
Windräder prägen die ostdeutschen Felder.
Tobias Strahm
Wenn man von Niedersachsen her über die ehemalige deutsche West-Ost-Grenze in Mecklenburg-Vorpommern fährt, ändert sich vieles. Der Baustil der Häuser sticht ins Auge. Am meisten fallen einem aber die Parzellengrössen auf: Statt 10 Hektaren sind die Felder urplötzlich Hunderte Hektaren gross. Die alte innerdeutsche Grenze erkennt man sogar auf Google Maps anhand der Parzellengrössen deutlich.
Kollektivierung
Das hat einen speziellen Grund: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Deutschland zweigeteilt. Der Westen wurde von den alliierten Siegermächten, angeführt von den USA, verwaltet. Ostdeutschland wurde von der Sowjetunion besetzt. Damit begann die Kollektivierung der Landwirtschaftsbetriebe. Das heisst, dass vielen damaligen Familien die Betriebe enteignet wurden und diese in den Besitz des Staats übergingen. So wurden Flächen grossräumig zusammengelegt, Hecken, Feldwege und Bäume wurden beseitigt.

Einzelne Parzellen erstrecken sich über Hunderte Hektaren.
Tobias Strahm
So ist das auch der Familie Böhmker aus Werder passiert. Der Betrieb ging nach der Flucht des Grossvaters vom aktuellen Betriebsleiter in Volkseigentum über. Nach dem Mauerfall am 9. November 1989 und der anschliessenden deutschen Wiedervereinigung kehrte die Familie in ihre alte Heimat zurück und begann, den Familienbetrieb wieder aufzubauen. In einem mühsamen, langen Prozess, der über zwei Jahre dauerte und von Unsicherheiten geprägt war, gelangte der 45-Hektaren-Betrieb wieder in vollständigen Besitz der Familie Böhmker.
-> Von der DDR-Genossenschaft zum modernen Ackerbaubetrieb
Viel grössere Betriebe als in Westdeutschland
Die landwirtschaftlichen Betriebe im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern sind im Vergleich zu westdeutschen Betrieben sehr gross. Laut dem Kartenanbieter Diercke beträgt die Durchschnittsgrösse im Jahr 2017 277 Hektaren pro Betrieb, etwa das Viereinhalbfache des gesamtdeutschen Wertes, der bei 60,5 Hektaren lag. Im gesamten Bundesland werden 1,08 Millionen Hektaren Ackerland bestellt. Zum Vergleich: In der Schweiz gibt es insgesamt 1,04 Millionen Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche bei 9,1 Millionen Einwohnern, in Mecklenburg-Vorpommern leben nur gerade 1,5 Millionen Menschen.

Zwei Anrüstroboter an einem 80er-Melkkarussell.
Tobias Strahm
Da kommt der Weltmarkt ins Spiel. Die erzeugten Produkte, vorwiegend Getreide, Raps, Mais, Kartoffeln und Milch, können über den Hafen in Rostock in die ganze Welt verschifft werden. Die EU-Subventionen machen für die Betriebsleiter, mit denen der «Schweizer Bauer» sprach, einen vernachlässigbaren Anteil aus. Diktiert wird das tägliche Handeln auf den Betrieben einzig und allein vom Weltmarktpreis der verkauften Produkte.
Im Gegensatz zur Landwirtschaft in der Schweiz wird jeder einzelne Arbeitsschritt und Hilfsmitteleinsatz laufend berechnet. Falls sich der Input oder der Arbeitsschritt nicht lohnt, wird er gestrichen oder verändert. Der Betriebsleiter Fabian Graf, ursprünglich aus Oberdiessbach BE, beschreibt das so: «Auf meinem Betrieb mit 700 Kühen und 700 Hektaren in Nienhagen bei Gross Wokern (D) kann ich bei der Getreideernte nie den richtigen Zeitpunkt abwarten.»
-> «Am Weltmarkt muss ich knallhart rechnen»
Wenn Graf mit dem Dreschen beginne, sei es immer zu feucht. In der Mitte der Ernte erreiche man ein Zeitfenster, das den optimalen Zeitpunkt trifft. Anschliessend werde es wieder zu nass. «Auf einem Grossbetrieb geht man stündlich Kompromisse ein, ansonsten könnte man alle anfälligen Arbeiten gar nicht bewältigen», so Graf.
Die qualifizierten Arbeitskräfte fehlen
Gemolken wird auf den grossen Milchviehbetrieben dreimal am Tag, in drei Schichten. Die Arbeiter dafür zu finden, gestaltet sich zunehmend schwieriger. Bis vor einigen Jahren kamen viele Gastarbeiter aus den nahen osteuropäischen Ländern.

Auf Gut Hohen Luckow stehen 6’000 Kühe in den Ställen. Bilder: Tobias Strahm
Tobias Strahm
Doch durch die verbesserte wirtschaftliche Situation, vor allem in Polen, lohnt es sich für die Hilfskräfte heute weniger, in der ostdeutschen Landwirtschaft zu arbeiten. So kommen neu viele sogenannte Praktikanten aus Afrika, Indien, Zentralasien und von den Philippinen, um die Kühe im Dreischichtbetrieb zu melken, Kälber zu tränken und Boxen auszumisten.
Die Mitarbeiterführung sei deshalb sehr anspruchsvoll, sagt Fabian Graf. «Die Leute neu anzulernen und ihnen das Fingerspitzengefühl für die Praxis beizubringen, ist herausfordernd.» Die Sprache sei aber bei den vielen verschiedenen Kulturen kein Problem. «Mit Händen und Füssen kann man sich immer irgendwie verständigen», so Graf.