeinbevölkerung.

Seine Geschichte teilen

Als eines der wichtigsten Elemente, um die Akzeptanz für mentale Probleme zu stärken, sieht Andrea Schatt darin, dass Betroffene ihre Geschichten teilen. Laut ihr gehöre es zu einer erfolgreichen Betriebsführung dazu, sich mit der eigenen mentalen Gesundheit auseinanderzusetzen. Sie fragt schliesslich: «Einer kranken Kuh hilft man ja auch, oder?»

Hier gibt es Hilfe

Notfall und psychosoziale Hilfe

Anlaufstelle Überlastung Landwirtschaft (AUL) : Kostenloses und vertrauliches Angebot für Personen im bäuerlichen Umfeld in schwierigen Situationen.

Bäuerliches Sorgentelefon

Anlaufstelle für Bäuerinnen, Bauern und Angehörige bei persönlichen oder familiären Sorgen ( Bäuerliches Sorgentelefon ).

Betriebs- und Familienhilfe

Landwirtschaftliche Betriebs- und Familienhilfe (LBF) : Vermittelt Arbeitskräfte bei Unfall, Krankheit, Überlastung, Wochenbett oder Ferien

-> Überblick über alle kantonale Stellen

Kommentare (1)

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  • Ki | 09.09.2026
    Schön wäre, wenn Hr Hofer dies für die AP2030+ noch berücksichtigen würde
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