Weg ohne Nutztiere: Betrieb stellt sich neu auf

Anfang September 2025 entschied sich der 200. Hof in der Schweiz, die «Transfarmation» in Angriff zu nehmen – die Umstellung auf eine Landwirtschaft ohne Nutztierhaltung. Thomas Reinhard und Fabienne Meier vom Naturhof Waltwil 4 haben diesen Schritt vor rund drei Jahren gewagt.

Muriel Willi |

Eine Herde Schafe der Rasse Shropshire, vier Schweine, sechs Kühe der Rasse Galloway und drei kleine Hühnergruppen in grosszügigen Ausläufen verteilen sich auf dem Weideland des Naturhofes Waltwil 4 in Wengi bei Büren im Kanton Bern. Hinter den Weiden erstreckt sich extensiv bewirtschaftetes Ackerland und neben dem Wohnhaus leben sieben Pferde in einem Offenstall mit Paddocktrail.

Pensionspferdehaltung

Die Pensionspferdehaltung bildet ein wichtiges Standbein des Hofes. Der Anbau und die direkte Vermarktung alter Getreidesorten wie Emmer, Einkorn, Dinkel und Roggen sind ein zweiter wichtiger Betriebszweig. Im Hofladen und neu auch via Getreideabo werden die in einer lokalen Mühle und von einem Kleinverarbeiter zu Kernotto, Müeslimischungen oder Teigwaren veredelten respektive verarbeiteten Urgetreide verkauft. «Was uns trägt, sind zudem die Veranstaltungen, die wir organisieren, sowie Tierpatenschaften und Gönnerschaften», erklärt Fabienne Meier.

Genutzt im konventionellen Sinne werden die verschiedenen Tiere auf dem Hof im Berner Seeland nämlich nicht mehr. Heute dürfen die teils geretteten und teils seit längerem auf dem Betrieb gehaltenen ehemaligen Nutztiere ihr Leben unter möglichst artgerechten Bedingungen geniessen. An Veranstaltungen vermitteln sie Gross und Klein, was ihre Bedürfnisse sind und was ihr Wesen ausmacht. Zudem ermöglichen sie den Besuchenden einen direkten Kontakt mit ihnen.

Früher 2000 Legenhennen

Vor ein paar Jahren sah es auf dem rund 20 Hektaren umfassenden Biobetrieb noch ganz anders aus. 2000 Legehennen lebten auf dem Hof, den das junge Paar 2016 von Thomas’ Vater übernommen hatten. Auf den Feldern wurde Mais und Getreide als Tierfutter angebaut.

«Der Alltag mit unseren Hühnern war weit weg vom idyllischen Bild, das die Grossverteiler zeichnen», erinnert sich Fabienne Meier. Diese Art der Tierhaltung mochte das Betriebsleiterpaar aus ethischen, aber auch ökologischen Gründen nicht länger tragen. Vor allem den Moment des Ausstallens erlebten Fabienne Meier und Thomas Reinhard jeweils als sehr belastend. 2022 fasste das Paar den Entschluss zur Neuausrichtung ihres Betriebs.

Von Tierhaltung zur pflanzlichen Produktion

Schweizweit sind es mittlerweile 200 Höfe, die Sarah Heiligtag mit «Transfarmation» Schweiz seit 2019 weg von der tierischen hin zu einer pflanzlichen landwirtschaftlichen Produktion begleiten durfte. Knapp zwanzig davon betreiben einen sogenannten Lebenshof, auf dem die ehemaligen Nutztiere weiterhin als Vermittler von Tierschutzanliegen, zum Aufbau einer Unterstützergemeinschaft und als Landschaftspfleger ihren Platz haben.

Der Lebenshof und Verein Hof Narr, den das Ehepaar Sarah und Georg Heiligtag gemeinsam mit einem zwölfköpfigen Team in Hinteregg im Kanton Zürich führt, ist zu einem Leitstern veganer Landwirtschaft geworden. Die studierte Ethikerin und Landwirtin Sarah Heiligtag berät Höfe in der Umstellung und schreitet auf ihrem Hof mit einem Konzept, das den Tierschutzgedanken mit Öffentlichkeitsarbeit und einer Ausrichtung auf Gemüsebau kombiniert, voran.

Lange Identitätssuche

«Das Interesse an ‹Transfarmationen› wächst kontinuierlich, eine Hemmschwelle ist allerdings, dass die Politik bisher den Anbau pflanzlicher Proteine kaum unterstützt und die Konkurrenz aus dem Ausland somit sehr gross ist», ordnet Sarah Heiligtag die Zahl der Hofumstellungen ein.

