Studie: Mehr Gemüse statt Fleisch – so würde sich die Landwirtschaft verändern

Verändert sich die Ernährung in die Richtung, wie sie von vielen Expertinnen und Experten gefordert wird, würde das die Landwirtschaft auf der Welt substanziell mitverändern. Ein internationales Forschungsteam hat nun im Fachjournal «Nature» berechnet, wie die Verschiebungen aussehen könnten.

sda |

Geht es nach den Empfehlungen der «EAT-Lancet-Kommission» – einem Expertengremium, das von der EAT-Organisation und der Fachzeitschrift «The Lancet» gegründet wurde -, dann sollten sich die Ernährungsgewohnheiten in Richtung viel Obst und Gemüse, Vollkornprodukte, Nüsse und Hülsenfrüchte verändern.

Gleichzeitig sieht die «Planetary Health Diet» vor, dass in etwa drei bis vier Eier pro Woche, moderate Mengen an Fisch und Geflügelfleisch sowie möglichst wenig Fleisch von Wiederkäuern wie Rindern, Schafen und Ziegen verzehrt wird.

Aktuelle «Diät» bringt massive Probleme

Die Idee dahinter ist einerseits, dass eine solche «Diät» viele durch falsche, weil zu fleisch- oder fettreiche bzw. qualitativ schlechte Kost verursachte ernährungsbedingte Krankheiten verhindern könnte. Ausserdem würden so die Ressourcen des Planeten besser geschützt, da u.a. weniger landwirtschaftliche Produkte in den Mägen von Unmengen an Nutztieren landen würden und direkter auf die Teller kämen.

Insgesamt sei die aktuelle Form des (Land-)Wirtschaftens und der Nahrungsmittelproduktion für rund ein Drittel der klimaschädlichen Emissionen verantwortlich und bringt den Planeten in die Nähe von gefährlichen Kipppunkten, von denen ausgehend sich der Zustand der Ökosysteme weiter verschlechtern würde, wie das weitverzweigte Team um Matthew Gibson und Mario Herrero von der Cornell University im US-Bundesstaat New York in seiner Arbeit schreibt.

400 Millionen weniger Wiederkäuer

Anhand von zehn gängigen Modellen zur Simulation der Entwicklung der Weltwirtschaft berechneten die Forschenden nun Szenarien, bei denen einerseits bis 2050 so weitergewirtschaftet wird, wie bisher, beziehungsweise sich andererseits die Landwirtschaft in Richtung der Empfehlungen der Kommission weiterentwickelt, die Produktivität erhöht wird und rund die Hälfte weniger Lebensmittel weggeworfen werden als derzeit. Im Vergleich offenbaren sich doch sehr unterschiedliche mögliche Realitäten in rund 25 Jahren.

So zeigen die Berechnungen zur «potenziellen grossen Ernährungstransformation», dass vor allem die prognostizierte Abnahme an benötigten Weideflächen «beispiellos» wäre: So käme man auf rund 400 Millionen weniger Wiederkäuer, was einer Reduktion des Viehzucht-Sektors um rund 42 Prozent gegenüber dem Stand 2020 gleichkäme. Der Rückgang der benötigten Weideflächen würde voraussichtlich wiederum die Ausweitung von Waldflächen begünstigen, was deutlich mehr CO2 binden würde. Ausserdem könnte man die klimaschädlichen Treibhausgase aus der Viehzucht um bis zu 85 Prozent reduzieren, wie die Forschenden zeigen.

17 Prozent weniger produziert

Insgesamt verringere sich unter diesen Annahmen die weltweit zur Nahrungsmittelerzeugung genutzte Fläche gegenüber 2020 um rund sechs Prozent, so die Angaben in der Publikation. Der Abnahme beim Umfang der Fleischproduktion würde eine Zunahme der Gemüse-, Obst-, Nüsse- und Hülsenfruchtproduktion um ungefähr ein Viertel gegenüberstehen.

Insgesamt würde unter der Ernährungstransformationsannahme im Jahr 2050 um etwa 17 Prozent weniger produziert als wenn alles nach heutigem Vorbild weiterginge. Demgegenüber stünden mehrere Millionen weniger vorzeitige Sterbefälle pro Jahr, grosse Einsparungen in den Gesundheitssystemen und viel niedrigere Treibhausgasmissionen, so die Forschenden.

Viele Fragezeichen auf Politik- und Konsumentenseite

Damit es aber tatsächlich in diese Richtung geht, brauche es ein umfassendes Umdenken in der Landwirtschafts- und Umweltpolitik sowie aufseiten der Konsumenten. Aktuell seien die Lobbys der Fleisch-, Zucker- und Getreideproduzenten sehr stark, was man an den vehement geführten Diskussionen über etwaige «Zuckersteuern» oder Werbeverbote für besonders gesundheitsschädliche Lebensmittel sehe, so die Forschenden.

Auf Konsumentenseite wäre auch so manches zu bedenken: So gebe es etwa Schätzungen, nach denen die Ernährung entsprechend der EAT-Lancet-Kommissions-Empfehlungen in Ländern mit hohem Einkommen eher billiger käme, es in Ländern mit niedrigeren Einkommen hingegen eher teurer werden könnte. Damit sich hier also wirklich etwas tut, bräuchte es jedenfalls einen «Bruch mit vielen historischen Trends» und «mutige politische Entscheidungen», halten die Studienautorinnen und -autoren fest.

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