Ohne Männer geht es nicht – aber ohne Frauen erst recht nicht

Frauen treiben weltweit den Wandel zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft voran – oft leise, aber sehr wirksam. Der Austausch zwischen Bäuerinnen aus Indien und der Schweiz zeigt, wie sie Barrieren und Rollenbilder hinter sich lassen, in Kollektiven Wissen und Macht teilen und gemeinsam neue Wege zu mehr Resilienz, Gerechtigkeit und Ernährungssouveränität eröffnen.

Renate Hodel, lid |

Wie verändern Frauen die Landwirtschaft? Frauen treiben nachhaltigere Landwirtschaft voran, indem sie Barrieren durchbrechen – in Köpfen, in Familien, in Strukturen – und indem sie Kollektive bauen, die Wissen, Mut und Handlungsspielraum schaffen.

Beharrlichkeit und Fachwissen

Sie tun es oft leise und nicht mit grossen Parolen, sondern mit Beharrlichkeit, Fachwissen und einem erstaunlich wirksamen «Wir». Und Frauen beginnen selten bei einem abstrakten System – sie beginnen bei sich selbst: beim Essen am Familientisch, beim Zustand des Bodens im eigenen Garten, bei der Frage, wie man mit immer weniger Ressourcen trotzdem Zukunft schafft. Und sie merken schnell: Alleine kommt man nicht weit – gemeinsam schon. Genau darum ging es bei einem Austausch von indischen Bäuerinnen mit Frauen aus der hiesigen Landwirtschaft Mitte Februar im Berner Generationenhaus.

Bobbili Jyothi und Arika Narasamma, zwei junge Bäuerinnen aus Andhra Pradesh im Süden Indiens, reisen im Februar und März durch Europa, um über ihre Erfolgsgeschichte zu berichten und in Austausch mit innovativen Kolleginnen zu kommen.  Weltacker Schweiz  organisierte im Rahmen dieser Reise den Stopp in Bern und ging am Anlass «Women Leading the Change in Agriculture: Insights from India and Switzerland» den Fragen nach, wie Frauen den Wandel zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft vorantreiben und was Indien und die Schweiz voneinander lernen können.

Macht, Sichtbarkeit und Rollenbilder

Wenn wir über Landwirtschaft nachdenken, sehen viele vor ihrem inneren Auge immer noch einen Mann mit Traktor – und dies, obwohl «die unsichtbare Kraft hinter der Landwirtschaft» oft die Frau ist, so Swati Renduchintala, welche die internationale Zusammenarbeit des Programms  «Andhra Pradesh Community Managed Natural Farming»  leitet. Frauen seien es, die mit ihren Händen im Boden wühlen, säen, ernten, kochen – und damit Familien und Märkte tragen.

Das Programm «Andhra Pradesh Community Managed Natural Farming» versucht mit agroökologischen Prinzipien einerseits die Landwirtschaft nachhaltiger zu gestalten und zusätzlich die Rolle der Frau zu stärken und zu emanzipieren. Dass gerade Frauen zentrale Trägerinnen der Umstellung zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft sind, hat in Andhra Pradesh auch mit gesellschaftlichen Realitäten zu tun. Denn das Problem dahinter ist nicht nur ein Bild im Kopf – es ist Macht: Wer gilt als Landwirtin oder Landwirt, wer hat Zugang zu Wissen, Ressourcen, Anerkennung?

Kollektive

Swati Renduchintala zeichnete nach, wie in der indischen Landwirtschaft inputintensives Wissen häufig über Männer läuft, Land als Vermögenswert bei Männern bleibt und Frauenarbeit oft marginalisiert wird – obwohl Frauen weiter «pflügten, säten und ernteten», aber statistisch und gesellschaftlich oft nicht als Bäuerinnen gelten würden.

Die Antwort darauf sei keine laute Revolution, sondern eine «stille» über Kollektive: Sogenannte Selbsthilfegruppen, in denen sich 10 bis 15 Frauen organisieren, Wissen teilen, Kapital mobilisieren und als «Last-Mile»-Plattform wirken. Swati Renduchintala beschrieb es augenzwinkernd als «gossip groups» – die zunächst unterschätzt, aber dann zum Motor eines Systemwandels werden.

Warum Frauen den Wandel oft schneller tragen

So wird Veränderung nicht «ausgerollt», sie wird getragen – von Beziehungen. Denn diese Selbsthilfegruppen seien eine Plattform für Wissenstransfer ohne Hierarchie: «Women farmers speak to women farmes», erklärte Swati Renduchintala. Und sogar die Ressourcen und das Startkapital wird häufig innerhalb dieser Selbsthilfegruppen generiert und von ebendiesen Frauen getragen. Daraus sei eine Infrastruktur entstanden, die heute Millionen erreicht.

