
Die Agronomin Barbara Eiselen begleitet Betriebsleiter und Betriebsleiterinnen auf ihrem Prozess hin zu einer stimmigen Hofstrategie. Barbara Eiselen arbeitet selbständig als Coach in der Landwirtschaft.
Anja Tschannen
Warum wird die Kolumne so häufig angeklickt? Vermutlich werden die Artikel auch häufig gelesen – nicht nur angeklickt. Je nach Thema über 100'000-mal in nur drei Tagen. Das ist eine Zahl, die ich mir physisch gar nicht vorstellen kann. Bei knapp 50'000 Landwirtschaftsbetrieben in der Schweiz kann man also davon ausgehen, dass von jedem Betrieb mindestens eine Person anklickt – und auch viele andere, ausserhalb der Landwirtschaft oder aus Deutschland und Österreich.
Meine Texte werden also offenbar viel und gerne gelesen. Doch warum ist das so? Meine kurze und einfache Antwort darauf: Ich weiss es nicht. Ich kann nur mutmassen. Also legen wir los.
Liegt es am Schreibstil?
Könnte die hohe Klickzahl mit meinem Schreibtalent zu tun haben? Kaum möglich, denn in der Schule war die Muttersprache mein Schwachpunkt. Würde ich über Mickymäuse und rosarote Elefanten schreiben, würde es sicher nicht so oft gelesen werden. Also muss es etwas mit dem Thema zu tun haben.
Rückmeldungen zufolge treffe ich den Nagel jeweils auf den Kopf. Man sagt mir: «Ich fühle mich voll angesprochen und du bringst die Themen einfach so gut auf den Punkt.» Die Leserinnen und Leser fühlen sich verstanden. Doch in was fühlen sie sich denn verstanden?
Die Rolle der Scham
Vermutlich sitzt jeder Leser und jede Leserin zu Hause, liest den Artikel, fühlt sich tief angesprochen und fragt sich: Warum geht es mir so tief rein? Was hat das mit mir zu tun? Und gleichzeitig: Bin ich die Einzige, die so empfindet? Alle anderen scheinen diese Probleme nicht zu haben – oder zumindest nicht so stark.
Und da sind wir bei einem tiefsitzenden menschlichen Gefühl gelandet: vielleicht dem schlimmsten aller Gefühle, das ein Mensch haben kann – Scham. Scham, es nicht im Griff zu haben. Scham vor der eigenen Unzulänglichkeit und Unfähigkeit.
Die Leserinnen und Leser fühlen sich vermutlich in ihren Herausforderungen verstanden, für die sie sich insgeheim schämen und für die sie sich eine Lösung ersehnen, aber keine Ahnung haben, wie sie diese finden können.
Kolumne mit Barbara Eiselen
Barbara Eiselen ist Agronomin und war viele Jahre in der landwirtschaftlichen Lehre und Forschung in den Bereichen Betriebswirtschaft, Agrarpolitik und -märkte tätig. Sie schreibt einmal im Monat für den «Schweizer Bauer» und greift in ihrer Kolumne Themen auf, die unsere Leser beschäftigen.
In ihrer beruflichen Laufbahn erkannte sie, dass es sich bei Hofstrategien und betriebswirtschaftlichen Fragestellungen meistens um tieferliegende Themen handelt.
Barbara Eiselen bildete sich fort in den Bereichen Coaching, Psychologie und Familiensysteme und ist heute selbstständige Beraterin. Sie hat die Vision, die Hemmschwelle für Tabu-Themen in der Landwirtschaft zu brechen, so dass man sich frühzeitig Hilfe für die wahren Probleme holen darf.
Sie nennt es «den Service für die Seele, die Psyche und die Ehe, genauso wie der Traktor auch seinen jährlichen Service bekommt». Eiselen ist Bauerntochter und Ex-Schwiegertochter einer Bauernfamilie.
Unsichtbare Probleme
In vielen Fällen handelt es sich nicht um technische Herausforderungen wie Finanzierungspläne, Liquidität, Milchqualität oder Tiergesundheit. Für diese gibt es meist technisch und wissenschaftlich gut erarbeitete Lösungen – und entsprechende Fachpersonen.
Die Probleme, mit denen sich aber Hunderttausende beschäftigen, sind anderer Natur: unsichtbarer, tiefersitzender, schwerer zu greifen. Genau damit beschäftige ich mich in meinem jetzigen Berufsleben. Für diese Probleme gibt es keine technischen Anleitungen – sie werden häufig sogar übersehen oder ignoriert, weil sie nicht ins klassische Berufsprofil passen.
Hier setzt meine Kolumne an. Sie wirft Licht auf genau jene Themen, die so schwer zu fassen, aber weit verbreitet sind. Und deshalb wird sie wohl so oft gelesen.
Das Paradox des Coachings
Doch eine Frage bleibt: Warum lesen so viele, aber nur wenige kommen ins Coaching? Hier beginnt die Paradoxie. Als Coach habe ich DIE Lösung nicht. Und genau das verleitet manche dazu zu sagen, Coaching sei sowieso nutzlos. Und der Witz daran? Unter gewissen Umständen stimmt das sogar!
Es geht im Coaching darum, die tieferen Strukturen und Muster zu erkennen – oft an sehr banalen Beispielen. Doch man schämt sich für diese Banalitäten und fühlt sich schlecht, solche vermeintlich einfachen Dinge nicht im Griff zu haben. Dabei verbirgt sich darunter weit mehr. Es ist wie bei einem Eisberg: Man sieht nur die kleine Spitze, für die man sich schier schämt. Doch die entscheidenden Dynamiken liegen unsichtbar darunter. Und genau diese sichtbar zu machen, ist die Leistung des Coachings.
Nicht selten liegen die grössten Schlüssel in der Bearbeitung banalster Dinge. Erkennt man die Dynamik nicht, dreht man ewig im Kreis. Über Jahre, manchmal Jahrzehnte. Man ist wie gefangen. Versteht man jedoch die eigene Struktur in diesen Dynamiken, ergeben sich die Lösungen schon fast von selbst. Der Mensch wird handlungsfähig, weil er erkennt, was er ändern kann. Und das braucht Mut. Jede Lösung ist individuell. Und um sie zu bekommen, muss man bereit sein, sich zu öffnen und die eigene Scham zu überwinden. Will das jemand nicht, ist das völlig legitim, aber dann nützt Coaching tatsächlich nichts.
Texte berühren, wenn sie das Unsichtbare sichtbar machen. Ich schreibe nicht, weil ich besonders gut schreiben kann, sondern weil mich diese Themen selbst tief berühren. Und ich weiss, wie schwer es ist, Scham allein zu tragen. Vermutlich beginnt genau hier Veränderung: wenn ein Mensch merkt, dass er mit seinem Unsichtbaren nicht mehr allein ist.