In der fehlenden politischen Unterstützung ihrer Art von Landwirtschaft sieht auch Fabienne Meier ein Hindernis. Dieses hielt sie und ihren Partner allerdings nicht davon ab, von der intensiven Nutztierhaltung auf die rein pflanzliche Produktion umzusatteln. Wie genau ihr Naturhof aussehen würde, auf welchen Standbeinen er stehen sollte, dies hingegen war eine lange Identitätssuche. «Erst jetzt, nach rund drei Jahren, ist die Idee fix, wofür unser Hof stehen soll», sagt Fabienne Meier.

Zwischen Idealismus und wirtschaftlicher Realität

Auch sonst war der Weg der Umstellung oft von Steinen gesäumt. Mit dem Ausstieg aus der Eierproduktion fiel der Hauptteil des Einkommens und der Direktzahlungen weg. «Die Wirtschaftlichkeit ist unsere grösste Herausforderung, auch weil wir zur Direktvermarktung unseres Urgetreides weder auf eine bestehende Infrastruktur noch auf einen Kundenstamm zurückgreifen können», erzählt die Betriebsleiterin. Zudem gibt es viele neue Themen, in die es sich einzuarbeiten gilt.

«Der Beginn einer ‹Transfarmationen› weckt viel Aufmerksamkeit, danach liegt die Kunst darin, mit Engagement und Leidenschaft sichtbar zu bleiben», teilt Fabienne Meier ihre Erfahrung. Begibt sich ein Hof in die Umstellung, ist viel Kreativität und Innovation gefragt, denn eine Patentlösung gibt es nicht. Und vor Kritik dürfen sich ‹transfarmationswillige› Landwirtinnen und Landwirte nicht fürchten, darüber sind sich Sarah Heiligtag und Fabienne Meier einig.

Kritik aber auch Unterstützung

Die grössten Vorbehalte kommen nicht selten aus dem engsten Verwandten- und Bekanntenkreis, weiss Sarah Heiligtag. Hofumstellungen können Familienkonflikte auslösen. Ganz so dramatisch war es bei Thomas Reinhard und Fabienne Meier nicht. «Meine Schwiegereltern respektieren, was wir tun, auch wenn unsere Neuausrichtung für sie teilweise wie eine Kritik an ihrer Lebensleistung wirkte», erzählt Fabienne Meier.

Die Haltung von Nutztieren ist tief in unserer Kultur verankert. Eine vegane Landwirtschaft rufe Ablehnung hervor und werde als Bevormundung empfunden, vermutet die Betriebsleiterin. «Ein Problem liegt oft darin, dass nicht miteinander, sondern übereinander geredet wird – bei einem direkten Austausch könnten die Fronten enthärtet werden», ist sich Sarah Heiligtag sicher. Direkte Kritik kam den Waltwilern infolge ihrer Hofumstellung nicht zu Ohren: «Unser Nachbar führt einen Milchviehbetrieb und mit ihm verstehen wir uns nach wie vor so gut, dass wir einzelne Maschinen teilen», so Fabienne Meier.

Bewundernde Worte reichen nicht

Aus der breiten Gesellschaft spüren beide Frauen Unterstützung. Sie sind sich einig, dass dieses Wohlwollen der Motor für ihre Bemühungen ist. Nur von bewundernden Worten und vielen Klicks auf den Sozialen Medien allein lebt es sich aber nicht, gibt Fabienne Meier zu bedenken. Für das Weiterbestehen in dieser Form ist ihr Naturhof auf Gönnerschaften, Tierpatenschaften und Kunden für seine Produkte und Events angewiesen.

«Wir möchten zeigen, dass es funktioniert, diese Art Landwirtschaft zu betreiben und blicken bei allen organisatorischen und wirtschaftlichen Hürden positiv in die Zukunft unseres Naturhofes», sagt die junge Frau mit Nachdruck. Zu sehen, wie das Leben auf die strukturreichen und kleinräumigen Felder mit den vielen Naturwiesen und einer Buntbrache zurückkehrt und wie wohl sich ihre Tiere fühlen, ist für Fabienne Meier die Bestätigung, auf dem richtigen Weg zu sein.

-> Hier gehts zur Website des Naturhofs Waltwil 4

Kommentare (2)

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  • Biobauer mit Familie | 19.01.2026
    Säge nur jedem das seine....
    Wir sind als Biobetrieb eher ein intensiver Betrieb, lassen gärgülle von der kompogas zu führen bis ans maximum etc. Halten zu dem gut 50 Mutterkühe..... Ziel ist pro Jahr und Kuh ein Kalb zu Schlachten.
  • Stadtbauer | 19.01.2026
    Wieder ein Geschäftsmodel mehr.....
    Die dummen sind die,die denen noch ihr
    Erspartes zahlen.
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