Wie aus Prinzipien Praxis wird, zeigte die 26-jährige Bäuerin Jyothi Bobbili. Die gut ausgebildete Frau mit einem Master of Business Administration hat während der ersten Schwangerschaft mit Ernährungsproblemen zu kämpfen gehabt. Der Wunsch nach gesundem Essen sei Auslöser gewesen, beim Programm «Andhra Pradesh Community Managed Natural Farming» mitzumachen – und unter anderem Ansätze wie das ganzjährige Bedecken der Böden, Vielfalt auf den Feldern, Nutzung lokaler Ressourcen und die Integration von Tieren umzusetzen.

Mit 40 Kulturen gegen den Widerstand

Der Weg dahin war allerdings nicht konfliktfrei und Jyothi Bobbili musste sich auch innerhalb der Familie mit Widerstand auseinandersetzen – unter anderem durch ihre Schwiegermutter. Auf einem kleinen Stück Land trieb sie die Umstellung aber Schritt für Schritt voran. Und als sich der Ansatz bewährte, schmolz auch der Widerstand in der Familie und im Dorf – sodass Jyothi Bobbili und ihre Familie heute saisonal teilweise bis zu 40 verschiedene Kulturen pflegen und ernten.

Menschen hätten sie kritisiert und gemeint, was eine Frau mit einem Master of Business Administration in der Landwirtschaft denn schon erreichen könne. Aber Jyothi Bobbili hat ihnen getrotzt uns sagt heute stolz: «Women can do anything.»

Zwischen Bäuerin und Landwirtin

Auch in der Schweiz kämpfen Landwirtinnen und Bäuerinnen nach wie vor mit Vorurteilen und teilweise auch mit Benachteiligung. So sprachen Tamina Felder, Landwirtin aus dem Kanton Bern und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL, und Johanna Herrigel, Projektleiterin bei der Stiftung Biovision und Mitglied der Organisation «AG FairFood Feministisch», darüber, dass ein grosser Teil der Arbeit in der Landwirtschaft von Frauen geleistet wird, aber ihre Rolle in der offiziellen Wahrnehmung und Absicherung nicht Schritt hält: 40 Prozent der landwirtschaftlichen Arbeit wird von Frauen gemacht, aber weniger als 10 Prozent der Betriebe werden von Frauen geführt – gleichzeitig fehlen oft Lohn, soziale Absicherung und Rentenansprüche. «Es ist schockierend, dass wir da noch nicht weitergekommen sind», so Johanna Herrigel.

Spannend war auch der Hinweis auf ein Schweizer Spezifikum: Neben der landwirtschaftlichen Lehre zur Landwirtin existiert in der Schweiz auch die Ausbildung zur Bäuerin. Es sei einerseits ein Privileg, dass man in der Schweiz überhaupt Ausbildungsmöglichkeiten habe als Frau und dabei auch noch Wahlmöglichkeiten, erklärte Tamina Felder.

Identitätsspalt

Gleichzeitig beschrieb sie diese Eigenheit auch als Identitätsspalt zwischen «Haushalt, Verarbeitung und Garten» und «Maschinenführung, Tierhaltung und Betriebsführung» – obwohl viele Frauen in Wahrheit beides täten. Barrieren durchbrechen heisst hier, sichtbar werden – als Fachperson, als Betriebsleiterin, als Entscheiderin. Und: Absicherung einfordern, damit Arbeit nicht nur geleistet, sondern auch anerkannt wird.

Die Schweizer Seite nahm vor allem das Tempo und die soziale Infrastruktur mit. Johanna Herrigel beschrieb, wie beeindruckend es sei, «wie schnell» Veränderung möglich ist – und dass dies politisch gerade deshalb inspiriere, weil man hier oft schon froh sei, «den Status quo zu halten».

Nicht allein, sondern miteinander

Das Beispiel aus Andhra Pradesh zeige, dass Wandel nicht nur über Programme «von oben» entstehe, sondern über tragfähige, lokale Strukturen. «Es gibt keinen Weg, Politik zu verändern, ohne eine starke von der Basis getragene Bewegung», war Johanna Herrigel Erkenntnis. Für Tamina Felder blieb «Diversität» als Resilienzprinzip hängen – auf dem Feld, im Boden, in den Menschen. Nicht als romantische Idee, sondern als praktische Antwort, um Klima- und Marktrisiken abzufedern. Dies zeige sich auch in der Zusammenarbeit: Die besten Betriebsführungsteams seien oft jene, die Perspektiven zusammenbringen – und zwar so, dass Carearbeit, Hofarbeit und Entscheidungsmacht nicht automatisch bei einer Person «landen».

Der Austausch zwischen Indien und der Schweiz wirkte wie ein Spiegel: Zum Teil gleiche Muster, aber andere Rahmenbedingungen. Und universell gilt: Empowerment ist nicht allein eine «Frauenaufgabe». Man müsse nicht nur Frauen stärken – man müsse auch Männer darauf vorbereiten, mit starken Frauen umzugehen, so Swati Renduchintala. Und sie stellte die Grundfrage: Geht es um Gleichheit oder um Gerechtigkeit – also faire Verteilung von Ressourcen, Macht und Arbeit? Und so ist die vielleicht präziseste Antwort auf die Frage, wie man Wandel antreibt: Nicht allein – sondern miteinander.

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